Einige Topstars fordern vehement höhere Prämien und drohen Turnier-Veranstaltern gar mit Boykott – das sagt man auf dem Stuttgarter Weissenhof dazu.
Yannick Hanfmann gewinnt sein Auftaktmatch in Stuttgart – und hat eine klare Meinung zur Geld-Debatte im Tennis.
Von Marco Seliger
Die Debatte dominiert in diesen Wochen die Tennisszene. Vor dem Beginn der gerade abgelaufenen French Open drohte sie zu eskalieren. Worum es geht? Vereinfach gesagt: Die Topstars wollen mehr Geld. Sie haben genug davon, für immer mehr Umsatz bei den größten Turnieren der Welt zu sorgen, aber immer weniger daran beteiligt zu werden. In Paris erhoben sie sie zum ersten Mal ihre Stimme.
Ihre „tiefe Enttäuschung“ brachten einige Stars über die diesjährige Verteilung im Verbund zum Ausdruck. „Es geht um Respekt“, sagte etwa der italienische Weltranglistenerste Jannik Sinner: „Denn ich glaube, wir geben weit mehr, als wir zurückbekommen. Das gilt nicht nur für die Topspieler, sondern für alle Spieler.“ Die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka brachte gar einen möglichen Boykott ins Spiel.
Zwischendurch kurz zu den Zahlen: 2,8 Millionen Euro strichen die Turniersieger der French Open bei den Frauen und Männern (in dem Fall Alexander Zverev) nun jeweils ein. Die Finalistinnen und Finalisten von Roland Garros erhielten die Hälfte, die Halbfinal-Teilnehmenden 750.000 Euro.
Die Stars haben bei der Geld-Debatte auch die NBA im Sinn
Gewaltige Summen sind das – doch den Protagonisten geht es um ihren relativen Anteil am Umsatz. Der mache, so eine Gruppe der Top-Profis, nur etwa 15 Prozent aus und liege unter der Forderung an die Grand Slams nach 22 Prozent. Die Stars um Sinner haben bei ihren Forderungen neben den ständig steigenden Gewinnen der Veranstalter bei den großen Turnieren auch andere Sportarten im Sinn – die nordamerikanische Profiliga NBA etwa, in der 50 Prozent der Liga-Einnahmen an die Basketballer gehen.
Edwin Weindorfer sitzt am Dienstagnachmittag auf der VIP-Terrasse auf dem Stuttgarter Weissenhof. Der Österreicher ist nicht nur der Turnierdirektor der Boss Open, die jedes Jahr auf dem Killesberg steigen, sondern auch zweier weiterer ATP-Turniere: in Wien und auf Mallorca. Er hat also einen übergeordneten Blick auf die Dinge.
Das bekommt der Sieger in Stuttgart
„Tennisprofis“, sagt Weindorfer, „verdienen sehr gut und haben meist ein sorgenfreies Leben – sie bekommen bei den Turnieren die Übernachtung in Fünfsternehotels bezahlt und einen Fahrdienst an die Seite, ihnen wird alles geliefert und geboten.“
Rund ums alljährliche Turnier in Stuttgart habe man ähnliche Debatten wie nun in Paris nie führen müssen, betont Weindorfer weiter: „Die jüngsten Diskussionen haben keinen Einfluss auf unser Handeln. Bei uns macht das Preisgeld inklusive der üblichen Antrittsprämien traditionell 20 bis 30 Prozent vom Gesamtbudget aus.“ In diesem Jahr bekommt der Sieger auf dem Weissenhof rund 117.000 Euro.
Generell sei es, so Weindorfer weiter, die Regel auf der Männertour der ATP, dass das Preisgeld bei den Turnieren jährlich um jeweils fünf bis zehn Prozent erhöht werde: „Das ist mehr als die übliche Anpassung an die steigenden Lebenskosten.“
Just zu der Zeit, als Weindorfer mittags auf der VIP-Terrasse spricht, absolviert der Weltranglisten-59. Yannick Hanfmann gerade sein Auftaktspiel auf dem Centre-Court, er wird es am Ende in zwei Sätzen gewinnen. Der gebürtige Karlsruher betont hinterher auf Nachfrage einen Aspekt, der in den Debatten ums Geld zuletzt eher eine untergeordnete Rolle spielte: den Flickenteppich auf der Tennistour. So machen die Grand Slams finanziell ihr eigenes Ding, während unter anderem die ATP-Tour ebenfalls selbst wirtschaftet.
„Es wäre erst mal schön, wenn wir künftig alles unter einen Hut bekämen“, sagt Hanfmann: „Jeder wahrt gerade noch seine eigenen Interessen. Es wäre gut, wenn man generell Wege fände, von den Turnierumsätzen erstens mehr an die Spieler zu verteilen – und es dann so zu gestalten, dass auch Spieler, die etwa gerade noch so in den Top 100 der Weltrangliste sind, mehr verdienen als bisher.“
Tennis ist ein teurer Sport
Der 34-Jährige spricht damit ein Problemfeld im Tenniszirkus an. Denn der besteht nicht nur aus den Stars der Szene und jenen, die in der Weltrangliste weit oben stehen und jährlich teils Preisgelder in Millionenhöhe einspielen – sondern auch aus jenen, die Schwierigkeiten haben, ihr Leben auf der Tour zu finanzieren.
Denn Fakt ist: Tennis ist ein teurer Sport. Die Profis reisen als Alleinunternehmer um die Welt, zahlen Trainer und Physiotherapeuten. Spieler und Spielerinnen, die die Qualifikation für die Grand-Slam-Turniere nicht überstehen, müssen oft draufzahlen. Wer es dagegen regelmäßig zumindest in die erste Runde bei einem Grand-Slam-Turnier schafft, ist seine Sorgen für das laufende Jahr erst mal los – 87.000 Euro etwa bekam man zuletzt allein für den Einzug in die erste Runde bei den French Open.
Edwin Weindorfer, der Stuttgarter Turnierdirektor, hat in der laufenden Debatte dagegen eher die größeren Prämien für die Topstars der Szene im Sinn: „Also wenn der Sieger der US Open bei knapp 100 Millionen Turnierumsatz knapp vier Millionen Euro bekommt – ich weiß nicht, ob das ungerecht ist.“