Urbedürfnisse in beschleunigten Zeiten

Ellen Luise Weise zeigt im Wolkenhof eine Auswahl von Zeichnungen – Die Künstlerin setzt Kontrastpunkte zu aktuellen Themen

Der Gorilla – ein Tier, das für die Evolution steht und doch auch das Urmenschliche in sich trägt. Mit dieser Grundthematik beschäftigt sich die Berliner Künstlerin Ellen Luise Weise und gab bei ihrer Vernissage im Wolkenhof Einblick in ihre Überlegungen.

Fühlt sich zurzeit in der Zeichnung künstlerisch beheimatet: Ellen Luise Weise, die im Wolkenhof eine Auswahl ihrer Bilder präsentiert. Foto: J. Fiedler

Von Sarah Schwellinger

MURRHARDT. Seit Kurzem schauen Affen aus dem Kunstfenster im Wolkenhof. Dunkles Fell, tief liegende Augen, in engem Kontakt einander zugeneigt. Es ist die Ausstellung der Künstlerin Ellen Luise Weise mit dem Titel „Wir zittern“, die sie nun eröffnet hat und die hauptsächlich Auszüge ihrer aktuellen Arbeiten vorstellt. Es handelt sich vor allem um Zeichnungen von Gorillas, das gemeinsame Thema ist: Nähe und Geborgenheit. Etwas, was die Menschheit seit jeher begleitet, was im Urmenschlichen eines jeden steckt, wonach sich jedoch viele in der heutigen Zeit auch sehnen.

Weises Zeichnungen sind Beobachtungen. Bei deren Entwicklung waren für die Berlinerin die Fragen „Wo kommen wir her? Und wo führt der Weg hin?“ grundlegend. Die Frage nach der Herkunft führt sie zu dem Tier, das sie in Bildern einfängt. Der Affe sei uns gar nicht so unähnlich. Die Entwicklung vom Affen zum Menschen stelle im Endeffekt nur einen Wimpernschlag der Entwicklung dar, setze man sie in Relation der Erdgeschichte. Der Lebensabschnitt eines Einzelnen werde so zu einer kaum noch wahrnehmbaren Zeiteinheit. Gleichzeitig scheinen die Medien das Leben und die Zeitwahrnehmung zu beschleunigen. So wird man immer schneller informiert und verfügt über Nachrichten aus der ganzen Welt. Auch auf diese Entwicklungen nimmt Ellen Weise in ihren Zeichnungen Bezug. Ihre Bilder präsentiert sie im Atelierfenster, ganz analog, ohne Internet und beleuchtetem Bildschirm. Sie verweist damit auch auf die Grundwerte und Grundbedürfnisse des Menschen.

In das Sujet bindet sie ebenso die Zeichnung der Madonna mit ein, die ihr Kind in den Armen hält. Angefertigt hat sie das Bild während der Zeit, als ihre Tochter noch jung war. Das Empfinden als Mutter, die Anstrengung und Forderungen, aber auch die Liebe zwischen Mutter und Kind bringt Ellen Weise in dieser ursprünglichen Figur zum Ausdruck. All das vereint sie anschaulich in der Haltung und der Blickbeziehung von Mutter und Kind. Zum Titel ihrer Schau „Wir zittern“ sei die gebürtige Dresdnerin ganz spontan gekommen, und absolut zufrieden mit ihm. Das Zittern stehe jedoch nicht nur für die bloße Angst vor einer ungewissen Zukunft oder vor aktuellen Ereignissen, sondern auch für die bebende Erde und den immerwährenden Bewegungszustand. Da passt auch die Tuschezeichnung eines Berges hinein: „Berge zittern genau so, man sieht es nur nicht“, begründet die Künstlerin die Entscheidung, das Bild dazuzunehmen. Diese Entschleunigung bildet wohl einen (weiteren) Gegenpol zur Medienwelt und Technisierung.

Die Auswahl der Bilder geschah auch ein Stück weit vor dem historischen Hintergrund des Wolkenhofs. In Bezug zum Murrhardter Tiermaler Heinrich von Zügel (das Fenster ist Teil seines ehemaligen Ateliers) passe der Gorilla ganz gut, „auch wenn er natürlich aus südlicheren Wäldern als dem Schwäbischen kommt“, sagte Ellen Luise Weise mit einem Augenzwinkern. Bei ihrer Vernissage sprach die Künstlerin über ihre Vorbilder und Inspirationen durch Joseph Hegenbarth, Käthe Kollwitz und die Digedags von Hannes Hegen (Johannes Eduard Hegenbarth). Ebenso gab sie Einblicke in ihren Werdegang als Schaufensterdekorateurin, Theatermalerin und ihre Zeit beim Trickfilmstudio in Dresden. Heute arbeitet Ellen Luise Weise als Webdesignerin, stellt selbst regelmäßig aus, beteiligt sich am Berliner Projektraum „Tête“ und veranstaltet freies Aktzeichnen in ihrem Atelier. Die Frage nach ihrer Zukunft lässt sie sich noch weitestgehend offen. Das Zeichnen sei zurzeit ihre liebste Form, vor allem mit Pinsel und Tusche „Ich empfinde es als die direkteste Ausdrucksmöglichkeit.“ Dass es sie jedoch wieder einmal zur Malerei verschlägt, will Ellen Luise Weise nicht ausschließen.

  Die Ausstellung „Wir zittern“ im Atelierfenster, Wolkenhof 14, Murrhardt, ist bis zum 1. Oktober zu sehen (an allen Tagen frei zugänglich).