Spezialisierte Arten besonders gefährdet

VHS-Schwerpunkt Biodiversität: Dominique Aichele ordnet das Thema Insektensterben ein – Fakten, Ursachen und Perspektiven

Seit gut einem Jahr ist der Begriff Insektensterben in aller Munde. Die Bewertungen reichen von „Albtraum“ und „Gefahr für unsere Lebensgrundlage“ bis „Panikmache“ als Schlagworte in den Medien. In einem Fachvortrag zum aktuellen Schwerpunktthema Biodiversität der Volkshochschule Murrhardt referierte Naturschutzexpertin Dominique Aichele vom Nabu-Landesverband Baden-Württemberg über Fakten, Ursachen und Perspektiven.

„Bei den 557 Wildbienenarten sind über 50 Prozent gefährdet oder vom Aussterben bedroht.“ Dominique Aichele vom Nabu-Landesverband

Von Ute Gruber

MURRHARDT. Insekten stellen mit einer Million beschriebener Arten 60 Prozent aller Tierarten weltweit und sind damit die artenreichste Klasse der Tierwelt. In Deutschland (40000 Arten) ist der Anteil sogar noch höher. In Hunderten Millionen von Jahren hat sich in Anpassung an ständig wandelnde Umweltbedingungen eine ungeheure Vielfalt an Lebensweisen und äußerer Erscheinungen entwickelt. Gemeinsam bleibt der anatomische Aufbau des Vollinsekts aus Kopf, Brust und Hinterleib, mit den sechs Beinen und eventuell Flügeln am Brustteil, Chitinpanzer als äußerlichem Skelett, dazu die Metamorphose, sprich Verwandlung vom Ei über mehrere Larvenstadien zum fertigen Insekt. Wobei sich die Larven sowohl im Aussehen als auch in der Ernährung oft enorm von den erwachsenen Tieren unterscheiden. Man denke nur an die blattfressende Raupe und den nektarsaugenden Schmetterling.

Für den Menschen unmittelbar stellen Insekten oft Lästlinge (Beispiel Stubenfliege), Parasiten und Krankheitsüberträger (Stechmücke, Läuse) dar, oder sie bedrohen als Pflanzen- und Vorratsschädlinge seine Ernte (Blattläuse, Heuschrecken, Motten, Kornkäfer). Durch ihre vielfältige Bedeutung in ökologischen Systemen, sei es als eiweißreiche Nahrungsquelle (selbst körnerfressende Vögel füttern ihre Jungen im Wachstum mit Insekten), als Zersetzer toter Substanz (Aas, Mist, Totholz) und vor allem als Blütenbestäuber ist der Mensch jedoch mittelbar auf wilde Insekten angewiesen. Die von ihm domestizierte Honigbiene bestäube zum Beispiel nur bis zu zehn Prozent der Kirschblüten, erläutert Dominique Aichele das Ergebnis einer Studie. „Das meiste erledigen Wildbienen, Fliegen und Ameisen.“ Bei den später blühenden Erdbeeren und Äpfeln seien es immerhin an die 50 Prozent.

Soweit zur Bedeutung der Insekten, wichtig war der Referentin jedoch, die These des fortschreitenden Insektenschwunds auf eine stichfeste wissenschaftliche Basis zu stellen. Dazu erläuterte sie ausführlich die Langzeitstudie des Entomologischen Vereins Krefeld, dessen Veröffentlichung in der Online-Fachzeitschrift Plos One (Herausgeber: Public Library of Science) die Diskussion ins Rollen gebracht hatte: An 63 Standorten in Naturschutzgebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg hatten über 90 ehrenamtliche Insektenkundler (Entomologen) zwischen 1989 und 2016 sogenannte Malaise-Fallen aufgestellt und ausgewertet. In diesen Fallen sammeln sich auffliegende Insekten unter einem horizontalen, weißen Segel, das an einer Ecke angehoben ist, wodurch die Tiere in ein Gefäß gelenkt werden, das mit reinem Alkohol gefüllt ist. Dort finden sie einen feuchten Tod.

