Jeder Tag im Mutterleib zählt

Filmvorführung und anschließende Diskussionsrunde offenbaren immense Defizite in Sachen Geburtshilfe

„Die sichere Geburt - Wozu Hebammen?“ heißt der brandaktuelle Dokumentarfilm der Regisseurin Carola Noelle Hauck. Er kritisiert eine zum Teil unhaltbare Situation für werdende Mütter in Kliniken und will die Arbeit von Hebammen würdigen und wieder gesellschaftsfähig machen.

Die Leiterin des Geburtshauses Backnang, Nicole Strobel, die Vorsitzende des Hebammenverbandes Baden-Württemberg, Jutta Eichenauer und Sabine Dietrich vom Kinoverein Murrhardt (von links)in der Diskussionsrunde zum Film „Die sichere Geburt - Wozu Hebammen?“ mit Regisseurin Carola Noelle Hauck (rechts). Foto: J. Fiedler

Von Carmen Warstat

MURRHARDT. Der Tag der Einweihung des Backnanger Geburtshauses war ein willkommener Anlass für die Münchener Künstlerin Carola Noelle Hauck, im Rahmen einer bundesweiten Kino-Tournee Station in Murrhardt zu machen, um den kritischen Streifen vorzustellen und mit Hebammen und (werdenden) Müttern zu diskutieren. Ausschließlich durch Crowdfunding finanziert und in vierjähriger Arbeit geschaffen, füllt der Film eine Lücke im öffentlichen Bewusstsein für ein Thema, das individuell alle betrifft und andererseits immense gesellschaftliche Auswirkungen zeitigt.

Carola Noelle Hauck arbeitet darin mit Techniken und Stilmitteln, die gegensätzlicher kaum wirken könnten: So werden magische Filmsequenzen, die den weiblichen Körper in der Situation von Schwangerschaft und Geburt zu berauschender Musik zeigen, bitterernste Erfahrungsberichte von Müttern sowie aufrüttelnde Interviews mit internationalen Spezialisten von heiteren Trickfilmchen abgelöst, so dass der Humor keinesfalls zu kurz kommt. Anschaulich präsentiert der Film sowohl althergebrachtes Wissen über die Kultur der natürlichen Geburt als auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und lässt neben erfahrenen Hebammen Ärzte, Medizintechniker und Soziologen zu Wort kommen, deren Ausführungen bei aller medizinwissenschaftlichen Genauigkeit durchaus manchmal auch gewitzt daherkommen. So gelingt es dem Film, brisante Probleme der Thematik aufzuwerfen, ohne werdende Eltern jedoch zu ängstigen.

Ganz seinem Sujet angemessen bleibt er bei aller berechtigten Kritik konstruktiv und dem Leben sowie der Zukunft zugewandt. Besonders berührend - die durchweg unerfreulichen Erfahrungsberichte von Müttern, die dennoch ambivalent bleiben, weil sie jeweils auf ein Happy End zusteuern. Dieses aber macht, entgegen der landläufigen Meinung, Traumata unter der Geburt nicht wett. Im Gegenteil, so der einhellige Tenor der Experten, tragen Mutter und Kind ein Leben lang daran, was wiederum, wie Carola Noelle Hauck ausführte, kein Frauenthema, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Also möchte der Film für die außerklinische Arbeit der Hebammen werben, die auf Apparatemedizin verzichtet und Erfahrung, Vertrauen und Selbstvertrauen, Körpergefühl und Selbstbestimmung der Frau dagegenstellt. Beeindruckender Beleg hierfür ist eine Hausgeburt, die der Film zum Abschluss zeigt - aufgenommen vom Kindsvater, der selbst Kameramann ist und der Regisseurin das Material zur Verfügung stellte.

Heftig argumentiert „Die sichere Geburt - Wozu Hebammen?“ gegen den selektiven Kaiserschnitt beziehungsweise Kaiserschnitt zum Wunschtermin oder „Wunschkaiserschnitt“. Denn: Jeder Tag im Mutterleib zählt, auch wenn die Entwicklung des Babys keiner DIN-Norm unterliegt, sondern natürlich individuell verschieden voranschreitet, wie einer der Experten es im Film formulierte.

Die anschließende Diskussion führte die Regisseurin mit der Vorsitzenden des Hebammenverbandes Baden-Württemberg, Jutta Eichenauer, der Leiterin des Geburtshauses Backnang, Nicole Strobel und den Zuschauern im Kinosaal. Sabine Dietrich vom Kinoverein Murrhardt moderierte das Gespräch, das im Wesentlichen auf die Situation von Hebammen und Müttern, aber auch auf die der Männer einging. „Warum ändert sich trotz neuer Forschungsergebnisse nichts an der Praxis in den Krankenhäusern?“ Diese brennende Frage beantwortete Jutta Eichenauer damit, dass der Abbau von Hierarchien nötig aber nicht wahrscheinlich sei: „Der große politische Wurf wäre es, das ganze System des Wettbewerbs im Gesundheitswesen auf den Kopf zu stellen.“

Und: Unter www.die-sichere-geburt.de stellt die Regisseurin klar: „Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: möchten wir an dieser Stelle betonen, dass die Notfallmedizin, Kaiserschnitt und intensive Versorgungsmedizin in der Geburtshilfe ein Segen sind für alle Mütter und Kinder, die sie benötigen.“