Der etwas andere Heimatort-Botschafter

Eberhard Bohn aus Kirchenkirnberg legt mit dem „Gänsjakob“ einen Band ungewöhnlicher, sagenhafter und skurriler Geschichten vor

„Der Gänsjakob“ versammelt wahre Geschichten und mündlich überlieferte, teils fantastische Erzählungen. Sie haben sich in einem abgelegenen, von Wald umgebenen Dorf und der näheren sowie weiteren Umgebung zugetragen, womit unschwer Kirchenkirnberg und der Schwäbische Wald ausgemacht sind, oder gehören als mündliches Erbe einfach zum Entdeckungsschatz von Eberhard Bohn.

Das aktuelle Buch von Eberhard Bohn versammelt wahre Geschichten und fantastische Erzählungen.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Eröffnet wird der 240 Seiten starke Band mit der Erzählung vom „Gänsjakob“, dessen Leben Eberhard Bohn anhand verschiedenster Quellen rekonstruiert hat, und mit ihr ein ungewöhnliches, eindrückliches Porträt schafft. Als Jakob Strohmeier 1887 in der Reute (Kirchenkirnberg) das Licht der Welt erblickte, war er so schwächlich, dass selbst die Hebamme kaum Hoffnung hatte, dass das Würmlein überlebt: „Den wirst du wohl nicht davonbringen“, sagte sie zu seiner Mutter. Doch sie sollte nicht recht behalten.

Der Junge wurde auf den Namen Jakob getauft, wuchs heran und entwickelte sogar beachtliche Lausbubqualitäten. So als schwebe die Prophezeiung doch noch über ihm, stürzte er als Sechsjähriger in der Scheune des bäuerlichen, elterlichen Anwesens schwer, sodass wieder um sein Leben gebangt wurde. Geld für einen Arzt war keines da, kalte Umschläge und Schnapswickel mussten genügen. Jakob erwies sich erneut als zäh, aber Arm und Bein seiner linken Seite blieben steif, was ihm seinen unverwechselbaren Gang einbrachte. Nach der Schule gab es nicht allzu viele Möglichkeiten, der junge Mann bewarb sich als Gänshirt, und diese Arbeit erwies sich als gar nicht so schlecht. Sie eröffnete Jakob eine gewisse Freiheit. In Ottendorf hatte er die Chance, neu anzufangen, stand trotz seiner Behinderung in Lohn und Brot und erarbeitete sich soziale Kontakte sowie ein gewisses Ansehen, wie man heute sagen würde.

Im Frühjahr 1935 folgte dann ganz unerwartet sein tragischer Tod – er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Jakob Strohmeier wurde in Ottendorf von einem Motorrad erfasst und stürzte mit dem Kopf gegen den Randstein. 14 Tage später erlag er im Gaildorfer Krankenhaus seinen Verletzungen, was ihn zum ersten Kirchenkirnberger Opfer des motorisierten Straßenverkehrs machte.

Eberhard Bohn hat den „Gänsjakob“ nicht umsonst zur titelgebenden Geschichte gemacht: „Er hat es nicht weiter gebracht als zum Gänshirten. Aber das war er gewesen. Ganz! Es kümmerte ihn nicht, was die Leute für eine Meinung von ihm hatten. Es war ihm egal, ob andere reicher oder besser waren als er. Das machte ihn zur unbestechlichen, selbstbewussten Persönlichkeit“, schreibt er im Text. Jakob Strohmeier konnte grob sein (Wenn ihn einer ärgerte, konnte er ihm sagen: „Hett dei Vater lieber a Reisigbüschele gmacht statt die!“), und dann wieder ganz feinfühlig und empathisch („Ihm erzählte man alle die Dinge, die man Vater und Mutter nicht erzählt hat.“). Der Autor jedenfalls kommt zu dem Schluss: „Er war ein guter Botschafter seines Heimatortes Kirchenkirnberg.“