Die Biomasse der gefangenen Insekten nahm – bei jahreszeitlichen und jahresbedingten Schwankungen – im Laufe der 27 Erhebungsjahre im Mittel um bis zu 80 Prozent ab. Ähnliches wird in weiteren 24 EU-weiten Studien bestätigt. Auch der viel zitierte ausbleibende, sommerliche Insektenfriedhof auf der Windschutzscheibe ist ein untrügliches, wenn auch angenehmes Indiz für den Insektenschwund.

Was die Ursachen anbelangt, konnte seither kein direkter Zusammenhang mit einzelnen Faktoren hergestellt werden. „Wahrscheinlich wirkt hier vieles zusammen“, erklärt die Nabu-Projektassistentin, die seit über zehn Jahren Naturschutzprojekte betreut. Der Flächenverlust etwa, mit täglich 66 versiegelten Hektar in Deutschland, oder die Klimaerwärmung mit Veränderungen der Habitate, des Schlupfzeitpunkts (Desynchronisation mit Wirtspflanzen) oder erhöhtem Krankheitsdruck, dazu künstliche Lichtquellen, welche Nachtfalter verwirren (LED sei hier übrigens besser).

Am schwersten aber wiege – neben dem Einsatz von Insektiziden – wohl der Verlust von Wirtspflanzen durch eine zunehmend monotone und intensive Landwirtschaft: Kaum Unkräuter durch Herbizideinsatz, keine blühenden Ackerrandstreifen mehr, gräserbetonte Wiesen ohne Blumen durch häufiges Mähen und Düngen, fehlende Hecken und Bäume als Rückzugsort und vernetzendes Element zwischen Biotopinseln. Dasselbe finde sich im Kleinen in naturfernen Gärten: „Granitschotter, Golfrasen und Thuja machen natürlich weniger Arbeit, aber die Insekten verhungern dort.“ Ausführlich stellte die Ökologin die Wirkung der insektiziden Neonicotinoide dar, die für das Bienensterben Anfang der 2000er-Jahre verantwortlich waren und deren Einsatz mittlerweile zum Teil verboten ist.

Für das Argument, dass die abnehmende Vielfalt der Wirtspflanzen (Artenarmut) ursächlich sei, spricht die Tatsache, dass vor allem solche Insektenarten abnehmen, die sich auf eine einzige Wirtspflanzenart spezialisiert haben. „Aber auch die Generalisten werden weniger.“ Dies wird aus der Roten Liste der bedrohten Tierarten deutlich, deren 7800 Insektenarten in Deutschland zu 42 Prozent eine negative Bestandsentwicklung zeigen und zu 30 Prozent gefährdet oder vom Aussterben bedroht sind. „Bei den 557 Wildbienenarten sind das sogar über 50 Prozent.“

Die zahlreichen Zuhörer interessierte vor allem auch, was man als Einzelner tun kann. Hier wurde genannt: Solche (EU-)Parlamentarier wählen, die sich für strengere Zulassungsregeln für Pestizide und die Förderung von Landwirten bei Diversifizierung (Greeningauflagen) und biologischer Bewirtschaftung einsetzen. Am besten selbst biologische Produkte kaufen und naturnah gärtnern mit heimischen Blühpflanzen, Nisthilfen für Insekten und Vögel sowie kein Pestizideinsatz waren weitere Punkte. Gängige Blütenmischungen aus Zuchtblumen wie „Mössinger Sommer“ seien zur Förderung von wilden Insekten nur eingeschränkt geeignet; regionale Wildblumensamen bieten spezialisierte Züchter an.

Manche Wildbienen wie die Hummeln könne man gut als solche erkennen, andere sähen den gezüchteten Honigbienen dagegen sehr ähnlich. Leere Wespen- und Hornissennester könne man in dieser Jahreszeit getrost entfernen, da diese im Folgejahr nicht wieder bezogen würden, so die Referentin.