„Die Kunst ist, rechtzeitig aufzuhören“

Jürgen Illing zeigt in der Murrhardter Kreissparkasse Zeichnungen und Aquarelle – Im Mittelpunkt steht das Porträt

Jürgen Illing findet seine Modelle und Motive in der näheren Umgebung, aber auch in der einen oder anderen Publikumszeitschrift. Gesichter haben es ihm angetan, insbesondere, wenn eine Menge Leben in ihnen steckt. „Je mehr Falten, desto interessanter“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Jürgen Illing mit einem seiner Lieblingsbilder der Ausstellung – „ Mann mit Turban“ – in der Murrhardter Kreissparkasse. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Wenn er dann die Bilder einer Illustrierten durchblättert, landet er in dieser Hinsicht doch öfters bei Männern, weil für Frauen, die im Rampenlicht stehen, Falten schlecht fürs Geschäft, ja fast schon tabu sind. „Mann mit Turban“ ist ein Porträt, das in seiner aktuellen Ausstellung in der Murrhardter Kreissparkasse zu sehen und genau so entstanden ist. Jürgen Illing weiß nicht mehr genau, wo er das Foto gefunden hat, das ihm für seine Zeichnung als Vorlage diente. Gesicht, Falten und Bart haben einfach sein Interesse geweckt. Wichtig ist ihm, dass ein Bild auch den besonderen Ausdruck des Porträtierten einfängt.

„Ich höre nach einer bestimmten Zeit auch auf und lege die Zeichnung weg. Mit einem gewissen Abstand sieht man später besser, was nicht stimmt“, erzählt er. Manchmal, wenn im Fernsehen Großaufnahmen von Gesichtern zu sehen sind, springt sein kreatives Ich an, und er fragt sich, wie die jeweilige Perspektive wirkt und was besonders spannend ist. „Für mich gehören dazu neben dem generellen Ausdruck auch das Augenlicht, Spiegelungen und das Spiel von Licht und Schatten.“

Jürgen Illing hat sich schon früh fürs Malen und Zeichnen interessiert. Mit 16 Jahren ging es auf eine Reise nach Frankreich, dort lernte er die französische Partnerstadt Château-Gontier kennen und machte auch in Paris Station. Die Bilder, die er am Montmartre und in Museen sah, faszinierten ihn. „Ich hab dann Ölfarben geschenkt bekommen“, erzählt er, „und in der Zeit beim Bund hab ich angefangen, zu zeichnen.“ Während des Berufslebens trat die private Leidenschaft in den Hintergrund. Mit dem Beginn seines Ruhestands vor sechs Jahren hat der Murrhardter wieder äußerst zielstrebig mit dem Zeichnen begonnen, auch Kurse besucht und seit drei Jahren das Aquarell als neue, weitere Technik für sich entdeckt. „In beiden Fällen arbeitet man vom Hellen ins Dunkle.“

Wenn dann der zweite Samstag im Monat vor der Tür steht, kann er eines seiner aktuellen Projekte mit ins Grabenschulhaus nehmen. Dort hat er die Möglichkeit, sich gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Kunst- und Maltreffs ins Arbeiten zu vertiefen und auszutauschen. „Die Kunst ist, rechtzeitig aufzuhören“, sagt er. „Manchmal läuft man Gefahr, etwas kaputt zu machen, wenn man weiterarbeitet.“ Der 66-Jährige verwendet fast ausschließlich Fotos als Vorlage, dass ihm jemand Modell sitzt, möchte er niemandem zumuten.

Jürgen Illings Bilder zeigen zum einen seinen Mut, sich auf den Ausdruck und einen gut gewählten Ausschnitt zu konzentrieren, zum anderen auch seine Experimentierfreudigkeit. Ein paar Beispiele: Der „Clown“ in Aquarelltechnik schaut einen traurig an, wobei seine zur Kostümierung gehörenden langen Hasenzähne dies wunderbar konterkarieren. Der Zeichnung „Mädchen“ merkt man an, wie sehr Jürgen Illing die Augen seines jungen Modells fasziniert haben. Äußerst lebendig fallen die zwei Katzenbilder aus, die sich in der Ausstellung finden – das eine Tierchen zeigt sich hellwach, mit weit aufgerissenen Augen (Aquarell), das andere friedlich schlummernd (Zeichnung). Eine Art Kontrapunkt zu seinen genau ausgearbeiteten Porträts setzt Illing mit zwei Bildern, die durch seine „Kugelschreibertechnik“ frei und offen wirken. Die Form eines Gesichts liegt in der mit lockerem, fast wildem Strich geführten Skizze („Maskenhaft“) genauso wie die Gestalt eines „jungen Mannes“ und ist im Gegensatz zu den anderen Bildern völlig ohne Vorlage entstanden. Die Aktzeichnungen konzentrieren sich auf das Spiel mit Licht und Schatten, das Bild „Ausgeflippt“ kombiniert Porträt mit den Möglichkeiten des Aquarells und seiner freien Farb- und Formgebung. Nicht zuletzt finden sich auch einige bekannte Persönlichkeiten, sprich Promis, unter den Porträts wie Udo Jürgens, Peter Maffay („Die Haare waren eine echte Herausforderung.“) oder Beyoncé.

Nicht zuletzt zeugen die Bilder von Jürgen Illings Freude, die verschiedensten Techniken auf ihre Vorzüge hin auszuloten und immer wieder Neues zu entdecken. Der Murrhardter überlegt zurzeit, ob er sich nicht auch mal an Acrylfarben wagen soll. So steht auch der Kunst- und Maltreff der Volkshochschule Murrhardt dafür, sich immer wieder mit Gleichgesinnten auf den kreativen Weg zu machen, sich gegenseitig anzuregen und sich auszutauschen.