Jenseits von Sicherheit und Anerkennung

Das Interview: Regisseur Willi Kubica spricht über Zuschnitt und Stoßrichtung des spätantiken Flüchtlingsdramas „Elja – 376 A.D.“

Im Frühsommer 2016 lag die römische Grenze, an der sich die Gotin Elja mit ihrer Familie und Gefolgschaft nach der Flucht vor den Hunnen einfindet und die Mächtigen um Hilfe bittet, am Riesberg in Murrhardt. Studenten der Filmakademie Ludwigsburg haben dort Teile des historischen Flüchtlingsdramas „Elja – 376 A.D.“ gedreht. Nun wird es in der Walterichstadt zu sehen sein. Regisseur Willi Kubica spricht über Motive, Figuren und das Herangehen an das komplexe Thema.

Die Szenen mit Elja (Jana Klinge) im gotischen Flüchtlingslager sind im Wald auf dem Murrhardter Riesberg entstanden. Archivfoto: J. Fiedler

Von Christine Schick

Ohne alles verraten zu wollen, der Film „Elja – 376 A.D.“ ist doch eine relativ harte und düstere Version einer Flüchtlingsgeschichte. Ist das der Zeit geschuldet, in der sie spielt, oder wollten Sie die Konflikte zwischen Goten und Römern einfach konsequent ausspielen?

Auf jeden Fall spielt die Zeit dabei eine Rolle. Wir haben auch intern lange diskutiert. Die Darstellung von Gewalt ist beim Filmemachen immer eine der großen Fragen. Wir haben aber gemerkt, dass uns die Geschichte niemand abgenommen hätte, wenn wir bei Themen wie Vergewaltigung nicht in eine gewisse Härte gegangenen wären. Der andere Punkt ist der Wunsch, Filme zu schaffen, die man nicht gleich wieder vergisst, also eine Intensität zu erreichen, wodurch sich die Szenen beim Zuschauer ein Stück weit einbrennen. Bei der heutigen Flut an Informationen und Videoinhalten rauschen die Dinge oft einfach durch beziehungsweise werden permanent überschrieben. Die Zuschauer, die „Elja – 376 A.D.“ schon gesehen haben, haben unterschiedlich reagiert. Manche empfinden die Gewalt als zu drastisch, für andere ist sie fast zu soft.

Was sind die Vor- und Nachteile, eine historische Flüchtlingsgeschichte zu erzählen und damit einen zeitlichen und emotionalen Abstand zum Thema zu haben?

Vorteil ist der Schauwert einer faszinierenden Welt, der einfach Lust macht, sich das anzusehen. Zudem kann man durch den Abstand unbefangener ans Thema herangehen. Die Gefahr ist, auf ein übersättigtes Publikum zu treffen, was die aktuelle Lage anbelangt. Mit Verwendung der historischen Folie haben wir uns dem Thema einfach noch mal anders nähern können. Ein Nachteil ist, dass der Zuschauer die Thematik deshalb von sich weisen kann, indem er sagt, das war damals alles anders und lässt sich nicht eins zu eins auf heute übertragen. Doch darum geht es ja auch gar nicht, die Diskussion sollte meiner Meinung nach eher auf der Ebene von sich wiederholenden Prozessen und eines Perspektivwechsels ansetzen.

Die Hauptfigur Elja als gotische Stammesführerin ist geschickt gewählt. Sie passt nicht in die römische Welt, ist sozusagen Garant für Konflikte, wenn sie sich nicht völlig aufgeben will. Haben Sie mal überlegt, wer Elja heute sein könnte und mit wem sie aneinandergeraten würde?

Heutzutage ist unsere relativ aufgeschlossene Gesellschaft, was Themen wie Religion und Geschlecht angeht, durch die Flüchtlingssituation nun auch zunehmend mit einer Welt konfrontiert, in der die Frau noch einen anderen Status hat. Insofern ist Elja als Hauptfigur in gewisser Weise eine doppelte Umkehrung, ein Gedankenspiel. Sie trifft auf eine scheinbar aufgeschlossene Welt, hat aber bei den Römern mit ihrer Rolle als Frau Probleme. Sie bringt als Geflüchtete ihre Traditionen mit, ist gleichzeitig eine selbstbewusste Frau, auf die wir aus heutiger Perspektive wohlwollend schauen. Heute entspräche sie beispielsweise einer deutschen, ehemals sehr mächtigen Frau, die in eine fundamentalistische Welt flüchten muss, dort ihre Anerkennung aufgrund ihres Geschlechts verliert und Probleme bekommt, weil sie einen christlichen Glauben oder eben keinen Glauben hat. Egal wie man es nun genau übersetzt: Elja hat die Aufgabe, den Zuschauer nachempfinden zu lassen, wie es ist, an einen Ort zu kommen, an dem nicht anerkannt wird, wofür man bisher stand.

