Baumeister der eigenen Zukunft

Berufs- und Betriebsorientierung am Gymnasium unterstützt Schüler, sich mit beruflichen Wünschen und Zielen auseinanderzusetzen

Hand aufs Herz. Eigentlich ist es eine Zumutung, von einem jungen Menschen zu verlangen, dass der mit 15 Jahren schon weiß, was er einmal werden möchte. Gleichzeitig sind Jugendliche heute immer stärker gefordert, zu planen und die Weichen für die berufliche Entwicklung früh zu stellen. Das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Murrhardt versucht, seine Schüler auf diesem Weg mit der Berufs- und Betriebsorientierung zu unterstützen. Fünf Zehntklässler berichten über ihre Erfahrungen.

Die Berufs- und Betriebsorientierung gehört für sie ganz selbstverständlich zum Unterricht. Die Zehntklässler Raphael Schuster, Selin Altuner, Jule Sittart, Selin Bagci und Florian Irion (hintere Reihe von links, dann vorne von links) erzählen, was sie dabei schon alles für sich mitnehmen konnten. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Die Berufs- und Betriebsorientierung (BBO) am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium ist ein Angebot an die Zehntklässler, über das sie erste Berufswünsche und -ideen auf Passgenauigkeit abklopfen sowie Unternehmen in der Region, Berufe und Berufsalltag bis zu einem gewissen Grad kennenlernen und erkunden können. Für die Schüler sind die Vorträge, Seminare, Betriebsbesuche bis hin zu einem Praktikum dabei fester Bestandteil des Unterrichts und gehören somit ganz selbstverständlich zum Oberstufenalltag dazu – aktuell auch für Selin Altuner, Jule Sittart, Selin Bagci, Florian Irion und Raphael Schuster.

Logischerweise starten sie mit unterschiedlich klar umrissenen Vorstellungen, wo es einmal hingehen könnte. Bei Florian Irion ist die Idee dazu schon sehr konkret. Sein Wunschziel: bei der Bundeswehr in einer Spezialeinheit dabei zu sein – beim Kommando Spezialkräfte (KSK) oder auch bei einer spezialisierten Einheit der Marine (SEKM). „Ich weiß aber, dass ich dazu einen Schnitt von 2,0 brauche“, sagt der 15-Jährige. Selin Altuner hat zwar keinen expliziten Traumberuf, aber schon eine Liste. Auf Platz eins steht Videoproduktion, gefolgt von Grafikdesign und Architektur. „Ich würde gern etwas in Richtung Medien machen“, sagt Selin Bagci. Dabei ist die 17-Jährige vor allem vom Film angetan, möchte die Arbeit insgesamt kennenlernen, insofern schwebt auch ihr die Videoproduktion als Einstieg vor. „So konkret sind meine Vorstellungen noch nicht, aber ich weiß auf jeden Fall, dass ich nicht den ganzen Tag im Büro sitzen will“, sagt Jule Sittart. Die 15-Jährige hat einen groben Bereich abgesteckt, schaut sich bei Berufen rund um Sport und Gesundheit um.

Raphael Schuster stellt fest: „Ich interessiere mich für Politik“, und für ihn ist ein Politikstudium schon in greifbare Nähe gerückt. Dazu hat die Berufs- und Betriebsorientierung auch einen gewissen Teil beigetragen. Denn die Zehntklässler haben zum einen einige der Kooperationspartner, sprich Firmen und Institutionen, sowie Ausbildungswege kennengelernt, sich zum anderen mit ihren Wunschvorstellungen, Interessen und Fähigkeiten auseinandergesetzt. „Wir haben Fragebögen bekommen, die ein breites Spektrum abgeklopft haben, aber auch in Teams zusammengearbeitet, in denen es um die eigene und die Einschätzung von anderen ging“, erzählt Florian Irion. Bei Raphael Schuster gab es zwei Berufsfelder, die zunächst ziemlich gleichwertig nebeneinanderstanden – Pilot und Politologe beziehungsweise Politik. „Bei den Fragebögen und Analysen hab ich dann aber gemerkt, dass das Berufsbild Pilot zu weit von meinen Interessen weg ist“, erzählt der 16-Jährige. „Ich fand spannend, sich in seinen Fähigkeiten einzuschätzen und gleichzeitig auch Feedback von den anderen dazu zu bekommen“, sagt Selin Altuner. „Manche haben bestimmte Eigenschaften von mir auch besser beurteilt als ich selbst.“

