Der Daktari aus Deutschland ist wieder da

Christian Kreisel ist diesmal nicht alleine an den Kilimandscharo gereist Hilfe für die Kinder von Kibosho

Neuigkeiten von Christian Kreisel: Schon häufiger hat die BKZ über den Backnanger Medizinstudenten und sein Engagement in Tansania berichtet. Nun hat ihn der in Afrika lebende deutsche Journalist Thilo Thielke besucht. Er berichtet unter anderem über ein aktuelles Zeichenprojekt.

In Kibosho: Christian Kreisel (Mitte) und ?seine? Kinder.Fotos: T. Thielke

BACKNANG. Ein richtiger Pinsel! Und Farben, die man mischen kann. Die kleine Jaggy schaut zunächst etwas skeptisch. Dann nimmt sich die Elfjährige ein weißes Blatt Papier, fährt mit dem Pinsel durch den Topf und klatscht mit Herzenslust Farbe auf das Blatt. Es ist das erste Mal, dass das Mädchen mit diesen fremdartigen Dingen in Berührung kommt. Im Waisenhaus von Kibosho, oben an den Hängen des Kilimandscharo, herrscht normalerweise wenig Sinn für Malerei.

Gut also, dass der Daktari aus Deutschland wieder da ist. Diesmal hat Christian Kreisel nicht nur medizinische Instrumente mitgebracht wie sonst, sondern auch zwei Kunstpädagoginnen im Schlepptau. Die pinseln nun mit den Kindern aus Kibosho drauflos, dass es eine Freude ist, und erstellen nebenbei ein Logo für die Hilfsorganisation Agek.

Das ist der etwas sperrige Name für African-German Expert Knowledge Transfer, den Verein, den Christian Kreisel gemeinsam mit anderen Engagierten an seinem Studienort Marburg ins Leben gerufen hat (wir berichteten).

Vor über einem Jahr kam Kreisel an den Fuß des Kilimandscharo, um hier die Höhenkrankheit zu erforschen. Sechsmal wollte er innerhalb von neun Monaten mit Probanden auf Afrikas höchsten Berg steigen und seine Untersuchungen anstellen. Kaum hatte sich Kreisel im auf rund 1300 Meter Höhe gelegenen Kibosho-Krankenhaus eingerichtet, um seine Untersuchungen zu beginnen, kam jedoch alles ganz anders.

Zuerst wurde ein blutüberströmter Mann eingeliefert, dem ein Rivale mit der Machete den Unterarm zerschlagen hatte, dann humpelte das Opfer eines Waranangriffs herein und brach im Untersuchungszimmer zusammen, schließlich schleppte sich eine malariakranke Mutter im Fieberwahn ins Wartezimmer. Niemand kümmerte sich um diese Menschen, sagt der soeben 36 Jahre alt gewordene Christian Kreisel. Der Patient mit den Machetenhieben wäre fast verblutet, weil die Schwester niemanden fand, der ihn behandeln konnte es war ja Feierabend.

Was sollte Kreisel tun Er ist nicht nur Forscher, sondern Mediziner aus Leidenschaft. Er will helfen. Schnell schlüpfte er in den weißen Kittel des Oberarztes, schnappte sich Skalpell und Verbandszeug und rettete zunächst den Mann mit dem aufgeschlitzten Unterarm. Dann nahm er sich die Waranattacke (durchbissenes Schienbein) vor, danach die fiebrige Frau. Seitdem nannten sie ihn oben in Kibosho nur noch Daktari. Das nicht, weil sie dort die alte Fernsehserie kennen, sondern weil Daktari auf Kisuaheli Doktor heißt.

In Kibosho haben Kreisel und seine Mitstreiter glücklicherweise den passenden Ort für die Hilfe. Vor rund 130 Jahren hatten deutsche Missionare hier eine gewaltige Kathedrale errichtet. Damals hieß der Gipfel noch Kaiser-Wilhelm-Spitze und das Land Deutsch-Ostafrika. Längst haben die Sozialisten Tansania im Griff, doch der Glaube ist den Menschen von Kibosho geblieben.

An einem dieser tansanischen Tage zwischen Kirch- und Müßiggang lief Christian Kreisel ein kleines Mädchen über den Weg. Es hatte wache Augen und ein ansteckendes Lachen und wurde Jaggy gerufen. Das war der Anfang seines Einsatzes für aidskranke Kinder. Die Geschichte der kleinen Jaggy beeindruckte ihn tief. Das Mädchen aus Kibosho war kaum ein halbes Jahr alt, da starben nacheinander seine Mutter und sein Vater an Aids. Seitdem wächst es bei den Großeltern auf. Jaggy ist selber HIV-positiv. Wenn die Großeltern sterben, wird es völlig mittellos sein, denn in der patriarchalischen tansanischen Gesellschaft sind Mädchen nicht erbberechtigt.

Welche Lebenserwartung Jaggy hat Wenn sie die Medikamente bekommt, die sie benötigt, kann sie so lange leben wie wir, sagt Christian Kreisel, wenn es so bleibt, wie es ist, vielleicht noch ein paar Jahre.

Hier muss etwas geschehen, sagte sich der angehende Mediziner. Im August wurde in Marburg der Verein Agek gegründet. Er hat 37 Gründungsmitglieder, Schirmherr ist der Nobelpreisträger Jules Hoffmann, und erster Vorstandsvorsitzender ist Christian Kreisel aus Backnang.

Nun ist der Maubacher also wieder in Afrika. Diesmal ist die Frankfurter Soziologieprofessorin Therese Neuer-Miebach mitgekommen, und die Kunstpädagoginnen Catharina Szonn und Sabine Funk sind auch dabei.

Alleine in Kibosho leben 70 Kinder, die mit dem tödlichen HI-Virus infiziert sind. Mit denen malen und basteln die Gäste aus Deutschland jetzt. Die Kinder brauchen nicht nur Medizin, erklärt Catharina Szonn, 27, die an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung Visuelle Kommunikation studiert, sie sollen mit der Kunst auch Lebensfreude entwickeln, außerdem entdecken sie auf diese Weise Ausdrucksformen, die sie bislang nicht kannten. Den Austausch von Kunst und Kultur findet auch Kreisel wichtig. In der Forschung sind wir den Tansaniern überlegen, doch in Kunst und Kultur können wir uns auf Augenhöhe treffen, sagt er, im Rahmen solcher Veranstaltungen kommen sich die Menschen näher. Deshalb will er jetzt Ausstellungen organisieren und Kalender mit Bildern der Kinder drucken lassen. Der Verkauf der Kalender in Deutschland soll Geld für die Versorgung der Kinder von Kibosho bringen.

Jaggy lacht. Sie ist fröhlich. Sie versteht nicht, worüber die Fremden sprechen, aber sie spürt, dass sie helfen wollen. Und natürlich hat sie sofort den Daktari aus Deutschland wiedererkannt. Fest drückt sie ihn an sich.

Entwicklungshilfe ist ein schwieriges Geschäft. Man kann von außen nicht viel tun. Am Ende müssen die Menschen in Afrika selber die Initiative ergreifen. Doch wenn die kleine Jaggy noch ein paar Jahre länger so lachen kann, hat Christian Kreisel mehr erreicht, als er sich je erträumen konnte.