Jobantritt mit zehn Schafen und zwei Ziegen

Agrarwissenschaftlerin Brigitte Bader leitet auf dem Wacholderhof die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Als Brigitte Bader ihre sieben Sachen in Tübingen zusammenpackte, um auf den Wacholderhof zu ziehen und dort ihre neue Stelle als pädagogische Leiterin und Hausmanagerin (Gäste/Vermietung) anzutreten, hatte sie neben den üblichen Umzugskartons einige tierische Mitbewohner im Gepäck: Zehn Schafe und zwei Ziegen. Auch die haben nun auf dem Hof in der Nähe von Steinberg ein neues Zuhause gefunden.

Können nicht meckern: Heidi (links) und Fanny auf einer saftigen Wacholderhof-Frühlingswiese.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Hündin Meike flitzt auf einer saftig grünen Wiese mit dottergelben Löwenzahnblumen um die zwei Ziegen Heidi und Fanny herum, um zu zeigen, dass sie fürs Hüten äußerst gut ausgebildet ist. Vor ein paar Wochen sind ihre neuen Mitbewohner eingetroffen. Während es sich die Merino- und Ostfriesischen Milchschafe am Hang gemütlich gemacht haben, waren Heidi und Fanny am Morgen schon mit Brigitte Bader spazieren und kommen erst mal zurück in den Stall. Brigitte Baders umfangreicher, tierischer Anhang, den sie mitgebracht hat, ist sozusagen lebendiger Teil ihrer Qualifikation.

In Tübingen-Lustnau baute die 44-Jährige einen Stadtteilbauernhof auf – mit Anbauflächen, Streuobstwiesen und Tieren. Über Jahre hat sie dort im Ehrenamt Kindern und Jugendlichen das Arbeiten mit und in der Natur, sprich die Landwirtschaft, nahegebracht. Nun hat die Agrarwissenschaftlerin die Chance, auf dem Wacholderhof, die zahlreichen Qualifikationen, die sie mitbringt, hauptberuflich in einem handfesten landwirtschaftlichen Betrieb umzusetzen. Brigitte Bader ist gelernte Kinderkrankenschwester und war viele Jahre in der Onkologie der Tübinger Unikinderklinik tätig. Als sie ein Straßenkinderprojekt in Rumänien kennenlernte, dessen Team mit den jungen Leuten auf einer Kolchose arbeitete, entstand der Wunsch, Pädagogik und Landwirtschaft zu verbinden. Also entschloss sie sich, Agrarwissenschaft in Hohenheim zu studieren – als Teilzeit-Kinderkrankenschwester konnte sie sich die Ausbildung finanzieren.

„Ich komme selbst aus einer Familie, die eine Nebenerwerbslandwirtschaft hatte“, erzählt sie. Auf dem Hof bei Alpirsbach „habe ich als Kind viel mitgeholfen, was ich erst später wirklich schätzen gelernt habe.“ In Lustnau setzte sie die Tradition mit dem Aufbau des Stadtteilbauernhofes fort, bei dem die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Zentrum stand. Die Ostfriesischen Milchschafe, die sie sich zulegte, kommen gut mit Menschen klar, sind nicht zu ängstlich – und können auch in pädagogisch-therapeutischer Hinsicht eingesetzt werden. An der Liehrnhof-Akademie (Hessen) macht die 44-Jährige eine Weiterbildung in tiergestützter Therapie und Pädagogik. Erfahrung auf landwirtschaftlich-ökologischem Gebiet hat sie ebenso während ihrer Arbeit bei dem Projekt des Landes zur Erhaltung und Entwicklung von Natur und Umwelt (Plenum Schwäbische Alb) gesammelt. Bei Plenum werden Einzelpersonen und Vereine im Sinne einer naturnahen, nachhaltigen Nutzung, Bewirtschaftung und Vermarktung beraten und unterstützt. „Jetzt habe ich die Chance, die Arbeit mit Kindern auf einem Hof im Hauptberuf umzusetzen.“

Und wie sehen die inhaltlichen Wünsche und Ideen aus? Als Leiterin der Bildungsarbeit und Hausmanagerin betreut Brigitte Bader vor allem Kindergruppen, Schulklassen und Urlauber. Vermitteln möchte sie die Zusammenhänge von Landwirtschaft, guter Ernährung und Naturschutz so konkret wie möglich. „Je mehr die Kinder selbst ausprobiert und gesehen haben, desto leichter ist es, Zusammenhänge deutlich zu machen“, sagt Bader. „Es geht ums Begreifen.“ Beispielsweise wird mit den Kindern unter dem Arbeitstitel „vom Korn zum Brot“ Getreide gemahlen, Pizza gebacken, auf die selbstgesammelte Kräuter kommen; auch lässt sich Tierhaltung mit den wolligen Gefährten als Vorbildlandschaftspfleger gut erläutern – vom Grasen, übers Kämmen bis zur Wollverarbeitung. „Dazu gehört, dass auch der Mist wieder als Dünger ausgebracht wird, und man erklärt, wie die Tiere verhindern, dass die Landschaft verbuscht.“ Brigitte Bader hat noch weitere Projektwünsche. Zu diesen gehören, langfristig mit Gruppen oder Schulklassen zu arbeiten, damit die Kinder die Naturentwicklung übers Jahr erleben können, genauso wie Inhalte auch mal über musikalische oder theaterpädagogische Elemente zu vermitteln. Denkbar wäre hier, mit Schulen in der Umgebung zusammenzuarbeiten. Ebenso hat sie eine Kooperation mit der Liehrnhof-Akademie vereinbart, die Seminare zur tiergestützten Therapie und Pädagogik auf dem Wacholderhof anbieten wird. Mit Blick auf diesen Hintergrund würde sie auch gerne mit behinderten Kindern arbeiten. „Ich muss aber erst mal sehen, was neben dem Alltag dann noch möglich ist.“

Dass junge Leute vieles nicht mehr oder noch nicht wissen, hat sie in Lustnau – ebenso keine Großstadtmeile – erfahren. „Die Kinder haben beispielsweise gefragt, wann genau Äpfel geerntet werden, im Supermarkt liegen sie ja immer im Verkaufskorb“, sagt sie. Nach dem Kartoffelanbau musste sie einmal im Herbst ihre jungen Helfer beruhigen, dass die Ernte nicht ausfällt, weil die gelben Stängel abgestorben sind. „Einigen war nicht klar, dass die Kartoffeln unter der Erde wachsen.“ Bedarf und Ideen gibt es also genug. „Wichtig ist mir, die Kinder aber nicht völlig mit Programmen zuzuschütten. Sie sollen auch Zeit haben, damit sich Fragen entwickeln, Eindrücke setzen können.“ Die 44-Jährige möchte den jungen Leuten vor allem die Begeisterung für Tiere und Natur und deren Wertschätzung nahebringen. „Ich habe dabei ein Pfund, mit dem ich wuchern kann: meine eigene Begeisterung.“