Ein Feuerwerk nostalgischer Klänge

Stuttgarter Saloniker und Sänger-Duo präsentieren breit gefächerten Melodienreigen beim Neujahrskonzert in der Festhalle

In Hochform und bester Musizierlaune nehmen Kapellmeister Patrick Siben und seine vor 30 Jahren gegründeten Stuttgarter Saloniker, das „Orchester der unbegrenzten Möglichkeiten“, die große Zuhörerschar des Neujahrskonzerts in der Walterichstadt mit auf eine heitere musikalische Nostalgiereise.

Ein Höhepunkt des Neujahrskonzert in Murrhardt: der Auftritt der Sopranistin Isabel Delemarre und des Tenors Massimiliano d’Antonio. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Siben, der geistreich durchs Programm führt, hat sein Domizil seit fast 20 Jahren im Jugendstil-Juwel Villa Franck. Seine Profimusiker kommen aus verschiedenen deutschen Regionen und europäischen Ländern und sind auch hervorragende Solisten. Vom Start weg begeistern sie das Publikum in der Festhalle, dank deren sehr guter Akustik orchestrale Werke „fantastisch“ klingen, weiß der Kapellmeister. „Wir spielen nur nach originalen Noten aus der Zeit“, betont er, um den authentischen „Klang eines Salonorchesters zu treffen, das vor über 100 Jahren in aller Ohren war“.

Mit voller Hingabe gestalten die Stuttgarter Saloniker niveauvoll Kompositionen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Darunter Neujahrskonzert-Klassiker von Johann Strauß und Zeitgenossen, Werke vom Anfang der Moderne sowie Hits des Early Jazz. Dank ihres melodiös klangfarbenreichen, harmonisch präzisen Spiels und famosen Solopartien gelingt den Musikern die Illusion, auf der Bühne befände sich ein wesentlich größeres Orchester. So kommt der charakteristische Saloniker-Sound mit großer Nuancenvielfalt und orchestraler Klangfülle in voller Schönheit zur Geltung. Ein besonderer Hörgenuss ist Julius Fuciks drolliges Charakterstück „Der alte Brummbär“, der tapsig und langsam das Ensemble ausbremst und den der Kontrabass meisterhaft solistisch illustriert.

„Wir sitzen zwischen allen Stühlen, weil wir über die Spartengrenzen schauen, denn die Saloniker sind das einzige Orchester, das klassische Kompositionen ebenso wie Jazz oder Rock interpretiert“, merkt Patrick Siben an und zitiert den berühmten Leonard Bernstein: „Es gibt im Prinzip nur gute und schlechte Musik“. Mitreißend und virtuos bieten die Saloniker die Ouvertüre zur Operette „Leichte Kavallerie“ von Franz von Suppé dar, wobei die bekannte Melodie im Galopp-Rhythmus die Gäste zum Mitklatschen animiert. Ein großer Ohrenschmaus ist auch „An der schönen blauen Donau“, laut Siben der „schwäbischste aller Strauß-Walzer“ in der großen Originalfassung, detailgenau und klangfarbenreich interpretiert.

Ein Höhepunkt ist der Auftritt zweier freischaffender Sänger: Sopranistin Isabel Delemarre und Tenor Massimiliano d’Antonio. Solistisch und im Duett geben sie genussvolle, vor Leidenschaft und Lebensfreude sprühende Kostproben ihrer Gesangskunst. Die klangschöne Stimme der in Karlsruhe geborenen, in Hamburg lebenden Sopranistin und Schachspielerin erreicht enorme Höhen. In ihrer Paraderolle als Adele aus der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß schreitet sie als Königin durch den Saal, wobei ihr etliche Besucher mit Verbeugungen huldigen und entzückt mit der spöttischen Arie „Mein Herr Marquis“. Darin habe Strauß raffiniert revolutionäre Gedanken verpackt, erläutert Siben.

Der in Italien geborene stimmgewaltige Tenor Massimiliano d’Antonio, der auch Gesangslehrer in Tübingen ist, begeistert mit der Arie „La donna è mobile“ aus der Oper „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi. Für Furore sorgen Isabel Delemarre und Massimiliano d’Antonio als Duett: Für ihre temperamentvolle Darbietung des Trinklieds aus Verdis Oper „La Traviata“ und der italienischen Volksweise „Funiculi, Funicula“ im Tarantella-Rhythmus, die anlässlich des Baus einer Seilbahn in Neapel entstand, heimsen sie jubelnden Applaus ein.

Die Verbindung klassischer Salonmusik mit Early Jazz ist die Spezialität der Stuttgarter Saloniker. Darum begeistern sie die Neujahrskonzertbesucher mit wunderschön swingenden Jazz-Standards, die schon Anfang der Zwanziger Jahren komponiert wurden. So der „Limehouse Blues“ von Philip Braham, der mit fernöstlichen Motiven und einer etwas schwermütigen Melodie an das Elend chinesischer Arbeiterfamilien im Londoner Limehouse-Hafenviertel erinnert. Ein großes Hörvergnügen ist der „King Porter Stomp“, den der Jazzmusiker Jelly Roll Morton 1924 als Hommage an den Pianisten Porter King schrieb und in dem er laut Siben bereits den Big-Band-Sound vorwegnahm. Morton erfand auch den Stomp als neuen, besonders markanten, stampfenden Jazz-Rhythmus. Einfach hinreißend spielen die Saloniker auch George Gershwins „Fascinating Rhythm“ von 1937, ein Paradebeispiel für den sinfonisch-virtuosen Jazz, den dieser berühmte Pianist und Komponist entwickelte.

Und dann dürfen die Zuhörer mitmachen – bei der „Petersburger Schlittenfahrt“ von Richard Eilenberg. Siben erzählt von einer Schlittenfahrt anno dazumal über Murrhardts Höhen und motiviert so die Besucher, für je zwei Takte mit den Schlittenglocken zu schellen. Mit Bravo-Rufen und enthusiastischem Beifall danken sie den Stuttgarter Salonikern für das attraktive Neujahrskonzert.