Postkartenidylle Fehlanzeige

Die Ausstellung „Jenseits der Ansichtskarte. Die Alpen in der Fotografie“ in der Galerie Stihl wird am Freitag eröffnet

Bezeichnete die Werkschau mit Fotokunst als lohnenswertes Wagnis: Ingrid-Sibylle Hoffmann. Foto: T. Roth

Von Thomas Roth

 

WAIBLINGEN. „Die Ausstellung lässt einen nicht unberührt.“ In der Stimme des Waiblinger Oberbürgermeisters Andreas Hesky schwingt Faszination und Stolz mit. Faszination über die künstlerische Perfektion der Fotografien zum Thema „Jenseits der Ansichtskarte. Die Alpen in der Fotografie“. Stolz darüber, was unter dem Kuratorium von Dr. Ingrid-Sibylle Hoffmann, Zara Reckermann und Nina Pfeiffer auf die Beine gestellt, oder besser, an die Wände der Galerie Stihl gehängt wurde.

Postkartenidylle Fehlanzeige. Es geht, schließlich befindet man sich in einer Galerie, um Kunst. In diesem Fall erstmals in der Geschichte des Hauses um Fotokunst. Ein, wie Ingrid-Sibylle Hoffmann sagt, „lohnenswertes Wagnis“. Erfrischenderweise ist die Auswahl der Werke nicht allein vom Betroffenheitszeigefinger ob der langsamen, doch unaufhörlichen Zerstörung dieser einzigartigen Natur durch den Menschen geprägt. Berthold Steinhilbers Foto vom Stilfser Joch lässt gar den Schluss zu, dass der Künstler von der Ästhetik der sich durch die Landschaft schlängelnden Passstraße beeindruckt ist. Überhaupt verrät eine Fotografie viel vom Standpunkt, von der Sichtweise des Fotografen. Folgerichtig sind die 122 vorwiegend zeitgenössischen Exponate in Themenbereiche aufgeteilt. Schnee und Eis, (un)spektakuläre Schönheit, Tourismus und Ironisches, Mystisches, Wahrnehmung und Realität, Eingriffe des Menschen, Erhabenheit und Monumentalität.

Da wird schon mal etwas hinzugefügt oder retuschiert

 

Geprägt ist das kollektive Gedächtnis, so Hoffmann, durch alte Fotografien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so erfährt der Besucher, also knapp 50 Jahre nach der Erfindung der Fotografie und somit dem Ende der meist romantisch-kitschigen Landschaftsmalerei, tauchen erstmals fotoreale Abbildungen der Alpen auf. Gemacht von Alpinisten, die in einem Dunkelkammerzelt vor (eher unwirtlichem) Ort ihre Shots auch gleich entwickeln mussten. Neben Mut und Know-how war dazu eine exzellente Kondition vonnöten, um all das nötige Equipment wie die hölzerne Kastenkamera, Stative, Waagen, Gewichte, Schalen und Chemikalienkästen an Ort und Stelle zu schaffen. Das alles wog über einen Zentner.

Pioniere waren damals die Gebrüder Bisson, die sich letztlich erfolgreich am Montblanc versuchten. Auch Bruno, Harry und Artur Wehrli waren um 1900 diesbezüglich aktiv. Noch heute verkaufen ihre Nachkommen, so Hoffmann, „die meisten Postkarten in der Schweiz“.

Florio Puenters „Lej da Segl“ aus dem Jahre 2009 zeigt eine Landschaft, die heute so nicht mehr existiert. Sein Trick: Alles, was ihm nicht reinpasst, wegretuschieren. Das ergibt in seiner Art etwas fast Beklemmendes, Mystisches, so wie Reto Camenischs „Gemmenalphorn“ von 2006. Andreas Gurskys „Aletschgletscher“, Werke aus Hanns Ottes Serie „Muttergestein“ – Abteilung (un)spektakuläre Schönheit, „Stille Berge“ von Michael Schnabel (Hoffmann: „Eine Stunde Belichtungszeit“), Werke von Edgar Mall, Andreas Mühe (sein Thema ist der Obersalzberg), Axel Hütte, Sonja Braas, Balthasar Burkhard... Insgesamt 44 gegenwärtige Künstlerpositionen zeigt diese bemerkenswert facettenreiche und farbige Ausstellung, auch wenn die Mehrzahl der fotokünstlerischen Werke schwarz-weiß ist. Viele Fotokünstler verzichten, wie Kuratorin Ingrid-Sibylle Hoffmann erzählt, im Übrigen auf die Errungenschaften digitaler Fototechnik und „sind analog unterwegs“. Nicht weiter auffällig auf den ersten Blick und doch besonders ist Julian Charrières „Panorama“ aus dem Jahr 2011. Der 1987 geborene Schweizer lebt in Berlin. „Panorama“ vermittelt die Illusion einer perfekten Winteralpenlandschaft mit weiß-blauem Himmel. Entstanden ist das Bild auf einer Baustelle in Berlin. Statt Alpen Bauschutt. Statt Schnee Mehl.

 

Die Ausstellung „Jenseits der Ansichtskarte. Die Alpen in der Fotografie“ in der Galerie Stihl in Waiblingen dauert bis zum 6. Januar 2014. Vernissage ist am Freitag, 11. Oktober, um 19 Uhr.