Lesung als literarische Erinnerung

80. Jahrestag der Reichspogromnacht: Titus Simon stellt im Gymnasium Passagen aus seinem historischen Roman „Hundsgeschrei“ vor

Titus Simon versucht auch immer wieder, die Schüler in ein Gespräch einzubinden. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Dieser Tage ist Professor Titus Simon viel unterwegs. Auf Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht, die sich am 9. November zum 80. Mal jährt, liest er in Stuttgart, Künzelsau und Horb aus seinem historischen Roman „Hundsgeschrei“, der sich eng an die geschichtlichen Tatsachen und Hintergründe anlehnt. Gestern war er im Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Murrhardt zu Gast. Die Idee, auch dort mit einer Lesung an die Ereignisse des 9. November 1938 zu erinnern, kommt nicht von ganz ungefähr. Titus Simon hat selbst im Heinrich-von-Zügel-Gymnasium die Schulbank gedrückt und genauso wie seine Frau und seine drei Kinder dort Abitur gemacht, wie er bei der Begrüßung von Rektor Henning Zimmermann schmunzelnd feststellt.

Der Anlass seines Besuches ist ein ernster. Vor 80 Jahren zogen organisierte Schlägertrupps in Deutschland durch die Straßen, zerstörten jüdische Geschäfte, Häuser und Wohnungen und setzten Synagogen in Brand. Tausende Juden wurden verhaftet, misshandelt und getötet. Es war der Auftakt ihrer systematischen Verfolgung unter dem nationalsozialistischen Regime, die nun ganz offen und offiziell zum Programm wurde und im größten europäischen Völkermord endete.

Die Elftklässler haben das im Unterricht schon einmal durchgenommen, die Zwölftklässler beschäftigen sich zurzeit intensiv mit dem Dritten Reich, erzählt Geschichtslehrer Samuel Feinauer. Und doch ist eine Romanlesung mit den entsprechenden Bildern, die Titus Simon bereithält, etwas anderes, kann die Ereignisse eindrücklicher vermitteln, wie Feinauer später sagt. Sie stellt sozusagen ein literarisches Erinnerungsangebot an diesem Vormittag dar. Titus Simon ist von der Wichtigkeit des Erinnerns überzeugt, Erinnerung und Reflexion sind für ihn die Basis, die eine Gestaltung der Zukunft erst möglich macht. „Hundsgeschrei ist aber kein Holocaustroman“, sagt Simon. Das sei auch nicht seine Zielrichtung gewesen. Vielmehr beschäftige er sich mit einer Art blindem Fleck – der Frage, wie es einem Juden geht, der, nachdem er der Hölle entfliehen konnte, zurückkommt. Dazu entfaltet der Murrhardter Autor die Geschichte einer jüdischen Familie um die Hauptfigur Jakob Winter im fiktiven Ort Seelbach, die er entlang intensiv recherchierter Fakten erzählt.

In der ersten längeren Passage hören die Elft- und Zwölftklässler von Durchsuchungen jüdischer Häuser und Wohnungen, und Verfolgten, die untergetaucht sind oder ihre Flucht planen. Dann folgt die Szene, in der SA-Mitglieder vor der Synagoge anrücken, um die „Judenbande auszuräuchern“. Dass es nicht dazu kommt, ist im Roman einem Feuerwehrkommandanten zu verdanken, der argumentiert, dass das Feuer auf die Nachbarhäuser übergreifen könnte und den Anführer dafür im Zweifel verantwortlich machen will. So zerstören die SA-Leute so viel wie möglich und verbrennen zumindest die Gemeindebücher, religiösen Schriften und was sie sonst noch finden können vor dem Gotteshaus.

„Wie realistisch findet ihr das? So einen doch etwas harmloseren Verlauf?“, fragt Simon. In einem kurzen Gespräch werden Fragen nach Mitläufertum, Entstehung von Gewalt und Zivilcourage angeschnitten, und Titus Simon schlägt die Brücke zu drei mutigen Männern, die historisch mit der Reichspogromnacht konfrontiert waren. „Karl Keuler, damals Feuerwehrkommandant in Göppingen, wurde mit vorgehaltener Pistole daran gehindert, die brennende Synagoge zu löschen“, erzählt Simon. Gebhard Müller, später Ministerpräsident von Baden-Württemberg, wurde Zeuge genau dieser Szene und erstattete danach Anzeige gegen den Landrat und weitere Einsatzleiter wegen unterlassener Hilfeleistung. In Berlin schaffte es Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld sogar, die Synagoge am Hackeschen Markt in seinem Revier vor der Zerstörung zu retten. Er stellte sich den SA-Männern mit gezogener Waffe entgegen. „Sie steht heute allerdings nicht mehr, weil sie 1943 bei den Bombenangriffen zerstört wurde.“

Zurück im Roman springt Titus Simon ins Jahr 1941 und eine Szene, die schildert, wie Jakob Winter, seine Familie und andere Juden verhaftet und deportiert werden. Die akribische Planung der Nazis wird dabei genauso deutlich wie die Leiden auf einer Zugfahrt, die von Hunger, Durst, Kälte und Angst geprägt ist.

Am Zielort angekommen, hören die Menschen eine Sprache, die sie nicht verstehen, und aggressives, angsteinflößendes Hundegebell – womit Titus Simon auch den Bezug zum Titel hergestellt hat.

Im anschließenden Gespräch werden Themen wie Enteignung der Juden, die Frage nach Entschädigungszahlungen, die Schwierigkeit betroffener Juden, ihr Hab und Gut nach dem Krieg wiederzuerhalten sowie die Tatsache, dass NS-Juristen nicht belangt wurden, angerissen.

Titus Simon will zum Abschluss von den Gymnasiasten wissen, ob sie es für angemessen halten, sich so mit den historischen Ereignissen zu befassen. „Ich finde es in Zeiten von Fake News wichtig, dass die Taten detailgetreu nacherzählt werden“, sagt eine Schülerin. Nicht selten würde behauptet, dass das alles nur Erfindung sei.

Titus Simon bezweifelt, dass sich die(se) Geschichte durch Fake News überdecken lässt, und kommt auf eine weitere Möglichkeit der Erinnerungskultur zu sprechen: die Stolpersteine, die auf die Juden verweisen, die vor Ort gelebt haben. In Murrhardt gab es keine Juden, „die Stadt ist pietistisch geprägt“. Um die Geschehnisse hat man trotzdem gewusst – davon ist Simon genauso überzeugt wie eine Zeitzeugin, die er zitiert.