Vernetzung mal anders gedacht

Online-Marktplatz soll mehr als ein reines Einkaufsportal werden – Stadtmarketing setzt auf Vielfalt und Hilfe für örtlichen Handel

Murrhardt soll einen lokalen Online-Marktplatz bekommen. Mit dem Aufbau der Plattform, den die Walterichstadt als Wettbewerbsgewinnerin vom Land mit 121000 Euro gefördert bekommt, verbindet der Stadtmarketingverein einige Hoffnung. Es geht darum, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, im Idealfall auch in analogem Sinne, und die Menschen wieder mehr in die Stadt und Geschäfte zu bringen.

Der Wochenmarkt ist ein Beispiel für einen noch ganz altgedienten Frequenzbringer – wenn die Stände Freitag auf dem Marktplatz sind, ist in der Stadt mehr los. Der geplante Online-Marktplatz soll ebenso Unterstützung und Schützenhilfe für Einzelhändler sowie Innenstadtakteure bringen. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Es ist Fakt, dass viele heutzutage beim Einkaufen zu Computer, Tablet oder Smartphone greifen. Das bekommt der Einzelhandel vor Ort seit Längerem zu spüren, weil oft über große Online-Kaufhäuser geshoppt und die Ware per Kurierdienst geliefert wird. Selbst die Heute-Show hat bereits mit gebührender Ironie thematisiert, dass für so manchen Digital Native (mit digitalen Medien aufgewachsen) Geschäfte und die Möglichkeit, vor Ort einzukaufen, völlig in Vergessenheit geraten zu sein scheinen.

Gleichzeitig gibt es Anzeichen dafür, dass für den Verbraucher regionale und lokale Produkte wieder zunehmend in den Fokus rücken. „,Local first‘ (Lokal an erster Stelle) wird zunehmend zur Konkurrenz von ,Geiz ist geil‘“ – so beschrieben die Verantwortlichen des Ideenwettbewerbs zum lokalen Online-Marktplatz diese Trendwende. Die Frage ist, wie Murrhardt, Einzelhändler und weitere Branchen wie Handwerk, Dienstleistung und Direktvermarkter nun die Chancen solch einer Plattform nutzen können und wo genau sie liegen.

„Einer der umsatzstärksten Tage im Online-Handel ist der Sonntag, das heißt, viele machen das vom Sofa aus“, sagt Bürgermeister Armin Mößner, der auch Vorsitzender des im Frühjahr gegründeten Stadtmarketingvereins ist. Er hält es für wichtig, einen lokalen Online-Marktplatz aufzubauen. Zum einen geht es um die Präsenz im Netz, um all das sichtbar zu machen, was Murrhardt bietet, zum anderen darum, mit Online-Angeboten eine Brücke zum örtlichen Handel und der Stadt zu schlagen.

Letztlich liegt die Entscheidung beim Kunden, aber ein lokaler Online-Marktplatz hat neben dem konkreten Bestellservice die Möglichkeit, die Vielfalt und das Angebot vor Ort zurück in die Köpfe zu bringen. Das ist auch die Hoffnung von Ulrike Lang, stellvertretende Vorsitzende des Stadtmarketingvereins. Für sie geht es beim Vorhaben um mehr als ein reines Online-Verkaufsportal. „Beispielsweise könnten Gastronomen den wöchentlichen Speiseplan online stellen“, sagt sie. Essen gehen müssen die Kunden – zumindest, wenn es sich nicht um einen Lieferdienst handelt – dann aber eben ganz analog und das heißt, ins Städtchen zu pilgern. Auch sie will die Vielfalt abgebildet sehen. Mit dem lokalen Online-Marktplatz sind je nach Branche, Sortiment und Geschäft unterschiedliche Möglichkeiten verbunden. Bei einem Dienstleister wie einer Krankenkasse könnten Gesundheitstipps präsentiert werden. Geschäfte mit saisonal wechselnden, umfangreicheren Angeboten müssten vermutlich eine gewisse Auswahl treffen beziehungsweise den Umfang des Bestellservices vom Pflegeaufwand abhängig machen. Für Händler, die mit Einzelstücken punkten, ist die Situation wieder anders. Ulrike Lang, die mit ihrem Mann Klaus die Parfümerie Lang in Murrhardt betreibt, hat die Erfahrung gemacht, dass es für die Kunden auch wichtig ist, Dinge im Laden in die Hand nehmen zu können. Ein Duft lässt sich beispielsweise nur vor Ort testen. Umgekehrt ist es ihr aber auch schon passiert, dass Kunden Bilder eines Produkts auf dem Smartphone dabei hatten, um gezielt bei ihr nachzufragen, was sich wiederum unter dem Stichwort Beratung einordnen lässt.

