In Stein gemeißelte Frauenschicksale

Angelika Szöke erläutert beim Rundgang durch die Murrhardter Walterichskirche spannende Gedenkinschriften

Die Kultur der Bestattung und Erinnerung an Verstorbene hat sich durch die Jahrhunderte bis heute stark verändert. Dies dokumentieren die Inschriften der Grabsteine auf dem Friedhof und der Gedenksteine in der Walterichskirche.

Angelika Szöke (rechts) hat sich intensiv mit den Erinnerungstafeln und den Hintergründen befasst. Unter den Exemplaren in der Walterichskirche sind auch einige, die über die Lebens- und Familiengeschichte von Frauen Auskunft geben – sie waren mit prominenten geistlichen und weltlichen Persönlichkeiten der Walterichstadt verheiratet. Martin Pfender, Gisela Jakubek und Hans-Georg Zenker (von rechts) lauschen der Kirchenführerin, die gerade die steinerne Erinnerungstafel für Otto Leonhard Hofseß und seine Frau erläutert. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Sie standen im Zentrum des Rundgangs „Tod und Totengedenken – Was Grabdenkmale über Frauen aussagen“ mit Kirchenführerin Angelika Szöke aus Althütte, die sich der Murrhardter Gruppe angeschlossen hat. Trotz des stürmisch-regnerischen Wetters fanden sich 13 Interessierte am Nachmittag ein. In einer sonnig-trockenen Phase erkundeten einige die Außenmauern des Gotteshauses. Beispielsweise erinnert unter dessen Ostchorfenster eine Inschrift an einen Pfarrer Walter, der anno 1372 starb. Andere betrachteten die Grabsteine: Moderne weisen meist nur noch Namen, Geburts- und Sterbedaten der Bestatteten auf, ab und zu auch Fotografien, Bibelverse oder Sinnsprüche sowie Verzierungen.

Ältere Grabsteine geben teils auch Berufe an, und sehr alte Gedenksteine enthüllen oft überraschend viele Details über Leben und Schicksal der Toten. So neun Epitaphe, sprich Erinnerungstafeln, aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, die man 1985 aus dem Friedhof ins Innere der Walterichskirche versetzte, um sie so zu erhalten. Vier davon berichten ausschließlich über die Lebens- und Familiengeschichte von Frauen, die mit prominenten geistlichen und weltlichen Persönlichkeiten der Walterichstadt verheiratet waren.

„Die Idee, diese vorzustellen, hatte ich anlässlich des Internationalen Frauentags“, erklärte Angelika Szöke. Das älteste Denkmal steht im Chor rechts vom Altar und erinnert an die „ehrbare und tugendsame“ Margarete Hoechin, Frau des Vogtes Jakob Hofseß, die 1542 starb. Im Zeitalter des Humanismus und der Reformation „wurden die Menschen sich selbst bewusst“, betonte die Kirchenführerin. Darum hebe das Denkmal die Person hervor durch das Familienwappen, und die Inschrift berichte über deren Leben und Glaube. Zwar erfahre man das Alter Margaretes nicht, aber dass sie acht Jahre mit Jakob Hofseß verheiratet war, vier Söhne und zwei Töchter gebar, sowie ihre Todesursache: Sie starb bei der Geburt ihres Kindes, ein tragisches Schicksal, das unzählige Frauen teilten. Weiter erinnere die Inschrift an Margaretes Sohn Hans Jakob, der 1540 starb, und bitte für beide um Gottes Gnade.

Ein lateinisches Liebesgedicht und die Bitte, dass ihnen „Gott gnädig und barmherzig“ sein möge, zeichneten den schlichten Gedenkstein für Anna Hofmännin beim Eingang aus. Die „erste eheliche Hausfrau“ von Otto Leonhard Hofseß, Sohn von Margarete und Jakob Hofseß und erster evangelischer Abt des Murrhardter Klosters, starb am 19. Januar 1567, woran, sei nicht angegeben.

