„Ich bin gerne Wirt gewesen“

Wolfgang Bunk feiert heute seinen 75. Geburtstag – Der Murrhardter wächst sprichwörtlich in seinen Beruf hinein

Wenn Wolfgang Bunk erzählt, klingt vieles ganz selbstverständlich. Rund ein halbes Jahrhundert hat er als Wirt und Koch im Gasthof Engel gewirkt. Ein Beruf, bei dem man auch nach Feierabend nicht so leicht die Tür zumacht, eine zeit- und kommunikationsintensive Arbeit. Im Rückblick sagt er: „Ich bin gerne Wirt gewesen.“ Nicht zuletzt aus einem Grund, der mit seinem damaligen Alltag zusammenhängt. „Viele Gäste sind auch Freunde geworden.“

Als Kind hat Wolfgang Bunk das Gepäck der Übernachtungsgäste zum Engel gebracht oder im Sommer Eis verkauft.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Klar, als Wirt bekommt man vieles mit, wenn man sich unterhält, hört viele Geschichten und nicht selten entstehen persönliche Beziehungen zu Gästen und Stammkunden, erzählt er.

In diesen Beruf wächst Wolfgang Bunk sprichwörtlich hinein. Als er am 29. Dezember 1943 im Backnanger Krankenhaus das Licht der Welt erblickte, war sein Vater Robert Bunk und damaliger Wirt des traditionsreichen Gasthofs Engel im Krieg. „Später hat er uns erzählt, dass, als 1944 in der Kommandantur in Österreich so gut wie keiner mehr war, er sich dann an die Schreibmaschine gesetzt und sich seinen Entlassungsschein selbst ausgestellt hat“, sagt Wolfgang Bunk. Sein Vater konnte sich bis nach Hause durchschlagen, „wurde später in einem Verfahren von den Amerikanern entnazifiziert, auch wenn er nicht in der NSDAP war“.

Wolfgang Bunk wuchs im Herzen der Stadt auf. In der Unteren Schulgasse ging er bei Tante Sofie in den Kindergarten, die eine Schar von bis zu 30 Mädchen und Jungen betreute und ganz schön streng sein konnte. Später schloss sich die Walterichschule an. Gespielt wurde nicht auf dem Marktplatz – viel zu gefährlich für wertvolle Bälle auf der damaligen Durchgangsstraße –, sondern in der Mittelgasse.

„Wir haben gerne Seifenkisten gebaut.“ Die Basisvariante aus zwei Brettern und vier Rädern wurde später durch ein Modell abgelöst, das auch lenkbar war. Als klassische Abfahrtsstrecke diente die Riesbergstraße, auch für Schlittentouren. Kam der Omnibus vorbei, hat er die jungen Schlittenfahrer und ihre Gefährte sogar ein Stück mitgenommen.

Logischerweise gab es für Wolfgang Bunk und seine Schwester auch Pflichten zu Hause. Zum Gasthof gehörten noch eine überschaubare Nebenerwerbslandwirtschaft, zwei Kühe und ein paar Schweine sowie ein großer Garten westlich der Innenstadt. Mal standen Stallausmisten und mal Botengänge auf dem Programm. Beispielsweise hieß es für den Junior, das Gepäck von Übernachtungsgästen auf dem Handwagen zum Gasthof zu bringen. „Da gab’s Trinkgeld“, insofern war Wolfgang Bunk schon als Kind im Vergleich zu anderen in seinem Alter ganz gut bei Kasse. Im Sommer wurde zudem im Flur selbst gemachtes Eis aus der Thermobox verkauft – ebenfalls eine klassische Aufgabe.