In ähnlicher Weise beispielhaft ist die Lebensgeschichte von Charlotte Krayl, die Eberhard Bohn aufgearbeitet hat („Lottegschichta“ – Die Pfarrlotte). Mitte der 1830er-Jahre in Kirchenkirnberg geboren, arbeitete sie als Magd im Pfarrhaus und fand in der Betreuung der Kinder ihre Bestimmung. Durch den Umzug der Pfarrfamilie kam sie nach Buoch und Schwaikheim. Ihr Bruder legte für die damalige Zeit eine ungewöhnliche Karriere hin, wurde ein vermögender Zahnarzt in Genf, wo sie und die Mutter ihn auch einmal besuchten. Der 83-jährige Autor zeichnet ein Porträt der Zeit und Protagonistin. Man erfährt beispielsweise, dass die hygienischen Verhältnisse in einem Pfarrhaushalt noch nicht so lupenrein waren, wie vielleicht gedacht – die Kinder halfen ihrer Magd, sich eines Flohs zu entledigen, der sich in ihr Ohr verirrt hatte – oder dass sie ihre Briefe nicht per Post verschickte, sondern sammelte und erst beim nächsten Besuch in Kirchenkirnberg einfach gebündelt mitbrachte. Genauso entsteht ein Bild der Pfarrlotte, die wohl kein ausgemachtes Dienstleistungsgeschick mitbrachte, aber sehr kinderlieb gewesen sein muss. Morgens klopfte sie nur ganz leise an die Tür der Pfarrerstöchter mit einem „Heraus aus dem Gebüsch!“. Als man ihr Vorhalte machte, warum sie nicht lauter geweckt habe, sagte sie: „I han halt gfercht, ihr wachet uff!“

Bei den weiteren Geschichten scheint mit den Brüchen, Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten oft das allzu Menschliche auf – auch Mord, Selbstmord und schwere Schicksalsschläge sind Thema. Ebenso hat der ehemalige Mühlenbauer ein Faible für skurrile, unerklärliche und unheimliche Begebenheiten, die er in den Erzählungen festgehalten hat. Unter ihnen ist beispielsweise „Dr alde Raddle vom Hasahof“. Mit der als Ballade verfassten Variante hat es Eberhard Bohn unter die Finalisten des Sebastian-Blau-Preises 2018 geschafft (wir berichteten). Lange hat er an ihr gefeilt und dabei auf das Menzles-Schwäbisch zurückgegriffen, eine auch für ihn urige Dialektfärbung, die von väterlicher Seite und der Menzlesmühle (Menzle ist ein Teilort von Kaisersbach) herrührt. Für Nichtschwaben schließt sich übrigens eine Prosaversion an.

Eberhard Bohn stellt den alten Raddle vom Hasenhof, einem Weiler Murrhardts, als anerkannten Hexenbanner vor. Er agierte somit als Gegenspieler von Hexen, wurde bei Geldangelegenheiten befragt oder um Hilfe gebeten, wenn es einen Bann zu lösen oder rückgängig zu machen galt. Reichtum hat ihm und seinen Kollegen dies damals nicht eingebracht. In Bezug auf seine Bestattung hatte der Raddle allerdings seinen Angehörigen gegenüber schon zu Lebzeiten klare Vorstellungen in puncto Zeremonie und Ort geäußert. Ohne alles zu verraten, sei zumindest angemerkt, dass der ehemalige Hexenbanner noch aus dem Sarg heraus für diese Wünsche kämpfte.

Bei den insgesamt 20 Geschichten schlägt Eberhard Bohn auch den Bogen zu jüngeren und fast aktuellen Episoden und Begebenheiten. Bei den letzten beiden gewährt er dem Leser auch Einblick in ganz persönliche Anekdoten, die einmal mehr seinen Humor zeigen. Und der „Gänsjakob“ ist wieder ein Familienwerk: Sein Sohn Hartmut hat sich um Layout und Gestaltung gekümmert und sein Enkel Niklas Illustrationen beigesteuert.