Viele setzen auf die Stammkundschaft

Händler der Innenstadt spüren verändertes Einkaufsverhalten – Einschätzungen und Strategien fallen unterschiedlich aus

Das Weihnachtsgeschäft ist vorbei, doch der eine oder andere verschenkte Gutschein ist noch einzulösen, will heißen, die Händler sind ins neue Jahr gestartet. Wie fällt ihr Rückblick aus? Was erwarten sie vom Projekt lokaler Online-Marktplatz? Eine nicht repräsentative Stichprobe im Innenstadtkern von Murrhardt spiegelt wider, dass sich das Kunden- und Kaufverhalten verändert hat. Die Einschätzungen sowie Strategien der Händler im Detail fallen aber unterschiedlich aus.

Viele Händler finden, dass in Murrhardt tagsüber weniger Menschen in der Innenstadt unterwegs sind. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Margit Gerold von der Buchhandlung Franke findet, dass die Frequenz in der Innenstadt drastisch abgenommen hat und hofft, dass sich die Lage nicht weiter zuspitzt, um dann nicht irgendwann von einer Geisterstadt sprechen zu müssen. Nach dem Weihnachtsgeschäft gefragt, sagt sie, dass sie das Vorjahresniveau knapp verfehlt habe. Beim Blick aufs gesamte zurückliegende Jahr sieht es ähnlich aus – sie sei froh, wenn man den Stand einigermaßen halten könne, die Einnahmen nicht stark sänken. Sie spürt die Konkurrenz durch den Online-Handel deutlich. Im Laden finden sich an diesem Vormittag Stammkunden ein, die auch das Gespräch suchen. „Das gehört einfach dazu“, sagt sie und stellt fest, dass die Kundschaft auch älter wird. Gleichsam reagiert sie auf die veränderten technischen Möglichkeiten und Ansprüche. Bestellungswünsche nimmt sie seit einiger Zeit auch über WhatsApp an und meldet zurück, ob und wann das Buch im Laden sein kann. „In dieser Form ist das für uns relativ unkompliziert und günstig möglich“, sagt sie. Was das Projekt lokaler Online-Marktplatz (wir berichteten) anbelangt, das Stadt und Stadtmarketingverein gemeinsam planen und mit einem Landeszuschuss von 121000 Euro gefördert wird, findet sie die Idee, über Läden und Einrichtungen generell zu informieren, richtig. Inwieweit auch eine Bestellmöglichkeit sinnvoll sei, müsse man sich sicher genauer anschauen und abwägen, es sei auch eine finanzielle Frage. Bei den Murrtaler-Gutscheinen regt sie an, über mehr Verkaufsstellen nachzudenken.

Bei Ulrike und Klaus Lang von der gleichnamigen Parfümerie haben schon einige Kunden Murrtaler eingelöst. Auch die beiden sind mit dem Weihnachtsgeschäft und 2018 insofern zufrieden, da es sich etwa auf Vorjahresniveau bewegt. Sie finden, dass man zweigleisig fahren muss: Den Aufbau des lokalen Online-Marktplatzes angehen und die damit verbundenen Möglichkeiten ausschöpfen, gleichzeitig die Stammkunden mit Beratung überzeugen, die nur analog und aufgrund der langen Beziehung so möglich sei. „Ich habe auch das Gefühl, dass bei manchen ein Umdenken stattfindet“, sagt Ulrike Lang, stellvertretende Vorsitzende des Stadtmarketingvereins. Ein Kunde habe beispielsweise erzählt, dass er es lange nicht in den Laden geschafft hat, um etwas gezielt zu besorgen. Seine Eltern hätten gesagt, dann solle er doch online bestellen. Dem habe er eine klare Absage erteilt, wolle die Händler vor Ort unterstützen.

Ulrike Heubach vom gleichnamigen Reformhaus kommt mit Blick auf 2018 nach einer groben Einschätzung mit plus/minus null raus. Konkurrenz sind für sie die größeren Ketten genauso wie der Online-Handel. Sie ist allerdings skeptisch, ob das Projekt Online-Marktplatz ihr etwas bringt. Sie fragt sich, ob eine gezwungenermaßen nicht so tief gehende Information auf einer Online-Plattform über ihr Geschäft jemanden wirklich dazu bringt, den Weg in den Laden zu finden. „Ich habe rund 95 Stammkunden“, sagt sie, auch wenn sie in den letzten Jahren einige neue Interessenten hinzugewinnen konnte. Gleichzeitig merkt sie an, dass es im Alltagsgeschäft schwer sei, sich überhaupt mit dem Thema und Konzept zu befassen. „Es bleibt einfach zu wenig Zeit übrig.“ Was fehle, sei auch eine gewisse Laufkundschaft, die Frequenz in der Innenstadt hat auch ihrer Beobachtung nach stark abgenommen. Manchmal stellten Kunden im Gespräch sogar fest, dass bei ihr im Laden im Gegensatz zur Fußgängerzone was los sei.