Mit 14 Jahren beginnt er seine Koch-und Hotelkonditorlehre

Nach Schulabschluss war klar, dass Wolfgang Bunk eine Kochlehre machen wollte, und so heuerte er als 14-Jähriger im Hotel Alexanderschanze auf dem Kniebis an, wo auch Hotelkonditor zur Ausbildung dazugehörte. Es waren die Anfänge der Schwarzwaldhochstraße, und das Hotel betrieb auch eine eigene Tankstelle, an der der junge Lehrling ebenso aushelfen musste. Im Nachhinein stellt Bunk fest: „Im Grunde hab ich bei meinem Vater mehr gelernt, er war ein sehr guter Koch, besonders was die Zubereitung von Wild anbelangt“, sagt er. Der Heranwachsende wollte aber weitere Erfahrung sammeln, und so ging er nach Köln, um im Börsenrestaurant der IHK zu arbeiten. Dort lernte er über einen Kollegen die indonesische Küche kennen und lieben.

Eigentlich hat Wolfgang Bunk da schon die Abenteuerlust gepackt, und es reifte der Plan, nach Kapstadt zu gehen und im Hotel Bluestar anzufangen. Doch gesundheitliche Probleme seiner Eltern sowie der anstehende Wehrdienst ließen ihn dann doch anders entscheiden. In dieser Zeit trat zudem jemand Wichtiges in sein Leben – er lernte seine spätere Frau Hannelore kennen, die vom Timmendorfer Strand nach Süddeutschland gekommen war, um im Engel zu arbeiten.

1969 übernahmen Wolfgang und Hannelore Bunk den Engel. „Wir haben damals einen recht jungen, großen Stammtisch gehabt, der sozusagen mit uns älter geworden ist.“ Nach und nach wurden das Haus, die Gästezimmer modernisiert, Stammkundschaft mischte sich mit Tagestouristen. Wolfgang Bunk setzte Ende der 1980er-Jahre wieder stärker auf regionale Küche, die er nie ganz aufgegeben hatte, als exotisches Extra bot er zwei indonesische Gerichte sowie vierteljährlich ein größeres Buffet (Reistafeln) an. Das Land hat er übrigens auch nicht nur kulinarisch entdeckt, sondern auch ganz persönlich – Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre war Wolfgang Bunk viel als Rucksackreisender in Indonesien unterwegs. Eher zufällig ergeben hat sich eine weitere Besonderheit – die großen Grünkohlessen, zu denen auch die Wahl einer Grünkohlkönigin gehörte und derer mindestens schon 35 in Murrhardt gekürt wurden.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie war damals noch kein Thema, hinzu kommt, dass die Arbeitszeiten in der Gastronomie ohnehin nicht besonders familienfreundlich sind. „Unsere zwei Söhne mussten schon zeitig selbstständig werden“, sagt Wolfgang Bunk. „Ich hab schon bedauert, dass wir nicht so viel Zeit hatten.“ Zumindest war der Montagnachmittag als halber freier Tag reserviert, an dem aber die zwei Jungs – Oliver und Rüdiger – meist Mittagsschule hatten. Auch sie haben als Jugendliche und junge Erwachsene im Betrieb mitgeholfen, auch wenn sie später beruflich andere Wege gegangen sind.

Den Übergang vom Leben als Gastronom in das eines Ruheständlers hat Wolfgang Bunk ohne Mühe gemeistert. 2012 entschied sich das Ehepaar, einen Nachfolger zu suchen, zwei Jahre später haben er und seine Frau sich dann aus dem Geschäft zurückgezogen. Seither ist mehr Zeit für Besuche von Familie und Freunden und für gut gepflegte Leidenschaften – die Herstellung von Bränden und Edelbränden sowie das Motorradfahren.

Und die Geburtstagspläne? Strategisch gesehen ist der 29. Dezember kein wirklich guter Tag für ein Jahresfest, stellt der Jubilar fest. „Die meisten sind da feiermüde. Weihnachten ist gerade vorbei und Silvester steht noch vor der Tür.“ Natürlich wird sein Ehrentag in der Familie trotzdem gebührend begangen. Wenn auch nicht besonders groß, es ist ja kein runder Geburtstag im engeren Sinne, sagt Bunk mit einem Lächeln.