Eine ungewöhnliche Karriere

Geheimnisumwitterte Jacobina Schippert wurde vor 200 Jahren in Murrhardt geboren – In Paris wurde sie zu einer wohlhabenden Frau

Karoline Dorothea Jacobina Schippert (1812 bis 1890), in Murrhardt als Madame Schippert bekannt, hat eine für ihre Zeit ungewöhnliche Karriere gemacht. In jungen Jahren ging sie nach Paris und kehrte im Alter als reiche Frau zurück. Ihr geheimnisumwitterter Erfolg und ihre Großzügigkeit haben bei den Murrhardtern bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch gibt es noch ganz handfeste Erinnerungsstücke: Trude Schüle beispielsweise hält einige Möbel von Madame in Ehren.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Thaddäus Troll schreibt in seinem Buch „Murrhardt die Stadt im Schwäbischen Wald“, das er mit Susanne Ulrici herausgegeben hat, über Madame Schippert: „Ist es möglich: eine Murrhardter Femme fatale? Auf dem Walterichsfriedhof tuschelte mir der alte Mesner Ebinger zu, sie sei vielleicht die Geliebte Kaiser Napoleons III. gewesen. Doch das hat die Jacobina Schippert, Tante der Gattin Heinrich von Zügels, als Klatsch dementiert.“ Ein Gerücht, das sich trotz alldem einer gewissen Hartnäckigkeit erfreut. Auch die Murrhardter Künstlerin Trude Schüle stellt sich gerne vor, dass in dem Sessel oder auf einem der Stühle, die ihr Vater Albert Schüle von der Nichte Emma Schippert erwarb, einst vielleicht Napoleon saß. Aber dazu später.

Geboren ist Karoline Dorothea Jacobina Schippert am 24. April 1812 in Murrhardt. Dr. Elisabeth Sladek berichtete im Band „Lang, lang ist’s her. Murrhardter Erinnerungen“ von deren ungewöhnlichem Weg aus ärmlichen Verhältnissen. Ihr Vater Johann Jacob Schippert kam als Rotgerber aus Waldrems nach Murrhardt. Während Thaddäus Troll festhielt, dass die Tochter als junges Mädchen zuhause nicht gutgetan habe, durchgebrannt sein soll und schließlich in Paris landete, ging Elisabeth Sladek davon aus, dass die Not und Armut der Zeit die Kinder dazu nötigte, bald auf eigenen Füßen zu stehen. Wie Jacobina Schippert in Paris Fuß fasste, musste auch sie offen lassen („zu viele widersprechende Meinungen wurden geäußert“). Zumindest soll Madame Schippert Beziehungen zu hochgestellten Persönlichkeiten am Hofe unterhalten haben, „man spricht auch davon, dass sie einen exklusiven Salon in Paris unterhielt“. Dass sie eine reiche Frau wurde, steht außer Frage. Sladek: Sie besaß nicht nur etwa 100 Pferde, sondern die sogenannten Pferdebahnen in Paris. Mit Pferdeomnibuslinien ging es seit 1828 durch die französische Hauptstadt. Aber auch Postkutschen waren ein Teil des – heute würde man sagen – Verkehrsunternehmens von Jacobina Schippert. Zudem nannte sie ein großes Haus in Paris, ausgedehnte Stallungen und Räumlichkeiten für die Kutscher, Pferdeknechte und Bediensteten ihr Eigen. Das spricht für eine Menge Geschäftssinn und Tüchtigkeit in einer Zeit, in der es für eine Frau schon ungewöhnlich war, einen Beruf auszuüben.

Zu ihren Verwandten in der Heimat hielt sie immer Kontakt, und in späteren Jahren zog es sie auch wieder dorthin zurück. Sie verkaufte ihren Besitz in Paris und kam über ein paar Zwischenstationen zurück nach Murrhardt. Zunächst erwarb sie ein Palais in Stuttgart, dann den Stocksberg bei Brackenheim inklusive Schloss, womit sie sich einen lang gehegten Wunsch, Schlossherrin zu sein, erfüllte, so Elisabeth Sladek. Die Sehnsucht nach Murrhardt scheint aber größer gewesen zu sein: Im Alter verkaufte sie auch diesen Herrschaftssitz und fuhr dann mit einer vierspännigen Kutsche in die Walterichstadt, um dort in ihr neu erworbenes Haus am Marktplatz einzuziehen – damals sicher ein spektakulärer Auftritt. Eine amüsante Anekdote: Ihr breites französisches Bett soll die im Alter korpulente Madame über eine kleine Treppe habe besteigen müssen. Jacobina Schippert soll bei ihrer ungewöhnlichen Karriere auch eine großzügige Frau gewesen sein. Elisabeth Sladek: Schon zu Lebzeiten habe jede ihrer Nichten 30000 Mark erhalten. Ihr beträchtliches Erbe wurde unter ihren vielen Verwandten verteilt, die Möbel wurden in der Verwandtschaft versteigert.

Und hier kommt Trude Schüle ins Spiel. Als ihr Vater zufällig auf die Möbel im Haushalt der Nichte Emma Schippert stieß, riet sie ihm als Mädchen, mal nachzufragen, ob sich die Stücke vielleicht erwerben ließen. „Mein Vater kam zurück und erzählte entsetzt, dass man auf dem edlen Tisch Hosen gebügelt habe“, sagt Trude Schüle. „Wir wohnten schräg gegenüber in der Karlstraße 50.“ Ihre Familie kaufte besagten Tisch, vier Stühle und einen Sessel – das müsse irgendwann in den 1930er-Jahren gewesen sein. Das edle Mobiliar wurde zu einem Schreiner und Polsterer gebracht, dort restauriert und überstand die Kriegszeit. Seitdem hegt und pflegt es die Malerin, „behandelt es wie rohe Eier“.

Es müssten noch einige Stücke in Murrhardter Haushalten zu finden sein, die Verwandtschaft Madame Schipperts war weitverzweigt (Großneffe Wilhelm Schippert war Landrat des Alt-Kreises Backnang). Schüle jedenfalls weiß, dass eine Bekannte, deren Mutter bei Schippert-Verwandten als Haushaltshilfe gearbeitet hat, ein großes altes Buffet und weitere Möbel besitzt. Sie schaut auf ihre Edelstücke und stellt sich dabei vor, wie Jacobina Schippert einst als „junge Krott“ das Paris der Kaiserzeit entdeckte und dann als sagenumwobene Frauengestalt etwas von dem Hauch der französischen Weltstadt nach Murrhardt brachte.