Zitate und Traumsplitter finden ins Bild

Maler Heiner Lucas weiht Besucher beim Kunstgespräch vor den Originalen der Werkschau in die Geheimnisse seiner Arbeit ein

Jedes Bild von Heiner Lucas stellt einen Mikrokosmos mit eigener Struktur dar. Im aufwendigen Entstehungsprozess spielt die freie Assoziation eine wichtige Rolle. Aus einer Vielzahl unterschiedlichster Dinge, mit denen sich der Künstler beschäftigt, gestaltet er faszinierende farbschillernde Mosaike.

Zwischen Heiner Lucas (vorne rechts) und Kuratorin Gabriele Rösch (links) entstand eine spannende Diskussion um die Interpretation der Werke. Für den Murrhardter Kunstmaler spricht nichts gegen ein ganz freies Herangehen des Betrachters, auch wenn er beim Kunstgespräch in der Galerie ausführlich zu den Hintergründen seiner Bilderwelten Stellung nahm. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Viele Interessierte beteiligten sich am Kunstgespräch über die Werkschau und die Bilder des Murrhardter Kunstmalers direkt vor den Originalen in der städtischen Galerie. „Sie kennen Heiner Lucas besser als ich“, sagte Kuratorin Gabriele Rösch und lud die Besucher gleichzeitig dazu ein, sich einzubringen und dem Künstler Fragen zu stellen. So erkundigten sich einige, wie sich der Einstieg bei der Arbeit an einem Bild gestalte und wann sie abgeschlossen sei. So weihte Heiner Lucas die Gäste in einige Geheimnisse seiner Malerei und Kunstwerke ein.

Seine Bilder entstünden in einem assoziativen Malprozess, wobei immer wieder neue Ideen hinzukommen. Dabei habe er keine generelle Vorgehensweise: Ausgangspunkt sei oft das Interesse an formalen Dingen, woraus eine Bildidee entstehe, aber auch Lyrik oder Musik. Die Arbeit an einem Bild ziehe sich oft über längere Zeit hin, auch sei es schwierig, einen Abschluss zu finden, räumte Lucas ein. Er habe ein Sieb im Gehirn, „in dem Interessantes hängen bleibt“, erläuterte der Künstler. So baue er beispielsweise Zitate aus bekannten Werken der Kunstgeschichte in seine Bilder ein, Bilder oder Gedanken aus Träumen, Momentaufnahmen von Motiven verschiedenster Art sowie eigene, selbst entwickelte Formen und eine daraus gestaltete Formensprache, die er immer wieder verwende.

Unvoreingenommenheit

versus Kennerblick

Der Künstler lud die Betrachter dazu ein, seine Bilder immer wieder neu zu entdecken, wobei er ihnen absolute Freiheit lässt: „Jeder kann meine Bilder so sehen, wie er will.“ Damit widersprach er Gabriele Röschs Auffassung, dass man einen „Kennerblick“ und Hintergrundwissen benötige, um seine Bilder zu verstehen. Manche Werke seien für den Betrachter schwierig zu erschließen wegen ihrer hohen Komplexität, so ein Besucher. Viele Bilder seien sehr vielschichtig und kleinteilig, mit einer enormen Vielfalt an Motiven und Details, die zudem in viele kleine Farbflächen zerlegt sind, und darum nicht so leicht zugänglich, fand auch Rösch. „Das muss der Betrachter aushalten können“, stellte der Kunstmaler dazu fest.

Auf Nachfragen der Kunsthistorikerin hin erläuterte Heiner Lucas einige der ausgestellten Werke. „Im Keller des Gedächtnisses“ für Anna Achmatowa zeige keinen Kohlkopf, sondern eine Pfingstrosenblüte in kraftvoll leuchtendem Blau als Symbol für die russische Dichterin. Die Blüte umgebe ein kerkerartiger Keller, gefüllt mit „Gerümpel“ aus Utensilien und Werkzeugen voller privater Bezüge, erzählte Lucas, den Achmatowas Lyrik zu dem Bild inspirierte. Vor allem ihre bezaubernden romantischen Liebesgedichte seien in der russischen Bevölkerung beliebt und verbreitet gewesen und wurden zum Teil aus dem Gedächtnis auf Birkenrinde geschrieben, erzählte der Künstler. Denn seit 1922 wurden Achmatowas Werke nicht mehr gedruckt, zudem war sie während der Stalin-Zeit mit einem Schreibverbot belegt.

Die Farbe Gelb spiele eine große Rolle, signalisiere Gefahr und wirke aggressiv, fiel Gabriele Rösch auf. Heiner Lucas dazu: Sie stehe für Licht und Sonne, auch habe Gelb für ihn eine ähnliche Funktion wie der Goldgrund bei Ikonen und in der mittelalterlichen Malerei: Gelb mache das Bildzentrum transzendent, sprich raum- und zeitlos. Historische Bezüge weist das Doppelporträt von Thomas Mann und Max Hermann-Neiße auf. In einem Container in Bautzen habe er ein Kalenderblatt entdeckt, das an Neiße erinnerte und ihn zu diesem Bild inspirierte, erzählte Heiner Lucas.

Neiße sei ein „Star der Literaturszene in der Weimarer Republik“ gewesen, den George Grosz porträtierte, ergänzte Rösch. Das Kalenderblatt zeigte die Verbindung der beiden Autoren auf, die nach Beginn der NS-Diktatur aus Deutschland emigrierten: Mann schrieb das Geleitwort für einen Gedichtband von Neiße. Den historischen Hintergrund deutet Lucas mit einem Schwarz-Weiß-Zitat der politischen Karikaturfotomontage „Millionen stehen hinter mir – der Sinn des Hitlergrußes“ von John Heartfield an, die auf die Unterstützung der Nationalsozialisten durch die Großindustrie anspielt.

Im Triptychon „Linosa-Lampedusa“

kann man spazieren gehen

Untypisch für Lucas sei „Linosa-Lampedusa“, eine Kombination aus Landschafts- und Stadtdarstellung, deren Formen und Farben in mediterranem Licht erstrahlen: „Ein wunderbares Triptychon, spannungsreich und atmosphärisch dicht, mit kraftvoller Vegetation, darin kann der Betrachter spazieren gehen“, schwärmte Gabriele Rösch. Es sei während eines längeren Malaufenthaltes auf der süditalienischen Insel entstanden. Inspiriert habe ihn dazu ein „paradiesartiger Garten“ mit exotischen Pflanzen auf der sonst kahlen Insel sowie ein aus Strand- und Abfallholz gebautes „Häusle“ im Innenhof zwischen den beiden Gebäuden seines Privatquartiers, erzählte der Künstler.