Widerstandskämpfer und Demokrat

Christian Schweizer zeigt im VHS-Vortrag die Bedeutung des Wahl-Murrhardters Rudolf Hartmann für den 20. Juli 1944 in Paris auf

Bei umfangreichen historischen Forschungen erlangte Christian Schweizer wichtige neue Erkenntnisse über den militärischen Widerstand gegen das NS-Regime. Diese präsentierte der Heimatgeschichtsforscher nun im Vortrag „Murrhardt im Netzwerk des NS-Widerstands“ zum VHS-Semesterschwerpunkt Demokratien, der auf großes Interesse stieß.

Treffen der militärischen Widerstandskämpfer am 15. Mai 1944 in Mareil-Marly: Sitzend, von links zu sehen sind Hans Speidel, Erwin Rommel und Carl-Heinrich von Stülpnagel, links steht Rudolf Hartmann, rechts neben ihm ein bisher unbekannter Offizier. Das Bild wurde zerrissen, um die Beteiligten zu schützen. Foto: privat

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Im Zentrum stand der Wahl-Murrhardter Rudolf Hartmann (1893 bis 1972), den einige Zuhörer noch persönlich gekannt hatten und dessen Schwiegermutter Maria, eine geborene Baumgart, aus Murrhardt stammte. 1935 erwarb Hartmann das Haus „Seeblick“ an der Waltersberger Straße oberhalb des Feuersees im Bereich des heutigen Friedhofs. 1938 zog die Familie dort ein, und 1941 wurde die Walterichstadt ihr Erstwohnsitz. „Hartmann war ein bisher kaum bekanntes Mitglied des militärischen Widerstands und gehörte zu den wenigen überlebenden Führungspersonen des 20. Juli 1944 in Paris“, betonte der Leiter des Carl-Schweizer-Museums.

Christian Schweizer findet einen Augenzeugenbericht von Hartmann

Zufällig habe er Augenzeugenberichte Hartmanns von Treffen mit Generalfeldmarschall Erwin Rommel entdeckt, die eine wichtige Quelle für dessen Rolle im Widerstand seien. Hartmanns Weg in den Widerstand und seine Motivation für einen politischen Systemwechsel erfolgten aus negativen Erfahrungen als Bankenexperte im NS-System und seinem Werdegang als Reserveoffizier, erläuterte Schweizer im Wilhelm-Seibold-Saal des Grabenschulhauses. Hartmanns Rolle als Widerstandskämpfer bereichere die Erkenntnisse zu weiteren Mitgliedern des NS-Widerstands in Murrhardt, so zur Weißen Rose, zum Umfeld des Obersts Friedrich Gustav Jaeger sowie zu Fritz Elsas.

Seit 1935 hatte Hartmann als Reserveoffizier Kontakte zum militärischen Widerstand, 1940 war er am Einmarsch in Frankreich beteiligt. Anfang 1941 wurde er zum Befehlshaber Nordwestfrankreich einberufen, wobei er Kontakt zum Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, bekam. Im Frühjahr 1942 erfolgte Hartmanns Einberufung in den Stab des Militärbefehlshabers Frankreich, General Carl-Heinrich von Stülpnagel. Nun war er verantwortlich für Unterbringung, Nachschub, Transport- und Kraftfahrwesen, zuständig für Verkehrsfragen im militärischen Bereich, überwachte die Soldatenheime und den Strafvollzug. Mit General Hans Speidel, Oberst Karl-Richard Kossmann, Oberst Eberhard Finckh und Oberstleutnant Caesar von Hofacker bildete Oberstleutnant Rudolf Hartmann den Kern des militärischen Widerstandskreises in Paris.

Sein Augenzeugenbericht über ein der Forschung bisher unbekanntes Gespräch zwischen Stülpnagel und Rommel im Mai 1944 ist laut Schweizer ein entscheidendes Indiz, um dessen Beteiligung und Mitwisserschaft an den militärischen Umsturzplänen nachzuweisen. Fotos aus dem Privatbesitz der Familie Stülpnagel dokumentieren eine Besprechung der Verschwörer Mitte Mai 1944 bei der Taufe von Kossmanns Sohn, um Rommel als Führungsfigur für den Widerstand zu gewinnen.

Ende Mai folgte bei einem Gespräch in Hartmanns Quartier in Mareil-Marly die „entscheidende Fühlungnahme“ und der Durchbruch zur eindeutigen Zustimmung Rommels zu den Plänen des Widerstands. Hartmanns Bericht darüber „ist eine Primärquelle zur Unterstützung der Putschpläne durch Rommel“, verdeutlichte Schweizer. Am 20. Juli war Hartmann nicht in Paris, sondern fuhr nach Stuttgart zu einer Aufsichtsratssitzung der Württembergischen Bank, deren Direktor er seit 1938 war. Schweizer nimmt jedoch an, dass er auf dieser Reise auch geheime, darum nicht bekannte Aufgaben zur Organisation des Putsches erfüllte und als Bote im Auftrag Eberhard Finckhs fungierte.

Hartmanns Aufzeichnungen, in denen er Zeugen und Vertraute nennt, zeigen auch seine Vernetzung in die Widerstandskreise um Carl Friedrich Goerdeler, Robert Bosch und Paul Gustav Hahn sowie Kontakte zu bedeutenden Persönlichkeiten in seiner Wahlheimat Murrhardt. So sind Christian Schweizers Forschungsergebnisse ein wichtiger Mosaikstein für die Zeitgeschichte der Walterichstadt, wo während des Kriegs Mitglieder verschiedener Widerstandskreise sowie Intellektuelle aus Politik und Kunst lebten.

Ob diese auch in direktem Kontakt standen und ihre Arbeit koordinierten, sei jedoch noch genauer zu erforschen, betonte der Referent. Rudolf Hartmann, der nach dem Krieg zum Präsident der DZ-Bank aufstieg, sei mehrfach ausgezeichnet worden für seine Leistungen als Wirtschafts- und Finanzexperte. Doch: „45 Jahre nach dem Tod dieser bedeutenden Persönlichkeit ist es an der Zeit, deren vorbildliches Handeln für unseren demokratischen Staat zu würdigen.“ Darum regte Schweizer an, ihn auf dem Nägeleplatz in geeigneter Form zu ehren.

Die Forschungsergebnisse sollen im Jahrbuch für Württembergisch Franken veröffentlicht werden.