Dasselbe gelte für das prächtige Epitaph im Chor rechts an der Ostwand. Es erinnere an Abt Otto Leonhard Hofseß und an dessen zweite Frau Magdalena Schmeckin, gebe an, wie lange sie verheiratet waren und wie viele Kinder sie hatten. Beide starben 1607, er am 18. September, sie bereits am Bartholomäustag (24. August). Die Inschrift umrahmen oben Ornamente mit dem Lamm Gottes, unten die Familienwappen – Hofseß und Schmeck – sowie das der ersten Frau Anna Hofmännin.

Die Tafeln erzählen so einige Details vom Leben und Streben der Familienmitglieder

Von großer Frömmigkeit, aber auch einem Tod voller Leiden zeugt das kunstreich verzierte Rokoko-Denkmal rechts der Chorbogenwand für Eberhardine Johanna, Frau des Diakonus M. Samuel Kölle. Sie kam aus der Hugenotten-Familie Bardili, von der einige berühmte Dichter und Philosophen abstammten. Ausführlich schilderte der Witwer „voll Glaubens“, wie seine „herzlichst und innig geliebte Ehegattin“, die 1731 geboren wurde und die er 1760 heiratete, schon am 9. April 1761 nach einem viertägigen Geburtskampf und unglücklich ausgefallener Operation starb.

Die vollständigen Geburts- und Sterbedaten, jedoch keine Informationen über Lebensgeschichten und Todesursachen, weist ein klassizistisches, urnengeschmücktes Epitaph von 1791 an der Südwand auf. Es erinnert an Maria Dorothea Stockmayer, Witwe von Christoph Friedrich Stockmayer, der Rat, Hirsauer Prälat und Generalsuperintendent zu Bebenhausen war. Ebenso an deren erst 19-jährig gestorbene Enkelin Maria Dorothea Wild, Tochter des Murrhardter Rates und Abtes Christoph Friedrich Wild. Die Auferstehungshoffnung zeigt die Fürbitte am Schluss: „Der Herr lasse sie beide von ihrem Schlaf fröhlich zum Leben aufstehen und zur himmlischen Freude eingehen...“

Zuvor erläuterte Angelika Szöke kurz die Entwicklung der Bestattungskultur. Die ältesten, etwa 60000 Jahre alten Gräber fand man in Höhlen, und Jesus Christus legte man nach seinem Tod am Kreuz in ein Felsengrab. Erdbestattungen folgten erst später: „Im Mittelalter begrub man die Toten zunächst außerhalb der Siedlungen, später auf den Kirchhöfen um die Pfarrkirchen herum in flachen Gräbern, die mit schlichten Kreuzen gekennzeichnet waren, um den Teufel abzuhalten“, erklärte die Kirchenführerin. „Die Toten lagen nur eine Elle unter der Erde“, so verwesten sie rasch, und die Grabstellen konnten bald neu belegt werden. (Die Elle entspricht 60 Zentimetern bis einen Meter.) Die Skelette sammelte man in den sogenannten Beinhäusern unterhalb von Kirchen oder Kapellen. Erst ab Mitte des 14. Jahrhunderts stellte man Grabsteine auf oder legte Grabplatten auf die Begräbnisstätten, aus denen ab etwa 1500 Epitaphien als Erinnerungsdenkmale hervorgingen. Diese „befanden sich aber nicht am Grab“, stellte Angelika Szöke klar, sondern wurden in Kirchenmauern eingraviert oder als Denkmäler daran aufgestellt.

2017 sei sie zum Kirchenhüter- und Kirchenführerteam gestoßen, „weil mich die gotische Stadtkirche mit ihrer alten Ausstattung angesprochen hat“. Seit 2018 „mache ich Kirchenführungen“, auch „habe ich mich oft mit der Walterichskirche beschäftigt“. Im Fokus stünden die alten Denkmäler: „Sie sind sehr interessant und vielgestaltig, denn aus den Inschriften und Verzierungen kann man sehr viel erfahren über die Menschen, an die erinnert wird, deren Lebensgeschichte, Familie und Glaube,“ betonte Angelika Szöke. Für den Rundgang habe sie in Fachliteratur und Internet recherchiert, zudem wichtige Infos aus einer Broschüre über die Epitaphe und aus Unterlagen für die Kirchenführer entnommen, die deren früherer Teamleiter Martin Pfender zusammenstellte, so die Kirchenführerin.