„Wir haben eine soziale Verantwortung“

Das Interview:Marianne Frank-Mast aus Althütte spricht über ihr Engagement für Mädchen in Indien

Der Verein Mädchenschule Khadigram ist seit 15 Jahren erfolgreich in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Mehr als 1000 Kinder aus besonders bedürftigen Schichten in Indien bekamen eine Grundbildung vermittelt. Auch ihre Grundbedürfnisse an Nahrung, Kleidung und medizinischer Versorgung wurden gedeckt. Vor dem 10. Fest im indischen Dorf in Althütte gibt Initiatorin Marianne Frank-Mast einen Rückblick.

Marianne Frank-Mast hat früher als Entwicklungshelferin in Indien gearbeitet und engagiert sich nun in Bildungsprojekten für indische Mädchen. Im Hintergrund die Skulptur einer indischen Gottheit: Ganesh ist zuständig für Bildung, Schutz bei Reisen und Hilfe bei Prüfungen. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

Frau Frank-Mast, wie ist diese Indien-Arbeit eigentlich zustande gekommen?

Ich habe ab 1970 zwei Jahre lang als Entwicklungshelferin in Indien gearbeitet. Viel später sind wir dann mit der Familie immer wieder in die verschiedenen Provinzen gereist – als Rucksacktouristen. Die Familie wollte auch immer in das Dorf, in dem ich seinerzeit gearbeitet hatte: Khadigram. Sie fanden es dort sehr schön und ruhig. Landleben ist ja beschaulich. Dadurch habe ich miterleben können, dass sich über die vielen Jahre die Lebensumstände für die Menschen im Grunde nicht geändert haben.

Wie muss man sich die Lebensbedingungen vorstellen?

Erbärmlich. Die Leute leben zum überwiegenden Teil in Lehmhütten ohne Strom, fließendes Wasser, Toiletten und Bad, ohne öffentliche Einrichtungen wie Polizeistation, Markt, Krankenhaus, Gesundheitsversorgung – richtig fernab von allem. Alle Einrichtungen sind mindestens 20 Kilometer entfernt und schwer erreichbar, weil es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt. Es ist alles sehr mühselig. Die Leute leben Lichtjahre entfernt von dem, was wir gewohnt sind.

Wie ist dann der Entschluss gereift, für Khadigram ein Programm aufzuziehen?

Nachdem unsere Kinder hier mit allem Wohlstand und sämtlichen Möglichkeiten, was Schulen und Bildungsmöglichkeiten anbelangt, aufgewachsen sind, bin ich zu der Ansicht gelangt, dass wir nicht immer nach Indien reisen können, Land und Leute interessant finden, wieder gehen – und alles bleibt so, wie es ist. Wir haben auch eine soziale Verantwortung. So kam es zu dem Entschluss: Wir bauen eine Schule auf. Daraufhin habe ich Kontakt mit den Leuten in Khadigram aufgenommen, um auszuloten, ob man an einer Zusammenarbeit interessiert wäre, und nachdem die Eckpunkte geklärt waren, habe ich mit dem Aufbau der Schule begonnen – mit der entsprechenden Hartnäckigkeit klappt das auch. Wobei das einfacher klingt, als es ist.

Warum haben Sie sich dabei speziell auf Mädchen gestürzt?

In den vergangenen Jahren haben es ja alle über die Medien mitbekommen, wie man in Indien mit Frauen und Mädchen umgeht. Ich habe erlebt, wie Mädchen zwangsverheiratet wurden und wie unglücklich sie waren und auch als erwachsene Frauen Schwierigkeiten im Umgang mit den eigenen Kindern und der Umgebung hatten durch den ganzen Druck, dem sie ausgesetzt sind. Und was für uns unvorstellbar ist: Sie können nicht lesen und schreiben. Was wollen sie als Analphabeten denn auf dieser Welt erreichen? Wenn man in den Familien die Möglichkeit hat, dann schickt man die Jungs in die Schule und spart, damit sie eine Ausbildung bekommen – aber für Mädchen nicht. So ähnlich war das in Europa früher auch, wenn man gesagt hat: Du heiratest später sowieso, wozu musst du Abitur haben? Ja, da schlägt man sich doch automatisch auf die Seite von Mädchen und sagt: Girls first.

Und da setzt die Projektarbeit an?

Genau. Ziel ist es in erster Linie, Mädchen zu alphabetisieren, um ihnen ein anderes Standing in dieser Welt zu geben – dass sie ein anderes Selbstverständnis entwickeln, Selbstbewusstsein erlangen und unabhängig werden. Bildung verändert Menschen. Den Kindern soll der Blick geöffnet werden, um zu sehen, dass es Möglichkeiten gibt, sich aus den Abhängigkeiten nicht nur als indisches Mädchen oder Frau zu befreien, sondern auch vom Grundbesitzer, vom Vermieter, von Marktsituationen und so weiter, gegen die man sich als Analphabet nicht wehren kann.

Die Projektarbeit mit der Mädchenschule in Khadigram haben Sie inzwischen aber eingestellt. Warum dieser Schritt?

