Ein langsamer Ausstieg und ein Aufbruch

Backnanger Sebastian Krimmer turnt noch Bundesliga, aber nicht mehr international und widmet sich dafür seiner kleinen Familie

„Mir geht’s super. Ich bin rundum zufrieden.“ Ein wenig erstaunlich, schließlich hat Sebastian Krimmer sportlich in den vergangenen Monaten eine wichtige Entscheidung getroffen: „Ich turne nur noch Bundesliga und keine internationalen Wettkämpfe mehr.“ Die operierte Schulter des 28-jährigen Backnangers spielt nicht wie erhofft mit.

Geht in der Bundesliga künftig nicht mehr im Stuttgarter Trikot an die Geräte: Sebastian Krimmer, der zur TG Saar gewechselt ist. Foto: Baumann

Von Uwe Flegel

Wer mit dem Olympiastarter von London 2012 spricht, der erlebt einen glücklichen Menschen. Ein Grund dafür schläft gerade in Krimmers Armen, heißt Flynn und ist sein dreieinhalb Monate alter Sohn. Der Pauschenpferd-Fünfte der EM 2011 in Berlin sagt: „Ich habe jetzt eine andere Aufgabe, eine große Aufgabe, nämlich Papa zu sein.“ Wobei das nur ein Teilzeitjob ist. Ohne Turnen geht es für einen, der mit dem deutschen Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 2010 in Rotterdam die Bronzemedaille gewonnen hat, vermutlich nie. Derzeit ohnehin nicht: „Ich trainiere jeden Tag. Ich habe Ansprüche an mich selbst.“ Der TSG-Turner will fit sein, wenn er am Samstag in die Bundesliga-Runde startet. Dann aber nicht mehr mit dem MTV Stuttgart, sondern mit seinem neuen Verein, der TG Saar. Die erwartet ab 18 Uhr den TSV Pfuhl, den Aufsteiger aus dem Neu-Ulmer Stadtteil.

Der Wechsel ins Saarland wurde dem Schwaben fast schon aufgezwungen, zog Stuttgart doch nach der vergangenen Saison sein Männerteam aus Liga eins zurück. „Das ging nicht spurlos an mir vorbei, schließlich war ich zwölf Jahre dabei, an der Sache hing ich emotional.“ Größter Erfolg Krimmers mit dem MTV war die deutsche Meisterschaft 2014, bei der mit Altmeister Thomas Andergassen ein zweiter in Backnang lebender deutscher Turnstar beteiligt war. Am Aus der Männerriege beim Männerturnverein änderten all die Meriten nichts. Mittlerweile sagt Sebastian Krimmer zur Entscheidung der Kluboberen: „Traurig, aber der Rückzug war nötig.“ Um ganz vorn mitzumischen, haperte es in Stuttgart an den Finanzen und Turnmittelmaß interessiert in der Landeshauptstadt nicht.

„So will ich nicht aufhören“, stand allerdings für den zwölfmaligen BKZ-Sportler des Jahres schnell fest. Schließlich waren vor allem die letzten Jahre von Verletzungen geprägt. Der Entschluss, im Juni 2017 im bayrischen Agatharied (Kreis Miesbach) die Schulter operieren zu lassen, kam ja nicht von ungefähr und brachte letztendlich auch Linderung. Jedoch war es ein langer Rückweg ins Wettkampfgeschehen und trotz der OP „sind Einschränkungen da“.

Mit alten Weggefährten

ein neues Ziel gesteckt

Krimmer, der mit mehr als nur einem Auge auf die Teilnahme an der Heim-WM diesen Herbst in Stuttgart geschielt hatte, stellte jedenfalls fest: „So macht es keinen Sinn.“ Die internationale Karriere hat er beendet. In der Bundesliga turnt er aber weiter. Nun für die TG Saar, bei der er mit alten Weggefährten aus dem Nationalteam wie Lukas Dauser, Waldemar Eichorn, Eugen Spiridonov und anderen mit dem großen Bundesliga-Finale ein ehrgeiziges Ziel hat. Cottbus, Straubenhardt und die TG Wetzgau seien die härtesten Konkurrenten, sagt Krimmer und ist optimistisch. Denn: „Der Verein hat sich sehr gut verstärkt, will ins Titelrennen eingreifen und nicht nur dabei sein.“ Wobei er künftig nicht mehr an allen sechs Geräten turnen, sondern nur noch am Pauschenpferd, am Barren und am Reck eingreifen will. Auch damit sich die Belastung für Schulter und Körper wenigstens ein bisschen in Grenzen hält.

Überhaupt geht er seinen Sport zwar weiterhin sehr ehrgeizig, aber etwas ruhiger an. Er absolviert nicht mehr alle täglichen Trainingseinheiten am Stuttgarter Kunstturnforum, sondern übt zweimal im heimatlichen Backnang. Dort engagiert sich der 28-Jährige zudem bei der TSG als Trainer der Bezirksliga-Riege. Die Arbeit mit dem Nachwuchs scheint Spaß zu machen. In der Halle und daheim. Wobei dort der Sohnemann nur ein Teil des Neuen ist. Ab September kommt der Berufseinstieg noch dazu, beginnt er doch bei der Kreissparkasse eine Ausbildung. Entsprechend ausgiebig genießt Sebastian Krimmer die Zeit mit dem kleinen Flynn und sagt strahlend: „Mir geht es super. Ich bin rundum zufrieden.“