In den Fantasien scheint überall das Unheimliche durch

Václav Pokorný stellt in der Galerie Barockscheune Oberschöntal aus Die Arbeiten des Tschechen sind eine Einladung zum Entdecken und Nachdenken

Betont in seinen Arbeiten das Subjektive: Václav Pokorný. Skulpturen und Aquarelle des Künstlers sind in Oberschöntal zu sehen. Foto: A. Becher

BACKNANG. Der als Kinderbuchillustrator bekannt gewordene Václav Pokorný zeigt Aquarelle und Skulpturen in der Galerie Barockscheune Oberschöntal: Erzählbilder, die ihre Betrachter in individuelle Welten versetzen.

Ein bisschen internationales Flair in Oberschöntal: Die Familie Kutter hat zur Vernissage Ähnliche Welten geladen, unter anderem sind viele Freunde und frühere Landsleute des tschechischen Künstlers Václav Pokorný, der 1982 nach Westdeutschland übersiedelte, gekommen. Die Barockscheune ist ausgesprochen gut besucht. Erst als sich die Gäste nach der Eröffnung in den einladenden Garten zerstreuen, wird der Blick frei auf Skulpturen und Aquarelle eines Künstlers, in dessen Arbeiten Realität und Fantasie zu feinem Humor verschmelzen.

Musikalisch begrüßt werden Pokorný und seine Gäste mit Hans Werner Henzes Serenade. Der Cellist Fionn Bockemühl vom Radiosinfonieorchester des SWR spielt das anspruchsvolle Stück aus dem Geburtsjahr des Künstlers, der 1949 in Prag zur Welt kam, eine Musik, die sich, so die Galeristin Sabine Kutter, zur Ausstellung manchmal kontrastierend, aber durchaus passend verhält.

Die Einführung gibt Martin Schwer, katholischer Pfarrer in Nürtingen, ein guter Freund Pokornýs. 1982 lernten die beiden sich im Tübinger Asylbewerberheim kennen, auch für damalige Verhältnisse eine schreckliche Sammelunterkunft. Schwer nimmt dies zum Anlass, den Titel der Ausstellung Ähnliche Welten auf die Asyl- und Flüchtlingspolitik anzuwenden, er setzt sich für menschenwürdige Integration ein und lehnt jede Art Gleichmacherei ab.

Pokorný ist es gelungen, in Deutschland Fuß zu fassen und seine Kunst zu etablieren. Er lebt heute als Maler, Illustrator und Bildhauer in Stuttgart. Gelegentlich zieht er sich in ein Dorf nahe Prag zurück, um dort wie ein Eremit an seinen Skulpturen zu arbeiten. Diese sind meist aus Lindenholz gefertigt und von beeindruckender Fragilität und sanfter Farbgebung. Aus einem Stück geschnitten entstehen zarte Figuren mit grazilen Gliedern und ambivalenten Botschaften. Pokorný betont das Subjektive, er könne und wolle dem Betrachter nicht vorschreiben, was er zu denken habe, noch in seinen Kopf schauen. Verliebt in die Ironie scheint er zu sein, das zeigen auch seine Aquarelle. Der müde Ritter ist von einem Holzpferd gestiegen und ruht in den Armen einer fürsorglichen Großbusigen aus. Sein Kampffeld: eine Idylle mit müdem Krokodil im nahe gelegenen Teich. Eine Brille deutet vielleicht auf einen Intellektuellen oder Künstler als Protagonisten hin wer weiß. In der Lesestunde haben wir eine Familie, in Bücher vertieft und unrettbar versunken trotz des Weltuntergangs in Gestalt sinkender Schiffe und Ertrinkender ringsum. Und immer gibt es viele kleine Symbole zu entdecken, man muss danach suchen, sagt Pokorný. Luftballon: Ein kleiner dicker Junge bläst sich eine Puppe auf, die paradoxerweise die Form einer Meerjungfrau annehmen möchte und die Hände in den kaum vorhandenen Schoß legt, in ihrem Umfeld Hasen und Igel sowie ein paar neugierige Vögel.

Frauenchor zeigt eine Drehorgel, wie jeder sie von Jahrmärkten her zu kennen meint. Allein, der Leierkasten ist geöffnet wie ein Koffer, darin singende Frauen, einander ähnlich vor allem die weit aufgerissenen Münder.

Pokornýs witzige Fantasie hat viele Gesichter, zugleich scheint überall das Unheimliche durch: Lächelnd lauernde Drachen im Hintergrund der Trauminsel oder das wiederkehrende Motiv von keil- bis tellerförmig sich nach oben hin verbreiternden Säulen, von denen man nicht sagen kann, ob sie vielleicht Platanengewächse oder doch kleine Atompilze darstellen. So steht das vertraut Harmonische der Natur neben dem potenziell Bedrohlichen, und der manchmal einfältig anmutende Mensch wird in einen Blick genommen, der, wie es ein aufmerksamer Betrachter feststellt, unter allen Umständen heiter und niemals verletzend oder gar vernichtend ist.

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