„Genau die Dinge angesprochen, die alle bewegen“

Vielfalt tut gut: Jugendliche und junge Erwachsene treffen sich im Murrhardter Jugendzentrum mit Lokalpolitikern zum Austausch

Gemeinsame symbolische Schlussaktion des Treffens: Die Teilnehmer lassen Luftballons vor dem Murrhardter Rathaus steigen. Sie haben sie mit Kärtchen versehen, auf denen sie formuliert haben, was ihnen im Zusammenhang mit der Demokratie wichtig ist. Foto: J. Fiedler

Von Petra Neumann

MURRHARDT. Demokratie ist kein Geschenk, das einem in den Schoß fällt. Sie muss jeden Tag aufs Neue gelebt werden. Deshalb hat die Initiative und Veranstaltungsreihe im Oberen Murr- und Rottal „Vielfalt tut gut“ anlässlich des Internationalen Tags der Demokratie einen generationenübergreifenden Brunch im Murrhardter Jugendzentrum veranstaltet. Jugendliche, junge Erwachsene und in der Lokalpolitik Engagierte trafen sich, um gemeinsam zu diskutieren. Anschließend kam die Gruppe auf dem Murrhardter Marktplatz zusammen, um ein Zeichen zu setzen: Die Teilnehmer schickten Ballons auf die Reise – inklusive angehängter Kärtchen, auf denen sie ihre persönlichen Gedanken zum Thema Demokratie festgehalten hatten.

„Die Idee kam vom Demokratiezentrum Baden-Württemberg“, berichtete Juze-Sozialarbeiterin Nicole Martin, die auch zum Organisationsteam von „Vielfalt tut gut“ gehört. Auch der Vereinsvorstand des Jugendzentrums fand die Idee gut. Blieb die Frage, wie man die Sache konkret anpacken sollte. Jugendliche haben möglicherweise gewisse Hemmungen, gestandenen (Lokal-)Politikern gegenüberzutreten, um mit ihnen über Themen zu sprechen, die sie interessieren und bewegen, so die Überlegung.

Wie wäre es mit einer Art ritterlicher Tafelrunde? Gedacht, getan. Also wurden zwei große Tische zusammengestellt und man diskutierte ganz frei, im offenen Dialog miteinander. Impulsfragen halfen beim Einstieg. Wichtige Themen waren Natur und Umwelt, Tierschutz, Konsumzwang, der Verlust von Grundwerten oder auch die Bildung. Ebenfalls sehr wichtig: die Gegenüberstellung von Freiheit und Sicherheit. „Eigentlich haben wir herausgefunden, dass beide Extreme nicht wünschenswert sind, beides muss ineinandergreifen“, betonte Elke Tigli. Zu viel Freiheit artet aus, zu viel Sicherheit ist wie ein Gefängnis. Beate Baur vom Kreisjugendring ergänzte: „Es gibt keine Schwarz-Weiß-Malerei, denn man braucht den Konflikt, um zu einem Konsens zu gelangen.“

Ebenfalls wurde angesprochen, an welche Themen sich die Politik im Hinblick auf die Wähler gar nicht herantraut. Beispielsweise die Fragen: Wie mit der Überbevölkerung umgehen? Wohin wird die Gesellschaft steuern? Was birgt die Zukunft? Letztlich werden in der Zukunft die Keime aufgehen, die beim Treffen gesät wurden. Sonja Großhans von der Fachstelle Demokratieförderung und Rechtsextremismusprävention, kurz DeRex, zog ein positives Fazit: „Es wurden genau die Dinge angesprochen, die alle bewegen.“ Sarah Schreiber, die als Jugendliche bei der Diskussion teilnahm, war angenehm überrascht von der demokratischen Atmosphäre während des Brunchs. „Es war richtig gut, man konnte sich austauschen und alle Altersgruppen waren vertreten.“

Für Bürgermeister Armin Mößner ist es ebenso ein Zeichen der Demokratie, dass nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen sei, und er ist überzeugt, dass man im verbalen Austausch bedeutende neue Erkenntnisse gewinnen kann. „Wichtig ist es, dass man sich für Demokratie und Frieden einsetzt, jeder kann sich engagieren und Mitglied einer Partei werden, sich aber auch in der Gemeinde an die städtischen Vertreter wenden.“

Stadtrat und Unternehmer Andreas Winkle war in seinem Element: „Die Demokratie ist kein Selbstläufer, sie muss tagtäglich neu entworfen, erfahren und erfahrbar werden.“

Genau zur bedeutungsträchtigen Zeit fünf vor zwölf Uhr wurden dann die Luftballons als bunter Strauß in die Luft entlassen, damit sie irgendwann und irgendwo gefunden werden und die Finder an das hohe Gut Demokratie erinnern.