Zwischen Schwäbischem Wald und Times Square

Kunstgespräche in der Galerie tauchen in eindrückliches Zeitdokument ein – Fernsehporträt über Reinhold Nägele von 1964

Selbstporträt, Reinhold Nägele 1934

Von Petra Neumann

MURRHARDT. Dieses Mal nutzte das Kunstgespräch in der Städtischen Galerie Murrhardt ein weiteres Medium. Im Jahre 1964 hat der Südfunk Stuttgart einen Film über Reinhold Nägele (1884 bis 1972) gedreht, wohl um den Maler zu seinem 80. Geburtstag zu würdigen.

Zum Einstieg hörten die Besucher zunächst die Videobotschaft seines Sohns Thomas F. Naegele, die er zur Eröffnung der aktuellen Ausstellung „Thomas F. Naegele – Grafiker, Pädagoge und Erzähler“ aufgenommen hatte. Er bedauere, aufgrund der großen Entfernung nicht bei der Vernissage dabei sein zu können, aber auch damals in seiner Kindheit wäre der Weg von Stuttgart nach Murrhardt recht weit gewesen. Die Geburtsstadt seines Vaters wäre für ihn immer von unglaublicher Bedeutung gewesen, in seiner Kindheit, aber auch noch später. Über seine Werke meinte Thomas F. Naegele: „In jedem der Bilder steckt mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist.“

Diese Aussage trifft auch auf die meisten Œuvres seines Vaters, Reinhold Nägele, zu, der bereits in jungen Jahren seine Umwelt mit offenen Augen wahrnahm und festhielt. Da wurden nicht nur die liebenswerten, alltäglichen Szenen gezeigt, sondern auch die Schattenseiten einer gleichgeschalteten Bevölkerung: Kriegslazarette, Straßenkämpfe oder die Gefallenenzählmaschine. Zu den Vorgängen in den 30er-Jahren meinte er im Jahr 1934: „Diese Zeit verlangt von jedem ein Bekenntnis.“ Er selbst bekam die Unbarmherzigkeit seiner Mitmenschen zu spüren. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung durfte seine Ehefrau Alice Nördlinger nicht mehr als Ärztin praktizieren. Nur wenige Freunde hielten noch zu ihm und gaben ihm 10 bis 20 Mark pro Monat, dafür durften sie pro Jahr ein bis zwei Bilder aussuchen und mitnehmen. Acht Tage vor Kriegsausbruch wanderte die Familie Nägele nach Amerika aus. Die Abfahrt sei trostlos gewesen, berichtete eine Zeitzeugin.

Es gibt kaum einen größeren Kontrast als jenen zwischen der ländlichen Idylle des Schwäbischen Waldes und des New Yorker Times Squares. Die erste möblierte Wohnung der Familie war karg und unpersönlich. Anfänglich glaubte der Maler, mit seiner Kunst Geld verdienen zu können, doch bald sah er sich gezwungen, einer anderen Arbeit nachzugehen. Er wurde von einem Kunstdrucker angestellt und schuf Reproduktionen. Mit seinen 25 Jahren war Reinhold Nägele zu alt, um dauerhaft umgepflanzt zu werden. Nach dem Tode seiner Frau 1962 kehrte er ein Jahr später nach Murrhardt zurück, nur um festzustellen, dass er auch dort nicht wirklich wieder Wurzeln schlagen konnte. Zeit seines Lebens ein Eigenbrötler, schlüpfte er wieder in die Rolle des Beobachters und kommentierte in seinen Werken seine Eindrücke mit einer Beschaulichkeit, die bei näherem Betrachten deutliche Risse aufwies. Gleichwohl waren es die schwäbisch-gnitzigen Themen, die ihn einem breiteren Publikum bekannt machten, beispielsweise die „Schwäbische Hochzeit“. Reinhold Nägele war jedoch nicht mit jedem seiner Kunstwerke zufrieden, vor allem die Stillleben sah er eher als eine Schwäche denn Stärke an.

Doch auch zeitgenössischen Kunstströmungen wie der abstrakten Malerei stand er sehr skeptisch gegenüber: „Ich lass mir alles, was mir echt vorkommt, gefallen, aber vieles ist nicht echt“, bekannte er im Filminterview. Echt sein, wahrhaftig sein, ist ein wichtiger Punkt – gerade in der Kunst. Der Film von Karl Ebert zeigte sich als sehr eindrückliche Zeitdokumentation.