Widerstandskämpfer und Widersacher

Start ab morgen: Serie über Personen mit Bezug zu Murrhardt, die sich gegen die NS-Diktatur engagierten, und einen NS-Funktionär

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Nur wenig ist bisher bekannt über die Ereignisse und Akteure in der Walterichstadt und ihrer Umgebung während der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs. Vor drei Jahren hat Christian Schweizer, Leiter des Carl-Schweizer-Museums, mit umfangreichen Recherchen und Forschungsarbeiten begonnen, um diese Lücke in der Stadtgeschichte zu schließen.Damit bereitet er eine heimatkundlich-zeitgeschichtliche Ausstellung vor für die geplante Erweiterung des Museums.

Zudem drängt die Zeit, da es immer weniger hochbetagte Zeitzeugen gibt, die noch über ihre Erlebnisse und Erinnerungen berichten können. Darum ist es wichtig, die Heimatgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts möglichst bald wissenschaftlich aufzuarbeiten. „Die Erinnerungen der noch lebenden Zeitzeugen, die vor über 70 bis 80 Jahren Kinder und Jugendliche waren, sind zwar wertvoll, aber sehr lückenhaft“, hat Schweizer festgestellt.

Zudem habe die Bevölkerung damals kaum etwas mitbekommen von den Aktivitäten von Widerstandskämpfern mit persönlichen Bezügen zu unserer Stadt. Laut Schweizer bestand ein großes Netzwerk aus Ärzte-, Akademiker- und Künstlerfamilien. So kannten sich beispielsweise die Familien des Allgemeinarztes Dr. Otto Nägele, Bruder des Kunstmalers Reinhold Nägele, und des Chefarztes Dr. Franz Jaeger, Sohn des Murrhardter Ehrenbürgers Professor Gustav Jäger. Auch gab es mehrere Widerstandsgruppen, die möglicherweise durch verwandtschaftliche und/oder berufliche Beziehungen miteinander in Kontakt standen, wobei jedoch viele Details noch unerforscht sind.

Einige davon stehen im Mittelpunkt einer vierteiligen Serie der Murrhardter Zeitung, die morgen startet und in der Christian Schweizer über seine Forschungen berichtet. Aber auch die Machenschaften der damaligen NS-Aktivisten „sind den meisten Murrhardtern verborgen geblieben, und falls doch einmal jemand etwas wusste, wurde dies nach dem Krieg verschwiegen“, hat Schweizer festgestellt. Der erste Teil der Serie erzählt von der Freundschaft zwischen der Murrhardter Familie Dr. Otto Nägele und der Ulmer Familie Robert Scholl. Im Fokus steht dabei der intensive Briefwechsel zwischen Rose Nägele und Hans Scholl, führendes Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. „Diese Briefe zeigen eindeutig, dass beide eine Liebesbeziehung zueinander entwickelten“, betont Schweizer.

Im zweiten Teil stellt Schweizer den Offizier Friedrich Gustav Jaeger vor. Der Sohn des Arztes Dr. Franz Jaeger und Enkel von Professor Gustav Jäger gehörte dem militärischen Widerstandskreis der Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an und sollte im Rahmen der „Operation Walküre“ wichtige Aufgaben erfüllen.

Im dritten Teil berichtet der Museumsleiter über den Bankmanager und Wirtschaftsfachmann Rudolf Hartmann, der in Murrhardt ein Sommerhaus hatte. Bereits einige Jahre vor Beginn der NS-Diktatur war er ein überzeugter Gegner der Nationalsozialisten und wurde später engagierter Widerstandskämpfer sowie Mitglied der militärischen Widerstandsgruppe in Frankreich um General Carl Heinrich von Stülpnagel.

Und im abschließenden vierten Teil verdeutlicht der Heimatgeschichte-Experte die Machenschaften des Murrhardter Bankkaufmanns, NS-Funktionärs und Gauwirtschaftsberaters Walther Reihle. Er war einer der schärfsten Widersacher der Widerstandskämpfer, der persönlich die jüdische Textilfabrikantenfamilie Elsas enteignete.

Bei den Recherche- und Forschungsarbeiten, die Christian Schweizer komplett ehrenamtlich leistet, gehe es um Personen und Ortsgeschichte, aber auch um übergeordnete Strukturen. Sie seien mit vielen Schwierigkeiten und enormem Zeitaufwand verbunden, auch weil die schriftlichen Quellen in verschiedenen Archiven weit verstreut liegen und eine mühsame Suche erfordern. Des Weiteren „bedürfen die Quellen einer sehr zeitaufwendigen Auswertung, die gerade erst begonnen hat“. Darum „berichte ich über einige meiner ersten Erkenntnisse und Zwischenergebnisse“, schränkt der Museumsleiter ein.

Es werde noch einige Zeit dauern, bis er seine Untersuchungen so weit abgeschlossen hat, dass er deren Ergebnisse veröffentlichen kann. Der Heimatgeschichte-Experte geht auch der Frage nach, ob in Murrhardt möglicherweise geheime Treffen zwischen Mitgliedern verschiedener Widerstandsgruppen stattfanden. Da es „aber in der Natur der Sache liegt, dass diese ja geheim waren“, sei es schwierig, herauszufinden, wer noch etwas dazu wissen und darüber berichten könnte.

Aus den Reichstagswahlergebnissen und den Namen der aktiven NS-Anhänger wird laut Schweizer deutlich, dass die Mehrheit der Murrhardter pronationalsozialistisch eingestellt war. Doch habe es unter den Einwohnern auch Widerstand gegeben, so bei einigen Familien, die Mitglied der Zeugen Jehovas, politisch christlich-liberal oder sozialdemokratisch engagiert waren, wie eine Familie Wohlfarth, aber auch die meisten evangelischen Pfarrer.