Auch die Klischees werden andere sein

Jugendliche bereiten sich in der Murrhardter Jugendherberge auf ihren Auslandsaufenthalt vor – Viele gehen in die USA

Wer als junger Mensch für eine längere Zeit ins Ausland gehen will, hat heute über verschiedene Organisationen die Chance, dies jenseits von schulischen Modellen beziehungsweise Möglichkeiten in Angriff zu nehmen. Ein Anbieter ist der Verein AFS Interkulturelle Begegnungen als deutscher Part eines weltweit aufgestellten Netzwerks. Dort haben die Vorbereitungen von Schülern aus der Region auf ihren Auslandsaufenthalt begonnen – in der Jugendherberge Murrhardt.

Zum Seminar rund um die Vorbereitung für das Auslandsjahr in der Jugendherberge Murrhardt gehört auch der persönliche Austausch. Die Betreuer Stefanie Adams (Zweite von rechts) und Johannes Blessing (Zweiter von links) waren vor Jahren selbst mit AFS in den USA. Felix Schott (rechts) aus Weinstadt hat sich entschlossen, ebenfalls in die Vereinigten Staaten zu gehen, bei Benjamin Eichenberger (links) aus Großaspach fiel die Wahl auf Italien. Auf dem Max-Born-Gymnasium lernt er seit zwei Jahren Italienisch. Foto: V. Hoschek

Von Christine Schick

MURRHARDT. Als Johannes Blessing den zwölf Jugendlichen bei ihrem Seminar die AFS vorstellt, macht er klar, dass es sich um ein weltumspannendes Netzwerk handelt. Zu AFS global gehören rund 60 Länder, die AFS Deutschland wiederum ist in rund 100 Regionen aufgeteilt, betreut von sogenannten Komitees. Die Arbeit in diesen Untergruppen läuft vor allem ehrenamtlich über junge Leute, die selbst schon mit der Organisation im Ausland waren, ihre Erfahrung einfließen lassen können und entsprechend weitergebildet sind.

Für ihre Schützlinge hat die AFS eine Art eigene Sprache entwickelt: Begleitet werden Hopees (Jugendliche vor dem Auslandsjahr), Aways (im Ausland), Freshees (kurz nach der Rückkehr) und Returnees (ein Jahr danach). Vor Ort in den Ländern gibt es ebenso Betreuer, an die sich die Jugendlichen während des Aufenthalts wenden können. Johannes Blessing, Norbert Lehmann, Sara Bauknecht und Stefanie Adams halten während des Workshops für ihre Hopees vor allem Techniken bereit, die sie zur Selbstreflexion und Bewusstwerdung über die eigene Person anregen, um im Gegenzug den Blick für andere Kulturen, Mentalitäten und Verhaltensweisen zu öffnen. Später folgen zwei weitere Treffen, in denen kulturelle und landestypische Themen vertieft werden. Das spiegelt auch das Ziel des Vereins, die Entwicklung von interkulturellen Kompetenzen zu fördern und weltweit Toleranz und Völkerverständigung zu unterstützen.

„Der Aufenthalt ist nicht einfach ein Spaßjahr, sondern eine sehr anspruchsvolle Zeit mit Höhen und Tiefen“, sagt Stefanie Adams. Johannes Blessing ergänzt: „Wir versuchen, die Jugendlichen darauf vorzubereiten und ihnen einige Werkzeuge an die Hand zu geben, was nicht heißt, dass wir alle spezifischen Probleme vor Ort durchspielen beziehungsweise vorhersehen können.“ Beide waren selbst mit AFS im Ausland und zwar in den USA, für die sich auch aktuell die meisten deutschen Teilnehmer entscheiden.

