Wenn das Gefühl von Nüchternheit trügt

Das Interview: Psychologe Wolf Kirchberg spricht über Alkohol und die Wichtigkeit einer Standortbestimmung des Konsums

Einerseits ist der Konsum von Alkohol in der Kultur verwurzelt, andererseits birgt er ab einer gewissen Gewohnheit eine schleichende Abhängigkeitsgefahr. Der Psychologe und Psychotherapeut Wolf Kirchberg bietet am Mittwoch in der Volkshochschule Murrhardt einen Seminarabend rund um Alkohol an, bei dem man auch die Wirkung sowohl subjektiv durch eigene Einschätzung als auch mit einem objektiven Testwert überprüfen kann. Im Interview spricht er über sein Herangehen ans Thema.

Wolf Kirchberg

Von Christine Schick

Eine neue US-Studie räumt mit dem Mythos auf, dass gemäßigter Alkoholkonsum wie ein Glas Rotwein oder ein Bier am Abend gesundheitsfördernd sein kann. Das Gegenteil ist der Fall. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der University of Washington in einer groß angelegten Übersichtsstudie zu Gesundheitsfolgen von Alkoholkonsum. Warum gehen Sie in Ihrem Seminarabend in Murrhardt auf die Wirkung von Alkohol überhaupt ein und appellieren nicht einfach dafür, keinen zu trinken?

Die Metastudie kommt zu dem Schluss: „Our results show, that the safest level of drinking is none“ (Es ist am sichersten, nicht zu trinken). Das ist vielleicht wissenschaftlich nachweisbar, aber nicht sehr nahe am alltäglichen Leben der Menschen. Mit dem Alkohol ist es wie mit vielen anderen Suchtstoffen auch: Appelle an die Vernunft, verortet im präfrontalen Cortex des Großhirns, erreichen die Menschen nicht ausschließlich da, wo sie erreicht werden sollten. Der Konsum wird immer auch von tiefer gelagerten Bereichen im Zwischenhirn der Emotion und Motivation beeinflusst. Die meisten Menschen, die ein Problem mit Alkohol haben, kennen die Fakten. Es ist Allgemeinwissen, dass Alkohol dosisabhängig Schäden verursacht. Die meisten wissen auch durch eigene negative Erfahrung um die psychischen und körperlichen Wirkungen von Alkohol, und dass es nicht gesund ist, viel zu trinken, machen es aber trotzdem. Deshalb biete ich das Seminar an, weil die Teilnehmer auch eine reale Erfahrung machen, mit der Trinkprobe sehen sollen, wo sie in dieser Hinsicht stehen. Im Seminar haben sie die Möglichkeit, die eigene Position im Verhältnis zum Alkohol zu erfahren und gegebenenfalls neu zu bestimmen.

Würden Sie davon sprechen, dass man Alkohol genießen kann?

Genuss bedeutet, sich Zeit zu nehmen, um eine kleine Menge eines Genussmittels ganz, ganz bewusst über Geschmack und andere sensorische Erfahrungen in angenehmer Umgebung wahrzunehmen. Das lässt sich auch bei Alkohol machen, zum Beispiel mit einem guten Glas Trollinger zu einem mit Liebe zubereiteten Essen. Eine ganz andere Situation stellt zum Beispiel ein Fußballabend dar, bei dem man in fröhlicher Umgebung zwei, drei, vier oder fünf Bier trinkt. Da noch von Genuss zu sprechen, ist eher schwierig. Ich ziehe gerne den Vergleich und frage, wer würde im Vergleich dazu in einem relativ kurzen Zeitraum wie einem Fußballspiel oder geselligen Abend ebenso viel Wasser, Cola oder Fanta trinken? Das macht kein Mensch. Und da sieht man dann, am Alkohol muss etwas sein, was die Menschen dazu bringt, über die normale Menge hinauszugehen. Die Dosis macht das Gift. Wobei es in der menschlichen Natur liegt, die genossene Dosis mit Blick auf die eigene Urteilsbildung zu relativieren.

Jetzt ließe sich provokativ sagen, man könnte Alkohol gezielt dazu benutzen, um zu entspannen, Geselligkeit herzustellen oder unangenehme Gefühle für eine gewisse Zeit zu unterdrücken, wenn man in der Lage ist, die Kontrolle zu behalten. Was spricht dafür und was dagegen?

Also, dafür spricht eigentlich nur, dass wenn man das wirklich für einen bestimmten Moment oder sehr begrenzten Zeitraum schafft. Die Erfahrung lehrt aber, dass genau diese Situationen einen in eine Alkoholproblematik hineinführen können. Sie setzen sich abends mit ihren Freundinnen zu einem Glas Rotwein zusammen, sind lockerer, es ist lustig. Das machen Sie ein paar Mal und dann stellen Sie fest, um dieselbe Wirkung zu erzielen, brauchen Sie bereits zwei Gläser Rotwein. Wenn das über die Zeit weiterläuft, sind Sie irgendwann bei vier oder fünf Gläsern gelandet, und es kann sich schleichend ein Alkoholproblem einstellen. Ähnliches gilt, wenn man Alkohol zum Entspannen, bei Ängsten oder zum Einschlafen einsetzt. Der Körper baut eine Alkoholtoleranz auf, man braucht also mehr für den gleichen Effekt. Wenn man bei 18 Jahren startet, ist es möglich, mit 40 Jahren schon eine gewisse Toleranz entwickelt zu haben sowie Mengen zu konsumieren, die gesundheitlich überhaupt nicht mehr vertretbar sind.

