Von der frühen Begegnung mit Dr. Martin

Evangelische Kirchengemeinde Murrhardt blickt aufs Reformationsjubiläum: Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer liest aus ihrem Buch

Sie schreibt unterhaltsam und alltagsnah, ihre Sätze bringen das Wesentliche auf den Punkt und bleiben im Gedächtnis. Lucie Panzer stellte ihr Buch „Der Herr Jesus, Dr. Martin und ich“ bei einer Lesung in der Alten Abtei in Murrhardt vor. Zudem gab sie interessante Einblicke in ihre Arbeit als Rundfunkpfarrerin beim SWR.

Kam durch die Idee eines Kollegen zu ihrer heutigen Arbeit als Rundfunkpfarrerin: Lucie Panzer, die in Murrhardt ihr Buch vorstellte. Foto: J. Fiedler

Von Annette Hohnerlein

MURRHARDT. „Ihre Stimme ist uns vom Rundfunk am frühen Morgen wohlbekannt“, sagte Kirchengemeinderätin Inge Brehmer von der evangelischen Kirche Murrhardt bei der Begrüßung des prominenten Gastes, der viele Zuhörer in die Alte Abtei gelockt hatte. „Anstöße“ und „Morgengedanke“ heißen die dreiminütigen Beiträge von Lucie Panzer und ihren Kollegen, die SWR1 und SWR4 jeden Morgen kurz vor den 6-Uhr- und den 7-Uhr-Nachrichten im Radio senden.

Genauso komprimiert wie die Rundfunkbeiträge sind auch die kurzen Geschichten in Panzers Buch „Der Herr Jesus, Dr. Martin und ich“, in dem die Autorin ihr Verhältnis zu Jesus Christus und Martin Luther auf sehr persönliche, fast intime Weise beschreibt.

Sie nimmt ihr Publikum mit auf die Reise in ihre Kindheit, in der der Glaube zum Alltag gehörte. Das Tischgebet „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast“ verstand die kleine Lucie so, „dass der Herr Jesus dafür sorgt, dass man groß und stark wird“. Das fand sie nett von ihm und behielt die Bezeichnung „Herr Jesus“ bei.

Luther sah aus wie ein Mix aus

dem Herrn Pastor und Beethoven

Martin Luther begegnete ihr im Schulgottesdienst. Auf einem Kirchenfenster sah sie „einen würdigen Herrn im Talar, der aussah wie eine Mischung aus unserem Pastor und Beethoven, der bei meiner Oma auf dem Klavier stand“. Von dem Schriftzug Dr. Martin Luther sah sie zunächst nur die erste Hälfte, sodass der Reformator fortan für sie Dr. Martin hieß. Mit Herrn Jesus und Dr. Martin verbinde sie so eine Art Lebensgemeinschaft, erklärt Panzer.

Ob Martin Luther seine 95 Thesen vor 500 Jahren tatsächlich an die Tür der Wittenberger Kirche angeschlagen hat oder ob er sie auf andere Weise publik gemacht hat, ist unter Historikern umstritten. Das sei jedoch egal, so die Autorin, entscheidend vielmehr, dass er darin die Ablassbriefe anprangerte, weil man Gottes Liebe nicht kaufen könne.

Die Thesen hätten so große Wirkung entfaltet, weil die Zeit dafür reif gewesen sei: „Sie sagten, was viele dachten.“ Zudem sorgte der Buchdruck, der ein paar Jahrzehnte zuvor erfunden worden war, für eine weite Verbreitung. In der Folge kam es zur Kirchenspaltung, durch die viel Unglück entstanden sei, so Lucie Panzer. Auch heute seien sich die Konfessionen nicht in allem einig, „aber wir reden miteinander“.

Luthers Bibelübersetzung aus dem Lateinischen ins Deutsche war auf ein möglichst breites Verständnis ausgelegt. Er beschrieb seine Zielgruppe so: „Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen.“ Zu diesem Zweck habe Luther den lateinischen Text relativ frei übersetzt, erläutert Lucie Panzer. So wurden zum Beispiel aus Sklaven und Sklavinnen in Luthers Übersetzung Knechte und Mägde, „damit die Leute merken, da ist ja von mir die Rede“. Der Erfolg gab dem Reformator recht, seine Bibelübersetzung wurde ein Bestseller, und schon zwei Jahre später stand in jedem fünften Haushalt in Deutschland eine Lutherbibel.

Einen ähnlichen Anspruch wie Luther, nämlich die Gläubigen in ihrem Alltag zu erreichen, hat auch Lucie Panzer in ihrem Buch. Die Geschichte mit dem Titel „Abgelästert“ ist ein Plädoyer gegen Mobbing, das die Gedanken vergifte („Wie man redet, das prägt das eigene Denken“). Trotz aller Krisen und Kriege fordert sie ihre Mitmenschen auf, mit mehr Zuversicht in die Zukunft zu sehen und zitiert einen Satz, der zwar nicht von Luther stamme, ihm aber bestimmt gefallen hätte: „Wenn morgen die Welt unterginge, will ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Verhältnis zu Juden: Es gibt widersprüchliche Aussagen

Ein Kapitel des Buches behandelt Luthers Verhältnis zu den Juden, das von widersprüchlichen Aussagen geprägt ist. Einerseits habe er gefordert, man müsse „das Gesetz der christlichen Liebe an ihnen üben“, andererseits habe er später eine Schrift verfasst, in der er dazu aufrief, die Synagogen zu verbrennen, die Juden zu vertreiben und ihren Besitz zu beschlagnahmen. Lucie Panzers Fazit: „In der Judenfrage hat Luther gedacht und geschrieben wie andere vor und nach ihm. Das war schlimm.“

Bei der anschließenden Fragerunde wollte ein Zuhörer wissen, wie man Rundfunkpfarrer wird. Lucie Panzer erzählt, dass ihr ein Kollege während ihrer zehnjährigen Familienpause vorschlug, für den Rundfunk zu arbeiten. „Ich hab das versucht, das ging gut, vielen Leuten hat das gefallen.“

Panzer, die auch Kollegen für die Radiobeiträge aussucht, erzählt von dem Problem, dass manche der Kandidaten ein ausgeprägtes Schwäbisch sprechen, die Sendung aber auch im Badischen und Teilen von Rheinland-Pfalz empfangen wird. Die Lösung: „Für die schweren Fälle haben wir einen Sprecherzieher.“

Den Vorschlag eines Zuhörers, in den SWR-Sendungen auch muslimische Geistliche zu Wort kommen zu lassen, befürwortet Panzer zwar, allerdings gebe es eine Regelung im Staatsvertrag, in dem Sendezeiten nur für Körperschaften öffentlichen Rechts vorgeschrieben sind. Sie verweist auf SWR-Info im Internet: „Da gibt es eine Verkündigungssendung für Muslime. Aber das ist eine Notlösung.“