Vollendete Interpretationen von Sololiedern und Chorwerken

Mezzosopranistin Lena Sutor-Wernich und Kammerchor präsentieren Stücke über die Liebe aus fünf Jahrhunderten beim zweiten Konzert des Musiksommers

Ein grandioses Panorama bezaubernd schöner Stimmen, beschwingter Melodiebögen, fantasievoller Klangbilder und facettenreicher Harmonien entfaltete sich in Kompositionen vom 16. bis 20. Jahrhundert über das ewig faszinierende Thema Liebe.

Laufen zur Hochform auf: Die Sänger des Kammerchors. Kantor Gottfried Mayer (vorne Mitte) hat die Gesamtleitung des Konzerts. Foto: J .Fiedler

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Vollendete Interpretationen von „Songs of Love“, Sololiedern und Chorwerken im Wechsel, präsentierten die Mezzosopranistin Lena Sutor-Wernich und der Kammerchor Murrhardt beim zweiten Konzert des Murrhardter Musiksommers. Alle Mitwirkenden agierten voller Hingabe, Einfühlungsvermögen und Ausdruckskraft und erfüllten die Stadtkirche mit erhabenen Klängen. Starken Eindruck auf die große Zuhörerschar machte Lena Sutor-Wernich mit ihrer warmen, voluminösen und empfindungsreichen Stimme, souverän und stilvoll begleitet von ihrer kongenialen Klavierpartnerin Naomi Schmidt.

Klangschön, emotional und dramaturgisch brillant gestaltete die Mezzosopranistin nuancenreich schillernde, atmosphärische Tondichtungen aus Romantik und Impressionismus auf höchstem Niveau. Ein Höhepunkt war ihre stimmungsvolle Darbietung des vielschichtigen Werks „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete“ von Johannes Brahms (1833 bis 1897) aus Vier ernste Gesänge, Opus 121, Nr. 4. Darin vertonte der große Romantiker die Anfangs- und Schlussverse des 13. Kapitels im 1. Korintherbrief, in dem Paulus die Liebe charakterisiert.

Unergründliche, ätherisch schwebende Klangfiguren entfaltete die Solistin in Claude Debussys (1862 bis 1918) „Colloque Sentimental – Wehmütige Zwiesprache“ aus Fêtes Galantes II nach einem Text von Paul Verlaine. In verträumter, modulationsreicher Tonsprache schilderte sie „Nimmersatte Liebe“ aus den Mörike-Liedern Nr. 9 von Hugo Wolf (1860 bis 1903). Ernst, tiefgründig und mit dunklen Klangfarben illustriert, aber auch in idyllisch liedhafter Melodik, trug Sutor-Wernich „Von ewiger Liebe“ vor, von Brahms vertont nach einem Text von Hoffmann von Fallersleben, aus Vier Gesänge, Opus 43, Nr. 1.

Zur Höchstform liefen die zahlreichen Sänger des Kammerchors auf und bildeten unter Regie von Kantor Gottfried Mayer mit klaren, weittragenden Stimmen einen harmonisch-homogenen Klangkörper. Sie begeisterten mit wunderschönen, klangfarbenreichen Darbietungen von A-cappella-Vertonungen verschiedener Verse des alttestamentlichen Hoheliedes und Liebesliedern. Frühlingsgefühle und Lebensfreude kamen tänzerisch beschwingt zur Geltung in „I am the rose of Sharon“ von William Billings (1746 bis 1800) mit reizvollem Wechselspiel zwischen kurzen Soli von Chorsängern und dem Gesamtchor.

Ein großer Hörgenuss waren zwei Lieder des 1942 geborenen schwedischen Komponisten Sven-David Sandström in moderner skandinavischer Tonsprache: „Let him kiss me“ und „Until the Daybreak“ aus „Songs of Love“. Dazu fächerte sich der Chor vielstimmig auf und erzeugte mit Bravour in feinen dynamischen Abstufungen Raumklänge, die wie aus weiter Ferne wirkten und in kraftvollen Steigerungen gipfelten. So erstrahlte die Melodie des zweiten Liedes wie die aufgehende Sonne als Symbol für die Liebe.

In „Das Hohelied Salomonis“, ein Motetten-Tonkunstwerk von Leonhard Lechner (1553 bis 1606), gestaltete der Kammerchor anmutig geschwungene Melodiebögen mit rhythmischer Raffinesse, bildhaften Wendungen sowie effektvollen Wechseln zwischen ein- und mehrstimmigen Passagen. In Melchior Francks (1580 bis 1639) „Meine Schwester, liebe Braut“ vereinten sich verschiedene Chorgruppen zu einem festlichen Gesamtklang. Zur Textdeutung gingen die meist parallelen Stimmen auseinander, um verschiedene Bewegungen zu symbolisieren.

In vollendeter Harmonie und Klangschönheit interpretierte der Kammerchor auch Felix Mendelssohns (1809 bis 1847) feierliche, facettenreiche Motette „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ aus dem Oratorium „Elias“ nach Psalm 91. Ebenso das harmonisch nuancenreiche „Liebe, dir ergeb ich mich“ von Peter Cornelius (1824 bis 1874) mit einander antwortenden Chören, kanon- und fugenartigen Passagen aus Drei Chorlieder, Opus 18, nach Dichtungen von Johannes Scheffler. Außerdem Maurice Duruflés (1902 bis 1986) andächtig-erhabenes „Ubi caritas et amor“ aus Vier Motetten, Opus 10, über gregorianische Themen.

Es sei nicht belegt, ob König Salomo die erotische Kunstdichtung des Hoheliedes verfasste, die in bezaubernden Versen die Liebe zwischen Mann und Frau in vollständiger Harmonie veranschaulicht, erklärte Lena Sutor-Wernich zum „Lied der Lieder“. Bereits das Judentum deutete das Hohelied religiös als Liebe zwischen Gott und seinem Volk Israel. Das Christentum übernahm diese Deutung, wobei Christus den Bräutigam und die gläubige Seele die Braut symbolisieren. Mit enthusiastischem Beifall dankte das Publikum den Mitwirkenden für das wunderschöne Konzert.