Spaß am Fliegen, keine Höhenangst

Die Rondos suchen Verstärkung: Wer bei der Schleuderbrettgruppe mitmachen will, muss vor allem zwei Voraussetzungen erfüllen

Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte Wolfgang Schaal den Rondos schon einmal neues Leben eingehaucht, mittlerweile ist die Personaldecke dieser legendären Backnanger Schleuderbrettgruppe wieder ein bisschen dünn geworden. Für den 67-Jährigen ist das allerdings kein Anlass, sich auf das Altenteil zurückzuziehen, ganz im Gegenteil. Er sucht stattdessen lieber neue junge Leute, die zu der verbliebenen Truppe stoßen sollen: „Wer Spaß am Fliegen und an Saltos hat, ist herzlich willkommen.“

Die Halle in der Fabrikstraße bietet den Rondos vor allem wegen ihrer stattlichen Höhe beste Bedingungen: Moritz Geyer (links) katapultiert Jakob Fischer in die Luft. Für die Sicherheit sorgt Wolfgang Schaal an den Seilen, den Sessel hält Routinier Roland Matena. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Ein Montagabend in einer Halle der ehemaligen Lederfirma Kaess in der Fabrikstraße. Es ist ziemlich zugig und kalt zwischen den alten Mauern, aber das ist für das Quartett, das hier seinem spektakulären Sport nachgeht, absolut zweitrangig. Fallen die Trainingsklamotten von Wolfgang Schaal, Roland Matena, Moritz Geyer und Jakob Fischer eben ein wenig dicker aus, viel wichtiger als eine Heizung ist etwas völlig anderes: Die Trainingsstätte bietet wie das vorherige Domizil in der Oberen Walke die benötigte Höhe. Es sind rund 16 Meter bis zur Decke. „In den normalen Sporthallen haben wir immer Probleme“, erläutert Wolfgang Schaal.

Der Spiegelberger, der mit den Rondos 1977 und 1978 selbst zweimal deutscher Meister wurde, ist der Boss dieser Truppe und stets darum bemüht, der jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte weitere Kapitel hinzuzufügen. Als vor gut 18 Jahren neben ihm nur noch Michael Sauer und Armin Pfitzenmaier übrig geblieben waren und sie deshalb nur noch als die „Buarts“ mit einer witzigen Nummer und als die „Altos“ mit den von einem zum anderen geworfenen Eisenkugeln auftreten konnten, hatte Wolfgang Schaal die Rondos schon einmal neu aufgebaut. Die damalige Geschichte in der Backnanger Kreiszeitung lockte anfangs fast zu viele Interessenten an, letztlich bildete sich ein harter Kern von sechs Neulingen. Einer davon war Roland Matena, der 43-jährige frühere Handballer aus Oppenweiler ist mittlerweile allerdings der letzte Mohikaner: Der Rest stieg im Laufe der Jahre wegen des Berufs oder der Familie wieder aus.

Bekommen die Rondos tatsächlich Zuwachs, sind wieder mehr Auftritte als in den letzten Jahren geplant

Es ist daher an der Zeit, sich wieder um frische Kräfte zu bemühen. „Sollten zwei neue Leute hängen bleiben, wäre ich zufrieden“, skizziert Schaal seine Vorstellungen für die kommenden Wochen und Monate: „Wenn wir neue Leute finden, wollen wir wieder vermehrt auftreten, kleinere Auftritte sind auch derzeit möglich.“ Egal, welche Rolle die potenziellen Zugänge letztlich auch einnehmen, ob sie männlich oder weiblich sind: Sie sollten auf keinen Fall von akuter Höhenangst geplagt werden. Es gibt zum einen den Springer, der idealerweise rund 80 Kilogramm auf die Waage bringen und zwischen 16 und 30 Jahre alt sein sollte. Dessen Hauptaufgabe: Den Springbock erklimmen, auf der gewählten Stufe auf das „Fertig“-Kommando des Fliegers warten und dann auf die eine Seite des Schleuderbretts springen. Auf der anderen Seite wird in diesem Moment der Flieger in luftige Höhen katapultiert, um nach einem Salto oder sogar mehreren Umdrehungen seinen Bestimmungsort zu erreichen. Das kann der altehrwürdige und 2005 von einer Sattlerei runderneuerte Sessel sein, der den Rondos bereits zu ihren Hochzeiten treue Dienste leistete, oder ein alter Motorradsattel. Die Krönung ist der Stelzensalto, bei dem der Flieger zwei alte Holzlatten an die Beine geschnallt kriegt.

„Wir brauchen dringend einen zusätzlichen Springer, denn er ist eigentlich ein Flieger“, sagt Wolfgang Schaal und deutet auf Moritz Geyer. Mit sieben Jahren fand er den Weg zu den Rondos – inzwischen ist er 19 Jahre alt und es macht ihm weiterhin „einfach Spaß. Ich liebe die Höhe und bin schon immer gerne irgendwo hochgeklettert. Ich kann es jedem empfehlen.“ Lediglich für leichte Partner ist der Backnanger auch als Springer geeignet, doch selbst die bescheidenen rund 50 Kilogramm, die Jakob Fischer auf den Rippen hat, sind da beinahe zu viel. Für den 14-Jährigen wären mit einem schwereren Partner oder alternativ eben zwei Springern etwa sieben Meter Höhe drin, für Schaal ist der Jungspund des Quartetts „ein Riesentalent. Er hat sich zum Beispiel den Schraubensalto selbst beigebracht.“ Die Mutter kutschiert Jakob Fischer zweimal in der Woche von Pleidelsheim in die Murr-Metropole, „weil es zu Hause einen Turnverein, aber nichts Vergleichbares gibt“, und liest beim Training ein Buch. Das Fliegen gebe ihm ein Gefühl von Freiheit, versucht der Schüler die Faszination zu beschreiben, die er an allen Abenden in der Halle in der Fabrikstraße mit Dutzenden Saltos auslebt.

Für die bestmögliche Sicherheit sorgen die Seile, mit denen der Luftartist bei vielen Trainingsversuchen verbunden ist, und die Matten, die eine sanfte Landung erlauben. Unter anderem für die Sicherung der Aktiven sowie als Sesselhalter ist Roland Matena im Einsatz, die Gesamtverantwortung trägt Wolfgang Schaal: „Wenn die Konzentration nachlässt, ist Schluss – das spüre ich.“ Sein Rat an alle, die nun darüber nachdenken, sich der Schleuderbrettgruppe anzuschließen: Einfach mal beim Training vorbeischauen, denn: „Man muss es einmal gesehen und probiert haben, um sich darunter etwas vorstellen zu können.“

  Flieger, Springer, Fänger: Die Rondos würden sich in allen Bereichen über Neulinge freuen. Wer beim Training mal reinschnuppern will, kann das derzeit jeden Montag und Mittwoch ab 18.30 Uhr tun (Fabrikstraße 86, Backnang). Infos gibt es auch bei Wolfgang Schaal unter der Telefonnummer 07194/911040 oder im Internet unter www.die-rondos.de.