Wo sich Fuchs und Hex’ gute Nacht sagen

Der Umzug der Murreder Henderwäldler zu späterer Stunde versammelt launige Figurengruppen und fetzige Guggenmusiker

Am Samstagabend wird die Murrhardter Altstadt zur großen Bühne für Wölfe, Füchse, Hutzelmännlein, Trolle und Hexen in jeglicher Couleur. Die neue-alte, wiederentdeckte schwäbisch-alemannische Fasnet feiert mit dem Nachtumzug ein gut gelauntes, buntes Revival. Mal sind die Figuren der Gruppen ganz traditionell gehalten, mal zeugen sie von der Kombinations- und Experimentierfreude ihrer Mütter und Väter.

Ansehnlich gestapelte Spiegelberger Wetzstoi-Hexa mit ihrem Stollenwächter und Stollenarbeiter auf dem Murrhardter Marktplatz. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Am späten Nachmittag sind erste Anzeichen des bevorstehenden nächtlichen Treibens zu verzeichnen. Hier ein kurzer Posaunentest, da eine Gruppe, die im Häs und mit Masken am Hüftgürtel und klingenden Schellen durch die Gassen zieht. Nach und nach füllt sich die Stadt. Für einige der 51 Gruppen ist es der zweite Auftritt an diesem Tag. „Manche nutzen den Samstag, um tagsüber bei einem Umzug dabei zu sein und nehmen Murrhardt am Abend als zweites Event mit“, sagt Zunftmeister Matthias Schlichenmaier von den Murreder Henderwäldlern, die den Umzug ausrichten. Beispielsweise die Sulmdäler Rumeplhäxen aus Lehrensteinsfeld, die gerade von Waiblingen kommen und sich nach ihrem Startplatz erkundigen, weil sie das erste Mal in der Walterichstadt mit dabei sind. Auch die Guggenmusiker Räba-Forzer Thal aus der Schweiz laufen sich schon mal warm und geben auf dem Weg zur Aufstellung im Klosterhof ein paar Kostproben ihrer selbstbewusst-schrägen Sicht der Dinge.

In der Fußgängerzone begrüßt Katharina Konz von den Henderwäldlern das Publikum, das die Straße entlang zum Marktplatz säumt. Die 30-Jährige wird die Gruppen nach und nach vorstellen, nicht zu ersten Mal, „aber ein bisschen nervös ist man natürlich doch.“ Zu den Murreder Henderwäldlern ist sie schon ganz früh – als Fünfjährige – gestoßen, hat die klassische Karriere vom Tröpfle zum Wasserfratz hingelegt.

Der nächtliche Tanz beginnt, und die Zuschauer erleben eine gelungene Mischung aus urigen und fantasievollen Figurengruppen sowie fetziger Guggen-musik-Combos, die gute Laune und Schwung in den Umzug bringen. Angeführt wird er vom Henderwäldler-Zunftmeisterduo Diana Spreu und Matthias Schlichenmaier und einem Spezialgast – dem Murrhardter Kulturamtsleiter Uwe Matti, der als Bobbele von der Narrenzunft Gole seiner oberschwäbischen Heimatstadt Riedlingen mit dabei ist.

Zu den Figuren, die sich an der schwäbisch-alemanischen Fasnet orientieren, kommt eine stattliche Anzahl an tierischem Personal, auch neue Interpretationen rund um Vertreibung von und Schulterschluss mit Geistern feiern ein fröhliches Stelldichein. Da sind beispielsweise die freundlich dreinschauenden Löwen aus Leonberg (Lewenbercher). Die Augen einiger Berkheimer Erlenwölfe leuchten zwar angriffslustig rot, aber als ein Rudelmitglied einen Zuschauer zum Tanz bittet, ist klar, dass auch sie eher auf Geselligkeit aus sind.

Mit edlem Fell und spitzen Nasen ziehen die ranzigen Füchse aus Wäschenbeuren vorbei. Der Name verweist nicht auf Ungepflegtheit, sondern steht für die Tatsache, dass ihre Paarungszeit (Ranz) in die Fasnet fällt. Wer einem Vertreter samt Plüschgans begegnet, bekommt auch mal eine Portion Federn ab.

Die Hexen unter den Figuren sind ganz klar in der Mehrheit, zeigen sich in all ihren Facetten, was Grimmigkeit, Nasenschwung und Haartracht anbelangt. Die Wetzstoi-Hexa aus Spiegelberg setzen mit ihren Begleitern – dem Stollenwächter und Stollenarbeiter – einen männlichen Kontrapunkt, während die Mistelhexen aus Neckarweihingen mit ihren charakteristischen Masken mit vielen Details bis zur Warze punkten.

Immer wieder lockern einzelne Gruppen und Zünfte das Geschehen auf, bilden Pyramiden, lassen ihre Peitschen knallen, tanzen oder geben eine Kostprobe ihres mitgebrachten Räucherwerks. Bei den Figuren mischen sich auch gutmütig dreinschauende Gesellen unters närrische Volk wie die Hutzelmännlein aus Stuttgart, die Schurwald-Trolle oder die Schlehbeucher aus Oberstenfeld.

Beeindruckend ist diesmal auch die Präsenz der musikalischen Begleitung des Nachtumzugs. Angefangen bei der Stadtkapelle Murrhardt über Guggenmusiker aus der Region bis hin zu Gästen aus der Schweiz. Sie verpassen dem Event nicht nur Rhythmus und schräg-dynamische Klänge, sondern bereichern es auch durch ihre Kostümierung – die Stäära Gugga aus Donzdorf beispielsweise in riesigen Löwenmasken oder die Waldstetter Lachabatscher als Totenfiguren mit blumengeschmückten Hüten.

Nach knapp anderthalb Stunden sind die Fasnetsbotschafter vom oberen Tor über den Marktplatz bis zur Nägelestraße gezogen, haben sich den zahlreichen Zuschauern gezeigt, mit ihnen so manchen Schabernack getrieben und unter den Kindern ihren Schatz an Süßigkeiten verteilt. Matthias Schlichenmaier ist zufrieden mit dem Zuspruch. „Im Schnitt haben wir um die 4500 Zuschauer, heute waren es mindestens so viele, wenn nicht ein paar mehr.“ Die Teilnehmer, genauso wie die Gäste, haben im Anschluss Gelegenheit, in der Festhalle oder nebenan im Zelt noch weiterzufeiern. Manche der Gruppen können auch auf einen Geburtstag anstoßen – die Palette reicht vom zehn- bis vierzigjährigen Bestehen und zeigt einmal mehr das Wiederentdecken der Fasnet in schwäbischen Landen.