Warum ist es wichtig, ein Gefühl für die Wirkung von Alkohol zu bekommen?

Weil Sie genau dieses subjektive Gefühl mit der Alkoholtoleranzentwicklung nicht mehr haben. Ein geübter Trinker, der noch nicht mal besonders viel konsumiert, aber regelmäßig über einen längeren Zeitraum, beispielsweise zwei, drei Biere oder ein oder zwei Gläser Wein, fühlt sich subjektiv noch völlig nüchtern. Das ist der Punkt, an dem er weitertrinkt, sich relativ nüchtern fühlt, ins Auto steigt und in der Polizeikontrolle 1,1 Promille festgestellt werden, der Wert für absolute Fahruntüchtigkeit. Dann hat er ein Problem. Mit der Trinkprobe möchte ich dafür sensibilisieren, dass ein subjektives Gefühl nicht immer den objektiven Tatsachen entspricht.

Das heißt, die Leute sollen angelehnt an ihren normalen Konsum etwas trinken, um einschätzen zu können, welche Promillezahl dahintersteht?

Natürlich erwarte ich jetzt nicht Menschen am Abend, die drei oder vier Liter Bier trinken. Gleichzeitig würden viele sagen, drei, vier Bier oder zwei, drei Gläser Wein, über den Abend verteilt, ist normal bei einem guten Essen, aber ist es eben nicht. Der Abend ist dieser Problematik gewidmet. Ich finde es wichtig, einschätzen zu können, wo stehe ich auf dem Weg in Richtung problematischem Konsum. Wie weit bin ich da vielleicht fortgeschritten, ohne es zu merken, gerade im Anfangsstadium hat Alkohol sehr viel mit Verleugnung, Verharmlosung, Bagatellisierung zu tun. Da muss man im Grunde genommen anfangen, nicht erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Also die Grenze finden zwischen noch normalem und schon problematischem Konsum.

Sie haben ja vorher die Studie erwähnt. Sie ist sehr interessant, lehnt sich an die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO an. Bisher gelten für eine Frau 12 Gramm reiner Alkohol, für einen Mann 24 Gramm maximal fünfmal die Woche als gesundheitlich unbedenklich. Jetzt stellt sich aber das Gegenteil heraus. In dieser Metastudie wurden auch viele Nachteile von geringem Alkoholkonsum nachgewiesen, bei einem geringen Vorteil. Das heißt, Sie erkaufen sich einen kleinen Vorteil zum Preis vieler potenzieller Nachteile.

Das heißt, es geht im Kern darum, die Wirkung abschätzen zu können und für die Gefahren zu sensibilisieren.

Wer Verhalten nur über reines Faktenwissen, über die Vernunft, beeinflussen will, stößt schnell an Grenzen. Für das Rauchen gibt es mit den Schockbildern einen ganz interessanten, anderen Ansatz, weil man da die emotionale Ebene anspricht. Natürlich muss man auch aufklären und dafür sorgen, dass die Gesetze konsequenter eingehalten werden, beispielsweise das Alkoholkaufverbot bei Jugendlichen. Aber auch da gibt es einen Riesenunterschied zwischen Theorie und Praxis.

Ab welchem Punkt wird das Trinken für Sie in psychologischer Hinsicht problematisch?

Psychologisch gibt es keine starren Grenzen für den Konsum. Wenn jetzt jemand fünf oder sechs Liter Bier trinkt, dann ist das klar zu viel, darüber muss man nicht mehr diskutieren. Für mich ist aber tatsächlich die Funktion entscheidend und die Frage nach dem Warum. Da kann es durchaus schon problematisch sein, wenn sich beispielsweise ein Ehepaar streitet, und er nichts Besseres zu tun weiß, als sich erst mal einen doppelten Klosterfrau-Melissengeist als Medizin und Friedensstifter einzuschenken. Das ist vom Alkohol her zwar wenig, aber von der psychischen Funktion ist es schon eine missbräuchliche Verwendung.

Eine Risikogruppe in Bezug auf Abhängigkeit, die im Alltag nicht so auffällt, sind alte Menschen. Durch die geringer werdenden Sozialkontakte bleibt ihr Trinken oft im Verborgenen, in Kombination mit Medikamenten kann es aber sehr riskant werden. Gibt es bestimmte Anzeichen, wenn man Mutter, Vater oder die Großeltern besucht?

Eine gewisse detektivische Arbeit wird man da schon brauchen. Wer noch einigermaßen fit ist, und eine Alkoholproblematik hat, der wird dafür sorgen, dass das nicht so auffällig wird, also beispielsweise regelmäßig das Leergut entsorgen oder die Flasche im Buchregal verstecken. Das gehört einfach auch ein Stück weit zur Symptomatik. Wenn es sich um eine vertrauensvolle Beziehung handelt, sollte man das Problem am besten offen ansprechen.

Trinken Sie selbst Alkohol?

Ja, ich trinke Alkohol, offiziell müsste ich sagen, ich trinke nur zum Genuss, aber ich trinke beispielsweise bei einer Feier auch mal mehr, als ich eigentlich sollte.

Haben Sie dabei Regeln aufgestellt?

Ich orientier mich immer daran, was meine alte Psychopathologieprofessorin gesagt hat. Sie meinte: Dass sich Menschen mal betrinken, lässt sich nicht ganz verhindern. Wenn Sie es machen, machen Sie es sehr unregelmäßig, nach dem Motto, wenn dann richtig. Auch hier gilt letztlich, je weniger, desto besser. Mit einer gelegentlichen Giftzufuhr kann der Körper besser umgehen als mit häufiger.