Rose Nägele und Hans Scholl liebten sich

Inhaltsauszüge und Zitate aus zahlreichen Briefen bringen starke Gefühle füreinander zum Ausdruck

MURRHARDT (eke). Bei Rose Nägele und Hans Scholl entwickelte sich aus der Freundschaft eine Liebesbeziehung: Beide schrieben sich oft und sehnten sich danach, einander zu besuchen. Dies war jedoch wegen der verschiedenen Dienstverpflichtungen und Schwierigkeiten während des Krieges nur selten möglich.

In ihren Briefen und Ansichtskarten verarbeiteten sie, was und wie viel sie füreinander empfanden, ebenso ihre Erlebnisse und Gedanken vor dem Hintergrund der immer schrecklicheren Kriegsereignisse. So machte Hans im Sommer 1942 während seines Wehrmachts-Sanitätsdienstes an der Ostfront bedrückende Erfahrungen.

Für Rose war der körperlich sehr anstrengende Arbeitsdienst in der Landwirtschaft, zunächst am Bodensee, später im Elsass, eine große Herausforderung. Die Briefe von Hans Scholl an Rose Nägele und von Rose Nägele an Hans Scholl aus den Jahren 1941 bis 1943 befinden sich im Bestand Nachlass Inge Aicher-Scholl im Institut für Zeitgeschichte in München und sind als Inhaltsangaben und Zitate aufgearbeitet.

Daraus nun einige Auszüge: Hans wünscht sich, dass Rose ihn besucht, denn ein Besuch von ihm in Stuttgart hätte wenig Sinn, „weil die Familie und bürgerliche Konventionen die Grenzen eng setzen würden“. Es sei sehr wichtig, dass sie sich sehen: „Augen und Mund sprechen eine schönere Sprache“ als Briefe. Beide bringen die starke Sehnsucht und die Liebesgefühle zueinander zum Ausdruck und schwärmen von den gemeinsam verbrachten Ostertagen. Auch wenn sie „Gott Eros huldigten“, müsse das Fundament ihrer Freundschaft ein rein geistiges sein, betont Hans.

„Ihre Briefe seien für

ihn das Schönste“

Es gäbe Dinge, die weit über die Geschlechter hinausgingen, wenn sich zwei Menschen im klaren Geiste gegenüberstünden, um „Ja“ zu sagen. Ihre Briefe seien für ihn das Schönste, was man ihm geben könne, der Tage beginne mit ihren Worten. Sie sei wie er voll innerer Spannungen, unausgeglichen und voller Zweifel an sich selbst. Hans befand sich auf der Suche nach sich selbst und in einem labilen Gemütszustand, auch durch den Krieg bedingt, gleichwohl versicherte er Rose, er sei ihr nur äußerlich und innerlich fern, aber nicht fremd. Noch nie sei seine Achtung vor ihrem reinen Herzen größer gewesen als in diesen Tagen, in denen das Leben zu einer ständigen Gefahr geworden ist.

Rose Nägele spricht von ihren Zweifeln und bittet Hans, am nächsten Sonntag nicht zu kommen, da ihr Bruder sie besuchen will, stattdessen wünschte sie sich einen Brief von ihm. Sie möchte ihn für einige Zeit nicht sehen, damit ihre Sehnsucht wachse. Sie schildert ihre Sehnsucht nach ihm, bittet ihn zu kommen, wann immer er möchte; sie liest aus seinen Briefen Unruhe und Zerstreutheit. Sie beschreibt ihre Familie als Rettungsinsel, auch bittet sie ihn, nicht zu kommen, es müsse sich noch einiges klären.

Sie deutet an, nichts über ihn und seine Familie zu wissen, und erklärt sich dies mit ihrer derzeitigen Distanz. Auf seine Feststellung, dass sie nichts voneinander wüssten, entgegnet sie, dass er sich nur um Klärung bemühen müsse und schildert ihm ihre tiefe Zuneigung und welch große Bedeutung er für sie habe. Sie betrachtet männliches Anlehnungsbedürfnis nicht als etwas Minderwertiges und ihre Beziehung nicht nur als eine freundschaftliche.

Diese Abkühlung der Beziehung könnte wohl eine Folge der traumatischen Kriegserlebnisse von Hans und seine darauffolgende intensive Arbeit in der Widerstandsgruppe Weiße Rose gewesen sein. Rose wünscht sich ein Treffen mit Hans, bei dem beide allein sein können, als dies aber nicht möglich ist, versichert sie ihm ihre Liebe und drückt ihre Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Beziehung aus. Sie setzt weiterhin auf ein Wiederaufleben ihrer Verbindung, wenn sie selbstlos auf sein Glück bedacht bleibt, und bittet ihn um ein Treffen, bevor er München verlässt. Dazu kam es aber nicht mehr vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl.