Geschwister Scholl zu Gast am Linderst

Serie Widerstand zur NS-Zeit (1): Seit 1929/30 waren Nägele-Kinder mit späteren Mitgliedern der Weißen Rose befreundet

Die Freundschaft zwischen den Kindern der Familien Nägele und Scholl bestand bereits seit deren Schulzeit, wie eine Vielzahl von Briefen belegt. „Es ist überraschend, dass man in Murrhardt heute kaum noch etwas darüber weiß“, findet Heimatgeschichte-Experte Christian Schweizer.

Mehrfach waren die Geschwister Scholl im Wochenendhaus der Familie Nägele am heutigen Linderstweg zu Gast, wo sie einige Sommer- und Weihnachtsferien verbrachten. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Ein wichtiger Grund dafür sei, dass viele der Briefe und weitere wichtige Quellen der Forschung bisher noch nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung standen wegen den langen Archiv-Sperrfristen. Einige davon sind inzwischen abgelaufen, andere bestehen indes noch weiter, da die betreffenden Personen noch leben oder erst vor Kurzem verstorben sind, erklärt Schweizer. Mehrfach waren die Geschwister Scholl im Wochenendhaus der Familie Nägele am heutigen Linderstweg zu Gast, wo sie einige Sommer- und Weihnachtsferien verbrachten, später kamen auch einige Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose zu Besuch.

In Murrhardt verbrachten

Elisabeth und Sophie Scholl

unbeschwerte Tage

Davon erzählte der damalige Murrhardter Gymnasiast Hans-Dieter Bienert, der heute die Gruppe Geistes- und Kulturwissenschaften in der Geschäftsstelle der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Berlin leitet, in einem Artikel der Murrhardter Zeitung vom 25. März 1989. Für seine Recherchen wertete er unter anderem das „Linderstbuch“ aus, ein kleines Haustagebuch, das die Familie Nägele seit 1939 führte und in dem sie über die Besuche der Scholls berichtet. Laut Bienert befreundeten sich die Geschwister Nägele und Scholl bereits als Schüler, als sie um 1929/30 Mitglieder in einer bündischen Jugendorganisation waren.

Im Herbst 1937 kamen Elisabeth und Sophie Scholl nach Murrhardt, ebenso im Oktober 1939, wo sie unbeschwerte Tage verbrachten. Die künstlerisch begabte Sophie liebte die Stille und Natur und fertigte Illustrationen an zu den von Hanspeter Nägele neu übersetzten Peter-Pan-Geschichten des Engländers Sir James Matthew Barry. Die Geschwister Scholl schrieben einander sowie ihren Freunden und Angehörigen eine Vielzahl von Briefen.

Das Schreiben diente ihnen dazu, die Beziehungen aufrechtzuerhalten, es war für sie aber auch eine Befreiung und ein bewusstes Verarbeiten unerträglicher Situationen, wobei sie versuchten, sich über sich selbst, ihre Gedanken und Gefühle klar zu werden.

Im Frühjahr 1942 begann Sophie ein Biologie- und Philosophiestudium in München und kam in den Freundeskreis ihres Bruders Hans aus Medizinstudenten, der sich bis Mitte 1942 zur Widerstandsgruppe Weiße Rose entwickelte. So lernte sie auch den in Russland geborenen Alexander Schmorell und Christoph Probst kennen, die auch einige Male im Nägele-Haus zu Besuch waren. Im Sommer 1942 mussten die Medizinstudenten als Sanitäts-Feldwebel-Anwärter an die Ostfront. Nach ihrer Rückkehr im Oktober begannen sie Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen zu knüpfen, und im November 1942 besuchte Hans Scholl Hanspeter Nägele in Murrhardt.

Von einem Gespräch mit Maria Nägele berichtete Alexander Pusch als Teilnehmer des Geschichte-Leistungskurses am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium. Es wurde veröffentlicht im 1995 erschienenen zweiten Band der Schriftenreihe „Murrhardt – Vergangenheit und Gegenwart“ über das Jahr 1945 und das Ende des Zweiten Weltkrieges in unserer Region. Darin erzählt Maria Nägele von den Kriegserlebnissen ihrer Familie, die im Blockhaus am Linderst „relativ abgesondert“ vom Ortskern und den dortigen Ereignissen lebte.

Kritische Haltung gegenüber

dem Nationalsozialismus

„Auch ideologisch hatte sich unsere Familie vom nationalsozialistischen Denken distanziert, weshalb sie von einigen Einwohnern gemieden wurde.“ Bereits in der Familie „bekam ich eine kritische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus mit“. Ihr Onkel, Kunstmaler Reinhold Nägele, hatte die jüdische Ärztin Dr. Alice Sarah Nördlinger geheiratet, „weshalb seine Malerei im Dritten Reich als verpönt galt“.

Dessen Vetter, der Maler Oskar Zügel, kritisierte in seinen abstrakten Bildern das NS-Regime und musste bereits 1934 aus Deutschland fliehen. 1939 emigrierten Reinhold und Alice Nägele nach Großbritannien und von dort in die USA. Die Familie seines Bruders, des Allgemeinarztes Dr. Otto Nägele, hatte 1939 das Blockhaus am Linderst gekauft und zog 1942 dort ein.

Über die Freundschaft zu den Geschwistern Scholl erzählte Maria Nägele: „Seit 1937 besuchten sie uns ab und zu in Stuttgart, wir fuhren zu ihnen nach Ulm. Die Scholls kamen auch öfters nach Murrhardt, so Sophie und Elisabeth Scholl 1939. Das letzte Mal kamen hierher auch Hans Scholl und Alexander Schmorell nach Neujahr 1942. Als uns dann Inge Scholl im Februar 1943 vom (Hinrichtungs-)Tod ihrer Geschwister schrieb, notierte mein Vater einige erschütternde Zeilen in unser Haustagebuch, das ‚Linderstbuch‘. Meine Mutter ging ins Zimmer meiner älteren Schwester Rose und vernichtete Briefe von Hans Scholl, die politische Inhalte und Informationen über den Widerstand enthielten. Es war kein Fehler, denn am nächsten Tag erschien die Gestapo und durchsuchte unser Haus“, erinnerte sich Maria Nägele.