Neben dem Alltagsgeschäft ist es schwer, sich mit dem Thema Online-Konzept zu befassen

Auch Christian Lätzig von der Buchhandlung BücherABC sagt, dass es mancher Tage schon recht ruhig in der Innenstadt und die Frequenz spärlich sei. Mit Blick auf 2018 und das Weihnachtsgeschäft fehlt ihm zwar ein wenig der Vergleich, weil er das Geschäft erst vor 16 Monaten übernommen hat, sagt aber trotzdem, dass es für ihn gepasst hat. In puncto Online-Service ist er selbst schon gut aufgestellt. Über einen Auftritt, den die Branche unterstützt, sind seine Bestände bereits online und können bestellt werden. Beim künftigen lokalen Online-Marktplatz will er trotzdem dabei sein, findet das Konzept einer lokalen Verortung richtig. Möglicherweise lässt sich mit einer Verlinkung zur bisherigen Präsenz arbeiten. Zu den Murrtaler-Gutscheinen sagt er, dass sich insbesondere vor den Feiertagen bemerkbar gemacht hat, dass die Öffnungszeiten der Verkaufsstellen (Banken und Tourist-Info) eingeschränkt waren und zusätzliche Anlaufstellen sinnvoll seien. Eine weitere Anregung: Sich möglicherweise zu Sonderöffnungsaktionen zusammenzutun. „Ich hab am Samstag vor dem ersten Advent lange offen gehabt, aber allein das hat nicht funktioniert.“

Für Ulrike Bastgen vom Fotostudio Bastgen ist der Rückgang der Laufkundschaft in Murrhardt besonders augenfällig. Ihre Strategie, mit der veränderten Situation insgesamt umzugehen, ist, sich auf ihre Kernkompetenz, sprich die Fotografie, zu konzentrieren und beim Ladenverkauf stark auf handverlesene Artikel zu setzen. Insofern spielt in ihren Überlegungen ein Online-Verkauf weniger eine Rolle, da die Einzelstücke mit einem Klick vergriffen wären. Beim Projekt lokaler Online-Marktplatz kommt es für sie deshalb auch auf die konkrete Umsetzung und Möglichkeiten an.

Gemessen an einem sehr guten 2017 war das vergangene Jahr für Martina Reißauer vom Modegeschäft Mode am Markt ein normales. Ein klassisches Weihnachtsgeschäft gebe es im Textilhandel sowieso nicht. Im Dezember sei es aber relativ ruhig, die Kundenfrequenz etwas niedriger gewesen. Umso wichtiger ist für sie die intensive Pflege der Stammkunden, für die Martina Reißauer gezielt besondere Aktionen anbietet, beispielsweise einen langen Abend zum Black Friday oder Einladungen zu Mädelsabenden mit Bewirtung, wie sie erzählt. „Das macht mir und meinen Kunden Spaß.“ Um aber auch ein neues, jüngeres Publikum anzusprechen, ist sie auf Facebook mit einem Auftritt aktiv. Eine Präsenz auf dem geplanten lokalen Online-Marktplatz kann sie sich gut vorstellen, als Bestellsystem kommt dies für sie aufgrund des umfangreichen Sortiments aber nicht infrage.

Letzteres sieht Matthias Wiedmann von Spielwaren Wiedmann, der in Murrhardt eine von zehn Filialen betreibt, genauso. „Das wäre für uns mit 30000 bis 40000 Artikeln zu viel Aufwand“, sagt er. Im Gegensatz zu vielen anderen ist er mit der Laufkundschaft und Frequenz in Murrhardt zufrieden. Beim Weihnachtsgeschäft und Gesamtjahr habe man das Niveau im Vergleich halten können. Das Kerngeschäft in der Filiale sei wichtig, allein mit einem Online-Shop sei es nicht getan. Für den Aufbau solch eines Shops setze er allerdings eher auf die Unterstützung seiner Branche.

Christine Stegmaier von der Fischer+ Stegmaier Textil GmbH, zu der neben fünf Bekleidungsgeschäften auch das Modehaus Bachmann in Murrhardt gehört, ist mit dem Geschäftsjahr 2018 zufrieden, wobei die Weihnachtseinkäufe nach ihrer Beobachtung immer später, meist auf den letzten Drücker erledigt würden. Der Online-Thematik könne man sich nicht ganz verschließen, ihrer Einschätzung nach sei der Höhepunkt aber ein Stück weit überschritten und die Kunden schätzten wieder beziehungsweise immer noch das Einkaufen im Laden, den Austausch und den direkten Kontakt mit der Ware. Bei einem lokalen Online-Marktplatz kommt es für sie auf das konkrete Konzept an. Sinnvoll fände sie, wenn er ein Schnuppern übers Internet ermöglicht, räumt aber auch ein, dass sie sich noch nicht vertieft mit der Materie befasst hat. Als konkrete, eigene Strategie hat das Unternehmen für Murrhardt entschieden, das Sortiment zu erweitern, und plant, im Frühjahr auch Kindermoden anzubieten.