Zentrale Herausforderungen sind die Sprache und das neue Umfeld

Dabei spielt die Tatsache eine Rolle, in ein englischsprachiges Land und doch ins außereuropäische Ausland gehen zu können. Sara Bauknecht vermutet, dass die in vielen Filmen beleuchtete Highschool-Zeit ebenfalls ein Attraktivitätsfaktor ist. Dreh- und Angelpunkt beim Aufenthalt sind die Sprache und das neue Umfeld, auf das sich die Jugendlichen einstellen müssen. Stefanie Adams erinnert sich noch gut daran, wie sie 2012/13 mit ihrer Gastmutter zur Anmeldung in ihrer Schule im Bundesstaat Virginia kam. In Ort und Region leben Amerikaner mit unterschiedlichen Wurzeln, und der Rektor fragte sie ganz selbstverständlich, welcher Rasse sie angehöre. Sie war ziemlich verdattert, als sie dann in die Schublade „Caucasion“ einsortiert wurde, was für (europäische) Weiße steht. „Man erfährt, dass die Kultur völlig anders ist. Als ich bei einem Ausflug mit den Nachbarn dabei war, ging es darum, dass die achtjährige Tochter schießen lernt.“ Aus einer deutschen Perspektive hätten Waffen an Schulen nichts zu suchen, „an meiner Schule dort gehörte bewaffnetes Sicherheitspersonal zum Alltag“. Johannes Blessing war 2008 im Bundesstaat Alaska und erlebte bei seiner den Demokraten nahestehenden Gastfamilie die Zeit des Präsidentschaftswahlkampfes und Sieges von Barack Obama mit. „Im Rückblick wurde er in dieser Phase extrem gehypt.“

Auch der 15-jährige Felix Schott aus Weinstadt hat sich entschlossen, für rund elf Monate in die Vereinigten Staaten zu gehen. „Ich wollte in ein englischsprachiges Land, möglichst außerhalb von Europa.“ Zwar standen auch Kanada, Australien und Neuseeland auf der Wunschliste, aber aufgrund der Kosten und des sehr unterschiedlichen Schulsystems reduzierten sich die Optionen auf Kanada und USA, worauf die Wahl schließlich fiel. „Ich hoffe auf eine offene, nette Gastfamilie und dass ich insgesamt gut ins Land reinfinde und klarkomme.“ Mit dem Buch Kulturschock USA hat er sich schon mal dem Thema Unterschiede angenähert. Für Benjamin Eichenberger aus Großaspach war die USA keine Option. Im Mittelpunkt steht sein Wunsch, ein anderes Land kennenzulernen und zu erfahren, wie es ist, auf sich allein gestellt zu sein. Indien und Brasilien fielen beim Familienrat als zu gefährlich durch, weshalb sich der 15-Jährige nun für Italien entschieden hat. Zwar hat Benjamin, der aufs Max-Born-Gymnasium in Backnang geht, erst seit zwei Jahren Italienisch, aber das ist letztlich auch Ansporn. Beide Zehntklässler verlieren durch ihren Aufenthalt ein Schuljahr und starten dann mit einer neuen Klasse ins elfte, was ihnen aber nicht allzu viel ausmacht. Ihr Motto: Echte Freunde sind auch nach dem Auslandsjahr nicht einfach weg.

Beim Arbeiten in der Gruppe geht es dann darum, sich mit Klischees und Stereotypen auseinanderzusetzen. Die Jugendlichen tragen zusammen, welche Adjektive sie in Dreierteams rund um ihr Bild einer Fußballspielerin gesammelt haben. Es tauchen Stichworte wie zielstrebig, ehrgeizig, teamorientiert oder auch unterbezahlt auf. In der Diskussion wird herausgearbeitet, dass den meisten als Stereotyp nicht unbedingt die E-Jugend-Vertreterin, sondern eine gestandene Profispielerin vorgeschwebte und holzschnittartig vereinfacht wird. Einerseits ist dies ein Hilfsmittel, andererseits fließen leicht (Be-)Wertungen mit ein. „Ich finde es wichtig, dass man sich der Vereinfachung bewusst ist und sich mit negativer Bewertung zurückhält“, sagt Johannes Blessing und ist damit beim Thema Vorurteil angelangt. Im Gegensatz zum Klischee besteht beim Vorurteil die Gefahr, gar nicht mehr in die Lage zu kommen, sein Bild durch Begegnungen zu relativieren oder revidieren.

„Ihr werdet auch auf völlig andere Klischees treffen“, stellt Stefanie Adams fest und gibt ein Beispiel. Während sie das Stereotyp eines Militärangehörigen eher als hierarchisch denkend und nicht unbedingt als Einserschüler eingeschätzt habe, sei das Bild in den USA völlig anders – eine zielstrebige, höchst clevere Person. Fazit: Offen bleiben sowie die Chance nutzen, genau hinzusehen – und auch damit umgehen lernen, dass einem das Klischee vom biertrinkenden, Dirndl oder Tracht tragenden Deutschen begegnet.