Der Film thematisiert auch Gewalt und Eskalation. Sehen Sie darin eine Möglichkeit, genau hinzuschauen – im Sinne einer überspitzen Analyse – oder auch ein Stück weit zu warnen, was passieren kann?

Die Eskalation ist vielleicht drastisch, aber in diesem Kontext nachvollziehbar, und zwar auf beiden Seiten. Die Grundintention war nicht, zu zeigen, was passieren könnte, sondern gewissermaßen aus dem Historischen etwas mitzunehmen. Es geht vielmehr darum, genau hinzuschauen, um herauszufinden, wo könnten eigentlich die Schwierigkeiten liegen? Das ist von Anfang an und auf längere Sicht die Kommunikation zwischen den beiden Seiten – Römer und geflüchtete Goten. Die Verständigung gestaltet sich denkbar schwierig, und der Dialog misslingt. Wenn man daran nicht arbeitet, ist das Konfliktpotenzial hoch. Es gibt ja heute Beispiele hoffnungsvoller gemeinsamer Flüchtlingsarbeit genauso wie solche, in denen sich Kommunen überfordert fühlen. Der Schlüssel ist meines Erachtens das genaue Hinschauen und der ehrliche Dialog, doch das erfordert natürlich Zeit und Kraft.

Mir ging es an manchen Stellen so, dass ich das Gefühl hatte, nicht alles verstanden zu haben, beispielsweise an dem Punkt, an dem der Streit wegen eines Messers entbrennt. Vermutlich muss man „Elja – 376 A.D.“ zwei- oder dreimal schauen.

Ja, der Film ist nicht nur einfache Unterhaltungskost. Dass man an der Stelle überfordert ist, ist der Kürze geschuldet, aber auch ein Stück weit gewollt. Die jeweiligen Mitglieder der beiden Gruppen schätzen die Lage ganz unterschiedlich ein. Dadurch entstehen Situationen, mit denen man gar nicht gerechnet hat. Das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben, überträgt sich auch auf den Zuschauer. Das wiederum wirft die Frage auf: Haben wir alles im Blick und setzen wir uns mit den Dingen ausreichend auseinander?

Das heißt, der Effekt der Überraschung und Überforderung gehört mit zur Botschaft?

Die Überlegung, noch mal genau hinschauen zu müssen, taucht heute oft gar nicht mehr auf. Vielmehr ist schnell ein Urteil gefällt, in Gut und Böse eingeteilt, oder man schwimmt einfach nur mit und kommt nicht wirklich zu einer Meinungsbildung beziehungsweise Scharfstellung des Themas. Der Schritt, sich zu sagen, ich blicke noch mal genau drauf und komme dann erst zu einer Einschätzung, ist etwas, was unserer Gesellschaft scheinbar immer mehr abhandenkommt.

Einer der Knackpunkte bleibt dabei auch die Kommunikation.

Die bisherigen Rückmeldungen haben uns gezeigt, dass der Kniff mit der Sprachbarriere gut funktioniert. Der römische Centurio Cossus spricht ja Latein, weshalb das Publikum teilweise nicht alles versteht, genauso wie Elja. Das hat bei Zuschauern Gefühle ausgelöst, die bis zu Wut reichten. Das ist ein emotionaler Knackpunkt, in der sich eben der Perspektivwechsel hin zu einem historischen, germanischen Flüchtling entfaltet. Ebenso spannend ist, dass Cossus in seiner goldenen Rüstung eine starke Faszination ausübt. Da spürt man eine Instanz, einen Entscheider, der als politische Figur auch über Sprache Macht ausübt, selbst wenn man die Sprache nicht versteht! Man favorisiert ja oft Politiker, die eine hohe rhetorische Kompetenz und eine starke, in sich ruhende Ausstrahlung haben. Daher kommt ja auch die viel-bemühte Einschätzung, dass nicht Parteiprogramme, sondern Persönlichkeiten eine Wahl gewinnen.