Entdeckungsreise zur eigenen Stimme

Sängerin Nora B. Hagen arbeitet mit Kindern und Jugendlichen der Chöre am evangelischen Kantorat Murrhardt

„Singen ist Sport, das wissen die meisten Leute gar nicht“, sagt Nora B. Hagen zur zehnjährigen Mailin. Zum Stimmbildungsunterricht der Sängerin gehören insofern auch einige Dinge, die gut zu einer Gymnastikstunde passen würden: Die Arbeit mit Terabändern, Dehn- und Streckübungen oder ein kurzer Lauf durch den Unterrichtsraum. Sie lädt die Kinder und Jugendlichen regelmäßig ein, sich auf Entdeckungsreise zur eigenen Stimme und deren Möglichkeiten zu begeben.

„Es gilt, das Potenzial unserer jungen Chormitglieder zu wecken und sie so gut wie möglich zu fördern.“ Kantor Gottfried Mayer

Von Christine Schick

MURRHARDT.Hope und Faith (10) stehen mit den Füßen auf ihren Terabändern, ziehen sie nach oben und machen gleichzeitig ein paar Lippen- und Stimmlockerungsübungen. Bei dem sportlichen Auftakt sind die Zwillinge gut beschäftigt, strecken und dehnen sich, bis Nora B. Hagen langsam die ersten Elemente eines Stimm- und Singtrainings ins Spiel bringt. Mit geschlossenen Augen sprechen die beiden einzelne Buchstaben. „Leise, aber ganz deutlich!“, sagt ihre Lehrerin. Das wiederholte „Sch“ nimmt Fahrt auf und wird zum anrollenden Zug. Beim „Sum-sum-sum“ sagt Nora B. Hagen: „Stellt euch vor, wie eine Biene hinter der anderen herfliegt, und dann kommt gleich die nächste.“ Gähnen – da gut für die Stimme – ist ausdrücklich erwünscht und geht in Indianergeheul über. Dann folgt der Schritt zur Arbeit an einem Stück. Hope und Faith sind im Kinderchor des evangelischen Kantorats Murrhardt, bei dem im Oktober die Aufführung des Kindermusicals „Martin Luther“ von Gerd-Peter Münden auf dem Programm steht. Nora B. Hagen setzt sich ans Klavier und spielt die Melodie eines der Lieder an, das augenzwinkernd erklärt, wer der gute Mann denn eigentlich war. Zur zeitlichen Einordnung heißt es in einer Liedzeile: „Dieser Luther könnte locker unser Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-urgroßvater sein!“ Hope und Faith vertiefen sich ins Singen, zwischendurch fordert sie ihre Lehrerin wieder dazu auf, zu gähnen, „dann kommen die Töne ganz von allein.“ Und die klare Aussprache ist ihr wichtig. Sie zeigt aus den Fenstern des ersten Stocks in der Alten Abtei, gegenüber ist die Stadtkirche zu sehen. „Der Raum ist groß, und wenn jetzt eine ältere Frau mit Hörgerät in der letzten Reihe sitzt, müsst ihr ganz deutlich sprechen, damit sie euch versteht“, sagt sie. „Aber ihr bekommt das hin.“ Dann singen die beiden noch eine Passage.

Kantor Gottfried Mayer war es schon länger ein Anliegen, den Kindern und Jugendlichen, die in den Chören des Kantorats singen, auch eine Stimmbildung anzubieten, und er freut sich, dass Nora B. Hagen aus Ludwigsburg nun seit November vergangenen Jahres mit den Mädchen und Jungen arbeitet. Je nach Bedarf können sich auch Mitglieder des Jugendchors mit ihr auf bestimmte Einsätze wie beispielsweise Soli bei Konzertaufführungen vorbereiten. Nora B. Hagen, die ein abgeschlossenes Schulmusik- und Gesangsstudium hat und zurzeit noch eine Ausbildung beim Bund deutscher Gesangspädagogen macht, ist drei Stunden die Woche in Murrhardt, um mit den Kindern und Jugendlichen zu trainieren. „Wir haben ja auch einen kulturellen und schöpferischen Auftrag, zu dem meiner Ansicht nach gehört, das Potenzial unserer jungen Chormitglieder zu wecken und sie so gut wie möglich zu fördern“, sagt der Kantor der evangelischen Kirchengemeinde Murrhardt. Dabei ist die stimmliche Entwicklung im weitesten Sinne auch eine der Persönlichkeit. Jedes Kind bringt einerseits seine Individualität, andererseits ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit, an die Nora B. Hagen anknüpft. Eine Arbeit, die übrigens komplett über Spenden finanziert wird und den Familien somit kostenfrei angeboten werden kann. „Singen ist Körperarbeit“, sagt die Sopranistin. Die Tatsache, dass Kinder mittlerweile schon früh sehr viel am Tag sitzen, und so Haltungsschäden entwickeln können, ist dabei einer der Bereiche, die bei der Arbeit eine Rolle spielen können. Generell möchte sie erreichen, dass die Nachwuchssänger ihre Stimme authentisch und vollständig entwickeln – aber kindgerecht. Davon, junge Sänger darin zu trainieren, wie Erwachsene Opernarien zu schmettern, hält sie wenig. Mal arbeitet sie mit ihren Schülern daran, an (sehr) hohe Töne zu gelangen, mal in ein lockereres, unverkrampftes Singen zu kommen. Für Nora B. Hagen steht fest: „Singen ist wichtig für die seelische Gesundheit.“

Mailin hat ihr Teraband um die beiden Hände gewickelt, versucht es über der Hüfte auseinanderzuziehen und gleichzeitig „Kuck-kuck-kuck“ in den Raum zu rufen. „Ich brauch deine Bauchmuskeln, die Körperspannung ist wichtig“, sagt ihre Lehrerin und variiert die Übung. Die Zehnjährige stellt sich auf ein Bein, später setzt sie ihre Bauchmuskeln, deren Anspannung sie mit der Hand kontrolliert, noch bewusster ein – und die Stimme und das „Ki-ki-ki“ und „Kü-kü-kü“ werden merklich lauter.

Die elfjährige Juli ist erkältet. Nora B. Hagen zeigt ihr, wie sie herausfindet, ob sie trotzdem singen kann. Die kurzen Sequenzen soll sie leise, fein und weich gestalten. „Legato! Das ist Medizin für die Stimme, also keine Lücke zwischen den Tönen lassen, so, als ob du ein Butterbrot schmieren würdest.“ Die beiden stellen fest, dass die Stimme nicht betroffen ist, die Erkältung aber weiter oben im Nasen- und Stirnbereich sitzt. Insofern wird nicht mehr intensiv gesungen, aber die Sopranistin spricht mit Juli über das Musical, in dem die Elfjährige gern eine weibliche Gesangsrolle übernehmen würde. Sie macht klar, dass über die Besetzung Gottfried Mayer entscheidet, gibt ihrer Schülerin aber eine inhaltliche Einschätzung: Die Rolle von Clemens empfindet sie für die Geschichte mindestens genauso wichtig wie die Katharinas, mit der Juli liebäugelt. Zum Schluss bekommt die Elfjährige noch den Tipp, zu inhalieren und viel zu trinken, womit der umfassende, ganzheitliche Stimmbildungsunterricht endet.