Unterschied zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung ist spannend

Dieser Unterschied zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung war auch für Selin Bagci eine überraschende Erfahrung, insbesondere „an anderer Stelle Sympathiepunkte zu sammeln“, als sie selbst das vermutet hätte. Für Jule Sittart war die Beschäftigung mit der Thematik auch ein Anstoß, über die Zukunft nachzudenken: „Also wo bin ich mit 30 Jahren, wie sieht mein Beruf und mein Leben dann aus?“

Weitere Themen beim BBO sind das Bewerbungsgespräch, Unternehmenserkundungen, Betriebsbesichtigungen und das Bogy-Praktikum. Auch bei Letzterem müssen sich die Gymnasiasten schnell entscheiden und auf die Suche machen, der Termin des einwöchigen Einsatzes ist bereits Mitte Mai. Im Bekannten- und Familienkreis von Florian Irion sind viele im Handwerk zu Hause. Insofern plant er ein Praktikum in einer Bauflaschnerei, in der er auch schon einmal ausgeholfen hat. Jule Sittart hat ebenfalls bereits einen Platz und zwar in einem Sanitätshaus in Waiblingen, bei dem sie auch die Orthopädietechnik mit Prothesen und Orthesen kennenlernen kann. Alternativ hätte sie auch bei einer Physiotherapiepraxis anfragen können, erzählt sie. Raphael Schuster muss noch ein bisschen ausloten, welche Möglichkeiten im Bereich Politik bestehen – die Stadtverwaltung Murrhardt oder auch Abgeordnete sind potenzielle Ansprechpartner. In puncto Videoproduktion gibt es in Murrhardt nicht so viele Möglichkeiten, aber Selin Altuner und Selin Bagci haben ein paar Adressen in Stuttgart ausfindig gemacht, bei denen sie anfragen wollen.

Zu manchen Zukunftsszenarien rund um die Digitalisierung gehört auch die Annahme, dass sich die Berufe und benötigten Qualifikationen immer schneller verändern. Es könnte also sein, dass ein lebenslanges Lernen noch größeres Gewicht bekommt, kommende Generationen zu einem höher getakteten Um- und Neulernen gezwungen sind, weil Berufe schneller verschwinden und neu entstehen. Wie finden die fünf Schüler diese Vorstellung? Florian Irion zeigt in der Hinsicht echte Gelassenheit. Angesichts des Tempos, das Deutschland beim flächendeckenden Breitbandausbau an den Tag legt, sei bei solchen Vorhersagen Skepsis angebracht. Etwas Neues zu lernen, ist für ihn kein Problem, sagt Raphael Schuster. Auch jetzt wünscht er sich, so schnell wie möglich in das Berufsfeld einzutauchen und Erfahrungen zu sammeln. Wieso nicht auch künftig auf weiteren Gebieten? Selin Altuner sieht Vor- und Nachteile solch einer (fiktiven) Konstellation. „Wenn mir mein Beruf Spaß macht, ich für die Ausbildung viel investiert habe, ist eine Umorientierung vielleicht nicht so toll. Aber wieder etwas Neues zu lernen, sich eine neue Perspektive zu schaffen, kann auch gut sein“, meint die 16-Jährige. Selin Bagci kann sich mit der Vorstellung eines wiederholten beruflichen Neuanfangs nicht so recht anfreunden. Die Motivation für den gewählten Beruf und das mühevoll aufgebaute Wissen lege man sicher nicht so leicht beiseite. Jule Sittart bringt noch einen weiteren Punkt ein: Es kommt sicher auf den Beruf und den Kontext, aber auch darauf an, wie sich eine weitere Ausbildung dann je nach Lebenssituation finanzieren lässt.