Spurensuche im Wald ist Detektivarbeit

Melanie Schaible liebt die Natur und hat als Wildnispädagogin einen geschulten Blick für Zeichen von Tieren und Pflanzen

Melanie Schaible hat die Augen fest auf den Waldboden geheftet. Die Murrhardterin ist unterwegs, direkt auf der Suche ist sie nicht. Aber sie weiß: Jeder Fußabdruck, von Profis Trittsiegel genannt, verbirgt eine Geschichte in sich. Tierspuren könne man lesen wie das Alphabet, es sei Detektivarbeit, sagt die 45-Jährige. Für sie ist die Natur ein Buch, das jedes Mal aufs Neue etwas Spannendes zu erzählen hat.

Melanie Schaible ist viel im Wald unterwegs. Die Liebe zur Natur sei einfach da gewesen, sagt sie.

Von Yvonne Weirauch

MURRHARDT. Es ist wohl anzunehmen, dass Melanie Schaible anders durch die Natur streift als ein Wanderer, der die Bewegung liebt. Die Natur- und Wildnispädagogin nimmt die Umgebung mit geschärften Sinnen wahr, achtet auf viele kleine Hinweise links und rechts des Weges, auf abgeknickte Äste, auf Fellbüschel am Strauch, auf Kratzspuren an der Rinde und auf Hinterlassenschaften auf dem Waldweg.

Auf welche Spuren sie im Schwäbisch-Fränkischen Wald rund um Murrhardt stößt – auch wenn gerade wenig Schnee liegt? „Im weichen Waldboden, am Fluss- oder Bachufer, findet man immer Spuren, vor allem von Rehen. Aber auch Wildschwein-, Vogel- und Fuchsspuren begegnet man sehr häufig in unseren Wäldern. Wenn man ein wenig Glück hat, dann kann man auch Dachs-, Waschbär- oder Eichhörnchenspuren entdecken“, so Schaible, die fast 15 Jahre in einem Altenheim in Mainhardt als Therapeutin und Heilpädagogin gearbeitet hat. Seit mehr als drei Jahren ist sie nun selbstständig und betreut psychisch kranke Menschen in ambulanten Wohnformen im Landkreis Schwäbisch Hall im Rahmen der Eingliederungshilfe. All diese Erfahrungen und die persönliche Liebe zur Natur führten letztendlich dazu, dass sie ihr bisheriges Wissen ergänzte und sich als Natur- und Wildnispädagogin weiterbildete.

Jeder Käfer wurde untersucht,

jede Schnecke beobachtet

Woher diese Liebe zur Natur und ihren Lebewesen kommt, kann die 45-Jährige gar nicht genau in Worte fassen, es sei einfach da gewesen. Sie sagt, sie sei schon immer fasziniert gewesen, was „kreucht und fleucht“. Sie lernte bald, dass Käfer auch ätzendes Sekret spritzen können, wenn sie sich bedroht fühlen, dass Raupen manchmal brennende Haare haben und Grillen Höhlen bauen. „Durch meine Großmutter hatte ich früh viel mit den heimischen Vögeln zu tun gehabt. Sie war ein Autodidakt, konnte die schwächsten Jungvögel oder kranken Altvögel aufpäppeln, sodass sie wieder gesund in die Freiheit entlassen werden konnten.“ Im Kindergarten habe sie sich für die Maulwurfshügel interessiert, hatte die Hoffnung, einen Maulwurf sehen zu können, wenn sie nur lange genug warte oder den Gängen nachgrabe. Jeden Käfer habe sie untersucht, jede Schnecke beobachtet: „Während der Schulzeit war ich während der Pausen zumeist in den Biologiezimmern mit Präparaten, lebenden Tieren und Pflanzen.“

Als Kind war Melanie Schaible regelmäßig in Skandinavien. Dort lernte sie, essbare von giftigen Pilzen zu unterscheiden. Fleißig sammelte sie Blaubeeren, Himbeeren, Brombeeren und Pilze im Wald und Moltebeeren auf den Mooren. „Wenn ich mich entspannen wollte, ging ich immer raus, legte mich einfach auf Feld oder Wiese und schaute die Wolken an oder lauschte einfach nur den Klängen der Natur: dem Rauschen des Windes, dem Gesang der Vögel, dem Plätschern des Baches, dem Knarzen der Bäume und Rascheln der Blätter. Ich fühle mich mit der Natur verbunden.“

