Von der Packpresse zur Event-Mosterei

Familie Wurst modernisiert ihren Betrieb – Dort können Kunden ihr Obst in Apfelsaft verwandeln lassen

Die Devise „Zurück zu den Wurzeln“ stimmt und stimmt auch nicht, wenn es um die Familie Wurst geht. Sie betreibt ihre Mosterei bereits in dritter Generation. Mittlerweile hat sich viel verändert und die Modernisierung der Anlage ist ein weiterer Schritt dazu. Einem möchte sie aber treu bleiben: Den regionalen Produkten Apfelsaft und Süßmost.

Anlieferung leicht gemacht: In diese Wanne kann das Obst gekippt werden. Anschließend wandert es per Band ins Haus.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Die Geschichte des Familienbetriebs spiegelt ein Stück weit die Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten. Waren es früher vor allem die Landwirte selbst, die ihren Most – auch für die eigene Schnapsproduktion – bei den Wursts herstellen ließen, sind es heute überwiegend kleinere Betriebe und Familien, die ihr Obst nach Köchersberg bringen, um später ihren eigenen (Apfel-) Saft wieder mitnehmen zu können. „Vor etwa drei Jahren haben wir mit der Viehhaltung aufgehört“, sagt Helmut Wurst.

Nebenan ist die Familie dabei, die Mosterei zu modernisieren, die schon immer mit dazugehört hat und mittlerweile vielen Kunden aus der ganzen Region die Möglichkeit gibt, ihren eigenen Apfelsaft herzustellen. Aus einer überschaubaren Anzahl von Bauern mit einer großen Ladung voll Obst sind heute also viele Einzelkunden geworden. Früher war Most ein gängiges Getränk, nicht zuletzt, weil der Apfelsaft damals noch nicht haltbar gemacht werden konnte, erklärt Helmut Wurst. Mit dieser Möglichkeit veränderte sich auch das Angebot des Familienbetriebs, zu dem seit 1969 eine Mosterei gehört. 2004 kam die erste Pasteurisierungsanlage ins Haus: Apfelsaft eroberte die Haushalte. Über die Jahre haben das Ehepaar Gisela und Helmut Wurst, der schon mit seinem Vater an der Saftpresse stand, ihre Kinder Martina und Bernd, der mittlerweile auch eine Familie gegründet hat, viele Kunden gewonnen. Diese kommen aus Murrhardt, Großerlach, Allmersbach im Tal, Gaildorf, Gschwend, aber auch aus dem Raum Heilbronn und Ludwigsburg. Unter ihnen sind Betriebe wie die Erlacher Höhe, aber auch Familien mit zwei, drei Apfelbäumen im Garten bis hin zu Kindergärten, die auf der Streuobstwiese des Nachbarn ihren Rohstoff für den eigenen Saft einsammeln und als Zaungäste bei der Herstellung dabei sind. Ein Abenteuer, das sich auch mancher Erwachsene nicht entgehen lassen will. „Insofern sind wir ein bisschen Event-Mosterei geworden“, sagt Helmut Wurst mit einem Grinsen.

Nun haben sie sich gemeinsam dazu entschlossen, die Mosterei für die Zukunft zu rüsten: Die alte Anlage, eine Packpresse mit zehn Ebenen, war deutlich aufwendiger und schwerer zu bedienen. Hinzu kommt, dass sich der Mann am Drücker künftig nicht mehr in Schutzkleidung (Bernd Wurst: „ungefähr drei Schichten Regenmäntel“) einpacken muss, um zu mosten. Im nun abgetrennten Raum steht das neue Stück: Eine vollautomatische Bandpresse, die den Großteil der Arbeit erledigt. Auch die Obstanlieferung ist für die Kunden bequemer geworden. Vor dem Haus können die Äpfel auf Bodenhöhe in eine Wanne gekippt werden, von wo aus sie über ein Transportsystem in den Raum gelangen. Auf dem Band werden dann angeschlagene Kandidaten aussortiert, bevor die restlichen nach einer Wäsche und dem Mahlvorgang in die Presse wandern.

Die Modernisierung und der frei gewordene ehemalige Kuhstall ermöglichen es der Familie, flexibler zu sein. Nun können Feierabendsammler und -lieferanten, Kindergärten oder Schulen ihre Äpfel auch in einer für sie reservierten Box zwischenparken und das fertige, flüssige Streuobstgold später wieder abholen. Dieser Aspekt liegt der Familie besonders am Herzen, für die die Mosterei nur ein Zubrot ist, wie man so sagt: Dass die Menschen ihr Obst verwerten. Zum Apfelsaft oder Süßmost (Äpfel und Birnen) von der heimischen Streuobstwiese sagt Helmut Wurst: „Regionaler geht es nicht, und es dient dem Naturschutz.“