Liebesboten und Killerpflänzchen

Murrhardter Musiksommer: Stilistisch abwechslungsreicher Liederabend „Durch die Blume“

Haben ein musikalisch und thematisch spannendes Programm geboten (von links): Christine Schandelmeyer (Klavier), Lena Sutor-Wernich (Alt) und Karsten Müller (Bass). Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Der Reichtum an Melodien, die zu uns über und durch die Blume sprechen, spiegelt die große Vielfalt bunter Blüten wider. Neben etlichen bekannten Kunstliedern erfüllen auch einige seltene Blumenkompositionen die Stadtkirche beim ersten Konzert des Murrhardter Musiksommers.

Der Liederabend „Durch die Blume“ wird für zahlreiche Zuhörer zu einer dramaturgisch brillant gestalteten sinnlichen Begegnung mit einer Fülle verschiedenartiger Klänge, die musikalisch Blüten und Düfte symbolisieren. Auf einem mit Rosenblütenblättern dekorierten Podium tritt ein kongeniales Trio auf. Voller Hingabe interpretieren Lena Sutor-Wernich mit ihrer lyrischen, facettenreichen Altstimme, Karsten Müller mit seiner warmen, klang- und ausdrucksvollen Bassstimme, und die Pianistin Christine Schandelmeyer mit ihrem klangschönen, feinsinnigen Spiel in vollendeter Harmonie ein stilistisch breites Spektrum aus Werken von der Klassik und Romantik über den Impressionismus bis zum 20. Jahrhundert.

In Kulturen und Religionen finden

sich unzählige Blumenrituale

Dazu erzählen Lena Sutor-Wernich und Karsten Müller abwechselnd spannende Details über die Bedeutung der Blumen als Ebenbild der Schönheit, des Werdens und Vergehens. Sie faszinieren die Menschen schon seit Urzeiten mit ihrer Formen- und Farbenvielfalt, ihren betörenden Düften und heilkräftiger oder auch giftiger Wirkung. In allen Kulturen und Religionen finden sich unzählige Blumenrituale, Mythen und Bräuche, zudem dienen Blumen dazu, Stimmungen und Gefühle auszudrücken und zu vermitteln.

Die Redewendung „etwas durch die Blume sagen“ entstand im 18. Jahrhundert. Lady Montagu, Gattin des britischen Botschafters, beobachtete in Istanbuler Harems die raffinierte Blumensprache, mit der Liebende geheime Botschaften übermittelten. Ihre „Briefe aus dem Orient“ machten die Kommunikation „durch die Blume“ zur Mode in Europa. In die orientalische Welt und in den „Garten des Serails“ entführen exotische, fantasievolle Klangfiguren des Fin-de-Siècle-Komponisten Frederick Delius (1862 bis 1934).

Um die Rose, die Königin der Blumen, ranken sich unzählige Mythen und Symbolismen. Sie macht uns aber auch die Vergänglichkeit der Sinneswelt und unserer Gefühle bewusst: So wie die Rosen verblühen, können auch die Liebe und das Leben vergehen. Darauf deutet „Zur Rosenzeit“ hin, ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe, das Edvard Grieg (1843 bis 1907) mit schwermütiger Melodik und dunklen Klangfiguren vertonte, von Lena Sutor-Wernich eindrücklich mit variabler Dynamik und emotionaler Intonation gestaltet.

Dagegen blüht das kleine Veilchen unscheinbar im Verborgenen und steht für heimliche Liebe und Zurückhaltung. In Wolfgang Amadeus Mozarts (1756 bis 1791) „Das Veilchen“ (Köchelverzeichnis 476) mit volksliedhafter Melodie, die Bassist Müller schwungvoll präsentiert, wird dies dem Blümchen zum Verhängnis: Es wünscht sich, eine besondere Blüte zu sein – da zertritt es eine junge Schäferin.

Das Gedicht „Der Blumen Rache“

erzählt von mordenden Gewächsen

Sommerstimmung strahlt das Gedicht „Die Blumen des Kornfelds“ von André Girod aus, inspiriert von wogenden Ähren, rotem Mohn und blauen Kornblumen. Der Dichter vergleicht die Ähren mit dem blonden Haar, den Mohn mit dem roten Mund und die Kornblumen mit den azurblauen Augen seiner Liebsten. In Claude Debussys (1862 bis 1918) Vertonung verschmelzen idyllisch klingende gebrochene Klavierakkorde und die wunderbar lyrische Gesangsmelodie zu einer klangfarbenreichen Impression.

Die Redewendung „jemandem einen Korb geben“ geht wohl auf einen seit dem Mittelalter bekannten ländlichen Brauch zurück. Wenn eine junge Frau die Liebe ihres Verehrers nicht erwiderte, stellte sie diesem einen bedeckten Korb mit Unkräutern als abstoßendes Zeichen vor die Tür. Musikalisch veranschaulicht dies das Stück „Vergebliches Ständchen“ Opus 84 No.4 von Johannes Brahms (1833 bis 1897). Augenzwinkernd präsentieren Lena Sutor-Wernich und Karsten Müller im Duett das niederrheinische Volkslied: Sehnsüchtig wünscht der Verehrer, zu seiner Angebeteten zu kommen, die jedoch kaltherzig die Tür verschlossen hält und ihn schroff mit „Gute Nacht“ fortschickt.

Zu hören gibt es aber auch Schauriges, so das von Karsten Müller rezitierte Gedicht „Der Blumen Rache“ von Ferdinand Freiligrath (1810 bis 1876), wohl eine Mahnung, nicht zu oft zu viele Blumen zu pflücken. Darin steigen aus den Blüten eines Straußes geistergleiche Duftgebilde. „Von der Erde hast du grausam uns gerissen, wir verblühen, doch ehe wir sterben, trifft dich unsere Rache“, klagen sie ein schlafendes Mädchen an – und töten es.

Den krönenden Abschluss bildet „Die letzte Rose des Sommers“ von Benjamin Britten (1913 bis 1976): Gefühlvoll trägt die Altistin die mit reizenden Verzierungen umspielte bekannte irische Melodie vor. Mit tosendem Applaus danken die Zuhörer dem Trio für den wunderschönen Reigen aus Kunstliedern, Gedichten und Geschichtchen rund um die Blumen.