Engelsstimmen und Dschungellaute

Philharmonia-Chor Stuttgart präsentiert stil- und klangfacettenreiches Programm beim Abschlusskonzert des Musiksommers

Eine Sternstunde sinfonischer Chormusik unter dem Motto „Singet und lobet“ zum 100. Geburtstag des berühmten amerikanischen Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein (1918 bis 1990) hat eine große Zuhörerschar in der Murrhardter Stadtkirche erlebt.

Der Philharmonia-Chor Stuttgart unter der Leitung von Johannes Knecht (rechts) begeisterte mit seinem Konzert in der Stadtkirche. Spezialität des Ensembles sind Werke, deren Schöpfer Merkmale unterschiedlicher Stile und Epochen zu einer neuen Einheit verschmelzen. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Von Anfang an begeistert sie – die Klangvielfalt wunderschöner reiner und weittragender Stimmen des semiprofessionellen Philharmonia-Konzertchors Stuttgart, der schon mehrfach in der Walterichstadt auftrat. Dessen Spezialität sind Werke, deren Schöpfer Merkmale unterschiedlicher Stile und Epochen zu einer neuen Einheit verschmelzen. Unter der Regie des künstlerischen Leiters Johannes Knecht, Professor für Chorleitung an den Musikhochschulen Stuttgart und Lübeck, gestalten die über 30 Sänger Bernsteins 1988 komponierte Missa brevis (kurze Messe).

Das Ensemble aus (Gesangs-)Studenten der Musikhochschule Stuttgart und ambitionierten, stimmlich gebildeten Amateuren zeichnet sich durch souveräne, fein aufeinander abgestimmte Intonation und Artikulation aus. Die Sänger agieren voller Hingabe mit spürbar großer Freude am Singen, hoher Sensibilität und Empathie. Die weichen, filigranen Frauen- und die kraftvollen, sonoren Männerstimmen formen einen fein ausbalancierten homogenen Klangkörper.

Für die in Bernsteins Werk einzigartige Messe verwendete dieser einige etwas veränderte und ergänzte lateinische Chöre. Diese schrieb er bereits 1955 als Bühnenmusik für das Schauspiel „Die Lerche“ von Jean Anouilh über den Prozess gegen die französische Nationalheldin Johanna von Orléans. Bernstein gestaltete die harmonische Sprache bewusst als stilistische Mischung von typischen Melodie- und Rhythmus-Elementen aus der Tonsprache des Mittelalters und der Renaissance sowie der amerikanischen Musik aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. So kreierte der ideenreiche und experimentierfreudige Meister ein überaus spannendes, kontrastreiches und vielschichtiges Klangpanorama. Darin erklingen vertraut wirkende altertümliche und moderne Harmonien, aber auch überraschende und fremdartig anmutende fantasievolle Tonkombinationen, teils mit scharfen Dissonanzen. Diese enorm schwierig zu singenden Passagen stellen für die Sänger eine große Herausforderung dar, die sie mit Bravour meistern – dank vollem Einsatz, großem Können und intensiver Auseinandersetzung mit den Details. Glanzlichter setzt Solist Álvaro Tinjacá-Bedoya (Countertenor/ Altus) aus Bogotá, Kolumbien, der feinsinnig und empfindungsreich die kunstvoll gestalteten Koloraturen interpretiert. Seine glasklare glockenhelle Engelsstimme erinnert an einen Kantor, der feierliche Gesänge der Mönche anleitet, was in der einstigen Klosterkirche bestens zur Geltung kommt.

Perkussionsduo fasziniert

das Publikum mit virtuosen Klangspieldialogen

Für die mitreißende Interpretation der schwungvoll-tänzerischen Rhythmik und die stimmige Mittelalter-Atmosphäre mit Trommeln, Glocken- und Schellenklängen sorgt das Perkussionsduo Lucas Gérin aus Toulouse und Emil Kuyumcuyan aus Istanbul, beide Studenten der Musikhochschule Stuttgart. Virtuos bearbeiten sie zwei zu beiden Seiten des Chorpodestes aufgebaute, umfangreiche Schlagwerk-Instrumentarien und begeistern das Publikum mit virtuosen Klangspieldialogen.

Ein großes Hörvergnügen ist das Stück „Lobgebete, -gesänge und -tänze aus Afrika“, das der 1945 geborene südafrikanische Komponist Peter Klatzow 1996 schrieb. Darin spielt das Perkussionsduo eine tragende Rolle. Zum Song „Bedecke mich mit der Nacht“ erschaffen Lucas Gérin und Emil Kuyumcuyan eine geradezu magisch wirkende, exotische Klangkulisse aus Naturgeräuschen wie Wassertropfen und Tierlauten des Dschungels. Dies geschieht durch raffinierte Effekte: So zieht Kuyumcuyan einen Schlegel mit Gummikugel über die Paukenbespannung, was wie ein tiefes Blasinstrument klingt. Vogelstimmen imitiert er mit der Kolbenflöte, Becken und Glockenspielröhren entlockt er mit sanften, langsamen Geigenbogenstrichen obertonreiche, an ein Flageolett erinnernde Klänge.

Die Chorsänger überzeugen mit vielfältigen dynamischen Abstufungen von flüsternd leise bis zu hoher Lautstärke. In den lautmalerisch begleiteten Textpassagen wird die ganze Schöpfung mit großen und kleinen Lebewesen, Bergen und Seen zum Lob Gottes aufgerufen. Mit Verve stellen sie fein ausdifferenziert die verschiedenartigen Motive und Details dar. So bringen sie die fantasievolle, zugleich modern und romantisch wirkende Liedmelodik mit Elementen afrikanischer Traditionals brillant zur Entfaltung. Der Philharmonia-Chor trägt auch einige Kompositionen ohne Percussion vor. So drei klangnuancenreich ausgestaltete Chorsätze traditioneller Spirituals von Michael Tippett (1905 bis 1998): Ätherisch schweben die Töne von „Stiehl dich fort zu Jesus“, ernst und eindringlich wirkt „Niemand kennt meine Sorgen, Herr“. In „Geh hin, Moses“ vereint sich das Ensemble zu einer monumentalen, machtvollen Stimme Gottes, die den Propheten zum alten Pharao sendet, damit dieser das Volk Israel aus Ägypten ziehen lässt. In den Spirituals treten drei Chorsänger als Solisten mit ausdrucksvollen Stimmen hervor: Hannah Gries (Sopran), Florian Eisentraut (Tenor) und Florian Schmitt-Bohn (Bariton).

Außerdem interpretieren die Chorsänger die romantischen Melodiebögen und feierlichen Harmonien in drei tröstenden, hoffnungsvollen und von tiefem Glauben geprägten Fest- und Gedenksprüchen nach Psalmen und Texten aus Altem und Neuem Testament: „Unsere Väter hofften auf dich“, „Wie ein starker Gewappneter“ und „Wo ist ein so herrlich Volk“ Opus 109 von Johannes Brahms (1833 bis 1897). Mit starkem, anhaltendem Beifall danken die Zuhörer den Mitwirkenden für das grandiose Hörerlebnis.