In Sachen Energiewende bleibt viel zu tun

Grüne luden zu Referentenrunde und Diskussionein – Zuhörer hielten kritische Fragen und Einschätzungen bereit
Das Hintergrundbild – die Zügel’schen Ochsen – passt: In der Runde mit (von links) dem umwelt- und energiepolitischen Sprecher der Landtagsfraktion der Grünen Daniel Renkonen, Stadtwerkechef und Erstem Beigeordneten Rainer Braulik sowie Dieter Schäfer von der Energiegenossenschaft Murrhardt wurde deutlich, dass die Energiewende noch ein hartes Stück Arbeit sein wird. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Die Energiewende ist eine Aufgabe für alle: Nur gemeinsam mit den Bürgern und Energieversorgern, die kooperieren müssen, kann sie gelingen. Doch gibt es dazu noch einiges zu verbessern und Hürden für die Bürgerbeteiligung zu beseitigen. Dies verdeutlichten die kritischen Fragen der Zuhörer bei der Podiumsdiskussion des Ortsverbands Oberes Murrtal von Bündnis 90/Die Grünen zum Thema „Energiewende – Chancen für den ländlichen Raum“ im Heinrich-von-Zügel-Saal der Stadtbücherei.

In Einstiegs-Statements zeigten die drei Referenten auf, wie die Energiewende aus ihrer Sicht praktisch umgesetzt werden soll. „Wir wollen die Bürger mitnehmen“, betonte Daniel Renkonen, umwelt- und energiepolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Grünen. Bis 2020 sollen 38 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt werden, so das ambitionierte Ziel der grün-roten Landesregierung. Aktuell sind es 20 Prozent. Die Energiewende bestehe aus drei Komponenten: Energieeinsparung, Energieeffizienz und Ausbau der erneuerbaren Energien. Mit attraktiven Förderprogrammen und zinsverbilligten Darlehen wolle man Anreize für die Gebäude- und Ortskernsanierung geben. So solle Wertschöpfung vor Ort generiert werden, von der das Handwerk profitiere, damit sei die Energiewende auch aktive Wirtschaftsförderung, betonte Renkonen.

Zum heiß diskutierten Thema Windenergie sagte der Grünen-Politiker, bis 2020 sollen etwa 1000 neue Windräder aufgestellt werden. Ausdrücklich nahm er Landräte und Landratsämter in Schutz: Sie prüften sehr genau, wo Windkraft umweltverträglich möglich sei, um Rechtsstreiten vorzubeugen. Der Windenergieerlass müsse noch verbessert werden, damit Naturschutz und Windkraft vereinbar seien und auch Bürgergenossenschaften Anlagen betreiben können. Damit die Stromkosten nicht zu stark steigen, müsse das Erneuerbare Energien-Gesetz weiterentwickelt werden: Künftig könne man nur noch Unternehmen von der EEG-Umlage befreien, die im internationalen Wettbewerb stehen.

Die Aktivitäten der Stadtwerke Murrhardt in Sachen Umweltschutz, regenerative Energieerzeugung sowie schonendem Umgang mit Ressourcen stellte deren Werkleiter und Erster Beigeordneter Rainer Braulik vor. Oberstes Ziel sei, die wirtschaftliche Versorgungsinfrastruktur in den Bereichen Wasser, Erdgas und Nahwärme für die Bürger zu erhalten und auszubauen. Mittelfristig wolle man in die Stromversorgung hineinwachsen, und die Entscheidung über die Vergabe der Stromnetzkonzession werde in den nächsten Wochen fallen, kündigte Braulik an. Zur Umsetzung des Klimaschutzkonzepts sei man dabei, städtische Gebäude professionell zu sanieren. Die Resonanz auf die Energiekarawane, eine Kampagne für die Sanierung privater Gebäude, sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben, darum werde man die Bürger nochmals darauf aufmerksam machen. Die Erdgastankstelle ist für Braulik ein wichtiger Beitrag zur umweltfreundlichen Mobilität. Außerdem werden die Stadtwerke Glasfaserleitungen verlegen, um den Bürgern einen Internet-Breitbandanschluss zu ermöglichen und die technischen Voraussetzungen für die Steuerung eines virtuellen Kraftwerks zu schaffen, blickte Braulik in die Zukunft.

Neues Ziel der Energiegenossenschaft Murrhardt (EGM) sei es, eine eigene Strommarke aufzubauen, erklärte EGM-Initiator und Vorstand Dieter Schäfer. „Schtrom – die Marke mit Perspektive“ solle den Bedarf der Bürger möglichst bald mit selbst erzeugtem Wind- und Sonnenstrom decken. Dabei sei es eine große Herausforderung, Bedarf und Erzeugung auszutarieren. Fernziel bleibe das dezentrale bürgerzentrierte virtuelle Kraftwerk. Kritisch merkte Schäfer an, Bürgerwindkraftprojekte würden erschwert, weil die Pacht im Staatswald praktisch unmöglich sei und (zu) strenge Vorschriften für Landschaftsschutzgebiete gelten.

Anschließend entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die Grünen-Ortsverbandssprecherin Ute Klaperoth-Spohr moderierte und an der sich etliche Zuhörer mit einer breiten Palette kritischer Fragen beteiligten. Zu Dieter Schäfers Kritik räumte Daniel Renkonen ein, die Ausschreibungs- und Vergabekriterien von Forst BW für Windkraftanlagen sollten geändert werden. Bislang könnten nur Energieversorger die Vorgaben von 70 Prozent Wirtschaftlichkeit und 30 Prozent Planung erfüllen, doch müssten Bürgergenossenschaften stärker gewichtet werden. Die Strompreise dürften nicht immer weiter steigen, die Energiewende sollte zügiger umgesetzt werden, es bestehe großer Nachbesserungsbedarf bei Gesetzen und Kriterien, es sollte ein eigenes Energieministerium geben, die Industrie müsse mehr einbezogen und Versorgungssicherheit gewährleistet werden, forderten verschiedene Zuhörer.

Zwar wies der Grünen-Politiker auf verschiedene Maßnahmen der Landesregierung hin, um diese Probleme zu lösen und Forderungen zu erfüllen, doch wurde auch deutlich, dass noch viel zu tun bleibt. Es gebe mehr Windkraft-Konfliktgebiete als gedacht, doch befänden sich aktuell Hunderte von Anlagen in der Projektierungsphase, berichtete Renkonen. Ein Problem stelle auch die Konkurrenz verschiedener Energieversorger dar. Dabei sei eine gute Kooperation aller Beteiligten Voraussetzung für den Erfolg der Energiewende, die schon viel früher hätte beginnen sollen, fand der Grünen-Politiker das treffende Schlusswort.