Von Maulkörben und Demokratie im Kopf

Lisa Fitz ist mit ihrem Programm „Flüsterwitz“ in Murrhardt zu Gast – Widerspruch auszuhalten, trainiert Geist, Herz und Toleranz

Lisa Fitz ist alles andere als leise und wird sich als gestandene Kabarettistin auch nicht mal ansatzweise aufs Flüstern verlegen. Der Name ihres neuen Programms „Flüsterwitz“ steht vielmehr dafür, dass es gilt, das hohe Gut der freien Meinungsäußerung zu verteidigen. Nicht zuletzt nehmen die Formen von Intoleranz und diversen Anpassungsforderungen immer wieder neue Gestalt an. Am kommenden Sonntag ist Lisa Fitz mit „Flüsterwitz“ auch in Murrhardt zu Gast. Aufgrund der Terminfülle war ein persönliches Telefoninterview nicht möglich, unsere Fragen hat sie aber per E-Mail beantwortet.

„Meinungen links genauso wie rechts werden hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen. Es wachsen Angst und Resignation, sich politisch zu äußern“, sagt Lisa Fitz. Foto: D. Reichenbach

Von Christine Schick

Ihr neues Programm heißt „Flüsterwitz“, verweist damit auf eine Form des politischen Widerstands in Diktaturen. Wie viel Angst um die Demokratie in unserem Land schwingt da mit?

Maulkörbe, direkt oder indirekt, nehmen zu. Meinungen links genauso wie rechts werden hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen. Es wachsen Angst und Resignation, sich politisch zu äußern. Aber eine Demokratie muss Kontroversen und eine Diskussionskultur aushalten können, ohne dass Menschen mit Meinungen, Haltungen, die den eigenen widersprechen, diskriminiert und diskreditiert werden. Egal, ob links, rechts oder Mainstream. Sogar im eigenen Kopf muss man Demokratie aushalten. Ich erinnere mich an einen Ausspruch von Denzel Washington in einem Film, den ich vor Kurzem gesehen habe: „Die Fähigkeit, widersprüchliche Gedanken im Kopf zu haben, ist anstrengend.“ Aber genau das trainiert Kopf, Herz und Toleranz und ist Grundlage der Demokratie!

Wenn Sie auf den Beginn Ihrer Karriere zurückblicken, war es früher schwerer oder leichter, Mächtige zu kritisieren?

Mächtige durfte man immer kritisieren, genutzt hat es mehr oder weniger erst dann, wenn genug Protest in der Bevölkerung zusammenkam und die Regierenden Angst um ihre Pöstchen und ihr Geld bekamen. Aktuell scheint es aber Schule zu machen, dass der Wähler gern vollkommen ignoriert wird.

Bei welcher Äußerung haben Sie zuletzt Druck bekommen oder sogar Sanktionen erfahren?

Mein neuer Song „Ich sehe was“ hat für einigen Aufruhr gesorgt. Inzwischen liegen wir bei über einer Million Klicks. Einige Medien hielten mir vor, mit dem Lied Verschwörungstheorien zu bedienen und mich gar antisemitisch zu äußern. Antisemitismus ist dumm und vorgestrig. Jeder, der mich, meine Haltung und mein Lebenswerk kennt, weiß, dass ich ein völlig liberaler Mensch bin, ein Freigeist in Sachen Religion und, wie ein langjähriger Veranstalter sagte, eine lupenreine Demokratin. Vom Antisemitismus bin ich so weit weg wie gute Literatur vom Groschenroman. Aber – es muss der Satire erlaubt sein, die Hochfinanz zu kritisieren, wozu Goldman Sachs und andere eben gehören. Keine Bank regiert auf der Welt so intensiv mit. Dazu gab es sogar eine sehr gute Doku auf Arte – „Eine Bank lenkt die Welt“.

Woher, denken Sie, kommt Ihre Lust zur Provokation und wie pflegen Sie sie im Alltag?

Ich empfinde es nicht als Lust zur Provokation, sondern als Liebe zur Wahrheit. Nicht, dass ich sie gepachtet hätte, aber Aufklärung tut schon sehr not. Und der/die Kabarettist/-in befasst sich halt, weil es sein/ihr Beruf ist, intensiver mit Politik, Hintergrundrecherche, Zusammenhängen in Politik, Gesellschaft, Geschlechterverhältnissen und Missständen.

Sie haben eine Kabarettschule gegründet, in der Menschen begleitet werden, um das Handwerk zu lernen. Dort heißt es: „Unsere Zeit braucht kritische Menschen, die den Mut haben, sich eine Meinung zu bilden und sie zu sagen – am besten in humorvoller Art und Weise.“ Gibt es Momente, in denen Sie in der Vorstellung auch mal bierernst werden?

Ja, natürlich. Das ist ja das Schöne beim Kabarett, dass es Tiefgang haben darf (solange es unterhält und spannend ist) und nicht diesen Pointenzwang hat, wie Comedy, und sich auch nicht auf Schenkelklopfer reduzieren lassen muss. Wenn Comedy zu seicht ist, wird mir schnell fad.

In der Kabarettszene sind Frauen immer noch nicht sehr selbstverständlich vertreten. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Laut diverser Umfragen haben 70 Prozent der Frauen kein Interesse an Politik. Ich hoffe, dass das nicht stimmt. Aber Frauen sind in der Regel schon eher unpolitisch und beschäftigen sich lieber mit Themen wie Mode und Ernährung.

Woher bekommen Sie aktuell die meisten Anregungen für den Stoff, aus dem Ihr Programm gemacht ist?

Ich beschäftige mich in den letzten Jahren viel mit Politik und allem, was diesbezüglich auf der Welt passiert. In meinem Programm geht es aber auch um Männer und Frauen, Fernsehen, Heimat und Populismus, auch um Rüstung und Kriegslust, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Wo holen Sie sich Kraft und Rückhalt für den alltäglichen Widerspruchsgeist?

Wie jeder andere Mensch muss natürlich auch ich Kraft tanken. Pausenlos kann keiner powern. Da muss man wirklich lernen, zu entspannen und loszulassen. Ich nenne das als Workaholic „Erholungsarbeit“. Ich muss mir dann regelrecht anordnen: „Lass jetzt alles liegen, Lisa, und geh raus in den Wald!“ Oder ich mache Yoga und höre Musik...und tue eben das, was mir guttut. Menschen, die einem gut zureden, wie einem Pferd, das im Galopp durchgegangen ist, sind auch sehr wichtig. Mein Mann Peter kann das gut, der ist Balsam für meine Seele.