Unabhängig davon hat ein gut strukturierter Online-Marktplatz den Vorteil, dass die Mitglieder ihr Sortiment präsentieren und Kunden vorrecherchieren können. „Einige gehen da sehr gezielt vor“, andere kennen die Angebote der einzelnen Geschäfte gar nicht (mehr).

Die geplante gemeinsame lokale Plattform bietet den kleinen Betrieben und Geschäften die Chance, solch eine Präsenz aufzubauen, was sie alleine unter Umständen schwer stemmen könnten. Zudem verortet der Online-Marktplatz die Läden, sodass sie im Netz und auch analog gefunden werden können.

Im Verbund ist der Aufbau leichter, besonders für kleine Geschäfte

„Wir hoffen schon, dass die Menschen dadurch wieder mehr in die Läden kommen“, sagt Ulrike Lang. Potenzial sieht sie neben den Kunden aus Murrhardt auch in der Nachbarschaft – Oberrot, Fichtenberg, Sulzbach, Oppenweiler und Auenwald. Ein Bestellservice wäre eine gute Ergänzung für diejenigen, die nicht vor Ort einkaufen können, weil sie lange arbeiten oder wegen gesundheitlicher Einschränkungen. Eine Reservierung, die sich vor Ort abholen lässt, spart Transportkosten und Ulrike Lang bringt dabei noch einen ganz anderen Aspekt ins Spiel – soziale Kontakte. Sie sieht den Aufbau des Online-Marktplatzes als Chance. Rührig und kreativ müsse man im Einzelhandel deshalb aber trotzdem bleiben. Der nächste Schritt wird die Ausschreibung der Stelle des Verantwortlichen sein, der den Aufbau betreut. Der Projektzeitraum beträgt zwei Jahre und es besteht die Hoffnung, dass, wenn der Online-Marktplatz erst einmal angelaufen ist, sich auch noch weitere Mitstreiter finden, die im Moment noch zurückhaltend sind, sagt die stellvertretende Vorsitzende. Aktuell hat der Stadtmarketingverein 35 Mitglieder, fürs Projekt müssen es 20 Mitstreiter werden. „Wir haben in Murrhardt noch rund 30 Einzelhandelsgeschäfte, das ist für die Größe der Stadt einiges. Oft sehen das die Leute nicht“, meint Ulrike Lang. Die Erwartungshaltung sei teils auch sehr groß, manchmal würden Vergleiche zu Backnang oder Stuttgart gezogen, obwohl man da doch ein bisschen differenzieren müsse.

Letztlich kämpft der Einzelhandel genauso in größeren Städten mit dem veränderten Einkaufsverhalten, selbst Unternehmen wie Ikea reagieren auf die jüngsten Entwicklungen. Was das langfristig für das analoge Gesicht der Innenstadt heißt, bleibt abzuwarten. Nach der Einschätzung Armin Mößners entspricht die Anzahl der Leerstände in Murrhardt dem landesweiten Durchschnitt. Zieht ein Mieter aus, hieße es, zu überlegen, was an welchem Standort Sinn mache. Letztlich liege die konkrete Entscheidung aber beim Eigentümer.