Als Natur- und Wildnispädagogin möchte sie den Menschen einen Weg zur Natur vermitteln. Gleichzeitig sei die Auseinandersetzung mit der „äußeren Natur“ auch eine Begegnung mit sich selbst: „Wenn wir uns zurücknehmen, kann im Außen etwas geschehen. Zum Beispiel: Sind wir langsam und bedächtig im Wald unterwegs, begegnen uns gleich viel mehr Tiere, wie Reh oder Hase, die nicht vor dem Lärm weggelaufen sind.“ Geschult werde auch die Aufmerksamkeit. „Einfach nur so“ im Wald unterwegs sein, das gehe nicht. Schaible: „Ständig schaut man nach rechts und links, erkennt die verschiedensten Spuren, hört die unterschiedlichsten Geräusche und Laute, nimmt die verschiedenen Gerüche wahr.“

Tierspuren kann man lesen

wie das Alphabet

Fährten zu entdecken, sei immer spannend: „Tierspuren beschränken sich ja nicht nur auf die Trittsiegel von Tieren“, erzählt Melanie Schaible. „Die Tiere leben in der Natur, das heißt sie schlafen, essen, säubern und begegnen sich – wie auch immer das aussieht. Sie wechseln ihre Kleidung, also das Fell, Geweih oder Gefieder, und unterhalten sich. Also alles so wie beim Menschen auch.“ Im umgekehrten Fall sei es genauso: Tiere würden ebenso bemerken, wenn Menschen vor Ort waren. „Die Tiere verstecken sich ja nicht ständig, sie leben eben auch ihren ganz normalen Alltag. Und das kann man sehen, verstehen lernen und letztlich viele Rückschlüsse daraus ziehen“, erklärt die Naturpädagogin. Und so wie man das Alphabet gelernt habe, so könne man lernen, die Spuren zuzuordnen. „Und wenn man die Buchstaben des Alphabets zusammenfügt, ergibt das einen Satz, und viele Sätze ergeben eine Geschichte. Und so ist das mit den Spuren eben auch.“

„Speziell der Hase kann

ganz schön verwirren“

Nicht nur die auf dem Boden zurückgeblieben Spuren der vierbeinigen Lebewesen hat Melanie Schaible im Blick. Sie achtet ebenso auf die Zeichen an den Bäumen und Pflanzen: „Tiere haben Hunger. Die meisten unserer Wildtiere sind ganz oder teilweise Pflanzenfresser. Entsprechende Spuren entdeckt man dann natürlich auch an den bevorzugten Pflanzen der entsprechenden Tiere. Aber auch der juckende Pelz will gekratzt sein oder die Krallen geschärft. Manchmal sind auch die Behausungen in oder an Pflanzen und Bäumen gut erkennbar.“ Daran sehe man dann zum Beispiel sehr gut, ob gerade Jungtiere gehütet werden oder nicht. Da Melanie Schaible auch in anderen Ländern gerne die Natur erkundet, entdeckt sie dort so manches, was ihr für immer im Gedächtnis bleiben wird: „Die beeindruckendsten Tierspuren waren sicherlich die Spuren der Schwarzbären im schwedischen Dalarna. Das war sehr aufregend, zumal ich einen Bären in unmittelbarer Nähe erlebt habe, während ich in einer einfachen Holzhütte an einem See wohnte.“ Ob es schon mal eine Spur gab, von der die Heilpädagogin bis heute nicht weiß, von welchem Tier sie stammt? „Das kommt immer mal wieder vor. Ich forsche, interpretiere, blättere in diverser Literatur, wenn ich unsicher bin. Speziell der Hase kann ganz schön verwirren, aber auch andere Tiere können trickreich täuschen. Es gibt ein paar Hilfsmittel wie den Tracking-Stab und den Meterstab. Und dank des Smartphones ist immer ein Fotoapparat dabei. Treffe ich auf Kot- Fraß- oder Gewöllspuren, so habe ich da durchaus lange mit zu tun.“ Manchmal sei es aber schlichtweg nicht aufzulösen – das sei dann völlig in Ordnung: „Die Tiere wollen ja auch nicht gläsern sein, so wenig wie wir Menschen.“