Khadigram war vom Management her schwierig. Es gab vonseiten der Partnerorganisation ständigen Wechsel, auf den ich keinen Einfluss hatte. In den letzten Jahren waren Leute eingesetzt, die gedacht haben, sie könnten mit mir Schlitten fahren, weil ich „nur“ eine Frau bin. Sie wollten sich nicht ehrlich für diese Kinder engagieren, sondern hatten die Einstellung: Geld kommt ja. Das Verhalten mir gegenüber war anmaßend und sie waren korrupt. Und wenn man Korruption aufdeckt und deswegen bedroht wird, muss man die Konsequenzen ziehen. Hier prallen zwei ganz verschiedene Kulturen mit völlig unterschiedlichen Denkweisen und Vorstellungen aufeinander. Man war offenbar der Ansicht, dass ich Karma sammeln müsse und Credit Points für mein nächstes Leben. Dass ich diese Projektarbeit jedoch aus rein humanitären Gründen mache, war jenseits ihrer Vorstellung.

Wie ist dann das Ende abgelaufen?

Ich habe einen Plan aufgestellt. Die Kinder in Khadigram sollten ihre vierjährige Schulzeit beenden können. Aber die Neuaufnahmen wurden reduziert, und diese neuen Schülerinnen sind dann noch ein Jahr in die Schule gegangen.

Stattdessen engagieren Sie sich jetzt für andere Projekte. Was ist das genau?

Einmal haben wir eine recht kleine Schule nur für Mädchen, allerdings nicht mehr als Internat wie in Khadigram, sondern als Ganztagsschule. An einem ganz anderen Ort in einem ganz anderen Bundesstaat. Die Schule mit ihren 40 Kindern läuft auch gut. Dann habe ich ein richtig großes Projekt, eine Ganztagsschule in Anand im Bundesstaat Gujarat mit 200 Kindern. Dort haben wir allerdings auch Jungs – das hat die Regierung verlangt. Die Schulzeit beträgt fünf Jahre. Wir nehmen pro Klasse 40 Kinder auf, 10 Jungs und 30 Mädchen. Eine Lehrerin unterrichtet nie mehr als 20 Kinder und kann gut auf jedes Kind eingehen. Außerdem haben wir dort eine Nursing Academy mit 50 Krankenpflegeschülerinnen. Beide Projekte in Anand laufen sehr gut. Mit dem Partner dort begegnet man sich auf Augenhöhe, und er ist frei von Korruption. Auch mit der Kommunikation läuft es reibungslos.

Was für Schüler sind das dort?

Unberührbare. Aus einer Stadt mit etwa 300000 Einwohnern. Wir nehmen Kinder aus den Slums auf, wobei das eine andere Aufgabe ist als mit Kindern auf dem Land. Man merkt, dass sie ganz anders ums Überleben kämpfen müssen. In den Slums geht es auch darum, sich permanent körperlich zur Wehr setzen zu müssen. Sie sind immer in Habachtstellung und auf eine ganz andere Art unruhig als Kinder auf dem Land. Sie haben Probleme, einen Stift zu halten, weil die Feinmotorik nicht ausgebildet ist, sie haben gelernt, Müll zu sammeln und Sinnvolles herauszufischen, auch Essbares. In der Schule haben wir angefangen, ihnen beizubringen, dass man Müll, vor allem Plastik, vermeiden soll und dass man daraus auch neue Sachen machen kann. Abfall wird dort ja überall hingeschmissen.

Was gibt Ihnen diese Arbeit?

Das gibt einem sehr viel. Ich lerne unglaublich viel dabei, immer noch. Sich zwischen zwei verschiedenen Kulturen zu befinden und zu verstehen, was gemeint ist, hält flexibel. Und es ist schon ein Geschenk, wenn man sieht, wie sehr die Kinder und auch die Krankenpflegeschülerinnen sich freuen. Aber auch hier, wo ich Fundraising betreibe, muss ich immer wieder neue Ideen entwickeln, um die Projekte finanzieren zu können.

Eine dieser Ideen war ja das Fest im indischen Dorf, nicht wahr?

Genau, und das läuft immer besser. Letztes Jahr so gut, dass irgendwann das Essen aus war. Dieses Mal haben wir vorgesorgt. Die andere Idee ist, dass ich beim Festival der Kulturen in Stuttgart mitmache. Dieses Jahr habe ich angefangen, ein Benefiz-Café zu veranstalten – hier in unserem Garten. Auch Ausstellungen gehören in dieses Potpourri.

Für Ihre Arbeit ist der Verein als Struktur hinterlegt. Aber das Ganze ist doch stark auf die Person Marianne Frank-Mast zugeschnitten. Wie soll es langfristig weitergehen?

Momentan bin ich dabei, eine Gruppe von Mitgliedern zusammenzustellen die mir eine Projektreise pro Jahr abnehmen, sodass ich dadurch schon entlastet werde. Ich hoffe auch, dass diejenigen, die die Projekte besuchen, noch viel mehr den Sinn in dieser Arbeit erkennen. Es ist ja kein Hobby. Ein Hobby kann man heute anfangen, und wenn man keine Lust mehr hat, kann man es morgen sein lassen. Das hier ist eine ganz andere Sache, es ist die Tatsache, dass man Verantwortung für ganz viele junge Menschen und deren Zukunft übernimmt.

Und die ganze Familie ist auch einbezogen in die Arbeit?

Ja. Ganz besonders mein Mann Walter. Wir machen demnächst wieder ein großes medizinisches Camp, zwei Wochen lang, mit zwei Arzthelferinnen, zwei Krankenschwestern und zwei Ärzten – ein Zahnarzt und mein Mann.