Ein Leben im Dienst einer Zukunft für alle

Helmut Gundert berichtete von seinen Lebensstationen und Erfahrungen als langjähriger Mitarbeiter von „Brot für die Welt“ und Bioland

Helmut Gundert kann auf ein erlebnisreiches Leben und beeindruckendes Engagement zurückblicken, von dem er auf dem Wacholderhof erzählte. Als Basis dienten dabei sein Buch „Mein widerständiges Leben. Erinnerungen eines Aktivisten“ und Bilder des 2011 erschienenen Bandes. Humorvoll skizzierte er wichtige Stationen und Entscheidungen und zeichnete damit gleichzeitig ein ganz persönliches Bild der jüngeren deutschen Geschichte.

Hat viel von der Welt gesehen, die unterschiedlichsten Arbeitsfelder ausprobiert und eckte mit seinen Ansätzen als unbequemer Mahner immer wieder an: Helmut Gundert. Foto: E. Layher

Von Christine Schick

MURRHARDT. Schon der Ton im Buch, den Dr. Helmut Gundert anschlägt, ist angenehm direkt, sachlich und uneitel. Dies hat sicher auch mit der Entstehungsgeschichte des Bandes zu tun. Der 84-Jährige erzählt am Samstagabend auf dem Wacholderhof in Murrhardt-Steinberg, zu dem persönliche sowie thematische Verbindungen als Biolandhof bestehen, dass der Bericht ursprünglich als Generationen-Projekt gedacht war. Der ehemalige Geschäftsführer des Bioland-Landesverbandes Baden-Württemberg wollte für seine Kinder wichtige Stationen und Entscheidungen seines Lebens festhalten, angeregt durch das Kirchentagsmotto „Wenn Dich Dein Kind einmal fragt“. Nachdem er die kleine Auflage außerdem an Freunde und Bekannte verteilt hatte, erhielt auch sein ehemaliger Arbeitgeber „Brot für die Welt“ ein Exemplar und wollte das Buch nochmals in größerer Auflage herausbringen. Zwar erschließt sich Gundert nicht ganz, weshalb sein ursprünglicher Titel, ein vietnamesisches Sprichwort, „Wenn Du aus dem Fluss trinkst, denke auch an die Quelle“ für den Leser unverständlich sein sollte, denn ein wichtiger Teil des Buches geht auch auf sein ökologisches und soziales Engagement ein. Doch wie vieles in seinem Leben scheint er es mit Humor zu nehmen, dass seine Biografie nun den Titel „Mein widerständiges Leben“ trägt.

Ein knisterndes Holzfeuer wärmt die Gäste, die es sich auf Sofa, Bastsesseln mit Schafsfellunterlage und Holzstühlen bequem gemacht haben und dem 84-Jährigen lauschen. Helmut Gundert, der 1927 auf Sumatra (Indonesien) geboren wurde, beschreibt diese Zeit als prägend, weil er sich mit seiner Familie dort nie als Fremder gefühlt habe. Sein Vater unterhielt eine Teepflanzung. Anfangs unterrichtete die Mutter ihn und seine Schwester, doch weil die Kinder ihre Schulausbildung in Deutschland weiterführen sollten, kehrten sie 1939 mit der Mutter zurück. Sein Weg führte Gundert nach Hitler-Deutschland und als 15-Jährigen zur Flak. Nach drei Wochen fiel sein erster Schulkamerad. Er war Offiziersanwärter der Kriegsmarine in Swinemünde als die Gustloff unterging, und die Stadt später bombardiert wurde. „Da hatte ich vom Krieg wirklich genug.“ Nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft kam, holte er das Abitur nach und studierte Landwirtschaft in Hohenheim.

Weil es ihm im Wirtschaftswunderland Deutschland zu eng wurde, wanderte er mit samt seiner Familie nach Namibia aus, um dort eine Farm zu betreuen. „Wir hatten Rinder, Schafe, Schakale und Geparde, es war wunderbar“. Er züchtete Karakul-Schafe, die ihn später wieder zurück nach Deutschland führten. Ein Professor in Hohenheim überzeugte Gundert davon, dass er über diese unbedingt eine Doktorarbeit schreiben sollte. Die geriet zunächst ins Hintertreffen, als er einen gänzlich anderen Job bei der Gasversorgung Süddeutschland annahm. Dort war es seine Aufgabe, für eine Leitungstrasse von Mannheim nach Freiburg mit rund 6000 Grundstückseigentümern zu verhandeln. „Da hab’ ich gelernt, mit den Leuten zu reden.“

In den 1970er-Jahren fing Helmut Gundert bei „Brot für die Welt“ an, wo er als Landwirt „20 Jahre für den Hunger zuständig war“. Dabei lässt er nicht unerwähnt, dass er mit seinem zunehmenden Interesse für die Hintergründe und politisch-wirtschaftlichen Strukturen des Themas auch mächtig Gegenwind zu spüren bekam. Am Beispiel eines Slogans für ein Arbeitsheft schildert er die Reaktionen außerhalb und innerhalb der Organisation. Der Titel des Heftes „Hunger durch Überfluss“ sollte die Rolle der reichen Länder deutlich machen und entstand in Zusammenarbeit mit Berthold Burkhardt vom Wacholderhof, damals auch bei „Brot für die Welt“. Doch die zu dieser Zeit provozierende Überschrift war nur mit einem relativierenden Fragezeichen am Ende durchsetzbar, und die Kirche bekam mächtig Druck, erzählt Gundert. „Dass das Thema ,Hunger durch Überfluss?‘ nur zwei Jahre so deutlich im Mittelpunkt der Inlandsarbeit von ,Brot für die Welt‘ stand, hat mich persönlich enttäuscht. Die Kirche setzte damals meiner Meinung nach doch eher auf Barmherzigkeit, wo eigentlich Gerechtigkeit gefragt war“, schreibt er im Buch. Gundert zog sich allmählich von „Brot für die Welt“ zurück, und ging einen weiteren konsequenten Schritt. Er wurde ehrenamtlicher Geschäftsführer des Bioland-Landesverbandes Baden-Württemberg. Konsequent, weil sich die Landwirte verpflichten, keine Futtermittel aus ärmeren Ländern wie beispielsweise Soja zu verwenden und viele weitere ökologische, soziale Kriterien für ihre Produktion aufzustellen, so Gundert. Er ist davon überzeugt, dass der ökologische Landbau ein wirksames Mittel gegen den Hunger in ärmeren Ländern ist.

Am Abend reißt der 84-Jährige außerdem an, welche kleineren Aktionen ihm mit Blick auf seine soziale und ökologische Verantwortung Freude gemacht haben – angefangen vom Einbau einer Solaranlage und Holzheizung in sein Haus, über ein Nachbarschaftsauto, das trotz der vielen Fahrer keinen Kratzer abbekommen hat, bis hin zur Aufnahme eines Asylbewerbers, der bis nach seiner Heirat bei der Familie lebte. Genug Beweise also für gelebte Solidarität und ökologisches Verantwortungsbewusstsein, was der Lebensfreude Helmut Gunderts keinen Abbruch tat.

Helmut Gundert. Mein widerständiges Leben. Erinnerungen eines Aktivisten. Herausgegeben von Brot für die Welt. Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, 2011, 136 Seiten, 14,90 Euro, ISBN: 978-3-86099-687-4.