Spiel mit Glockenklängen und Stilen

Philharmonia-Chor Stuttgart und Organist Martin Stadtherr gestalteten abwechslungsreiches Konzert in der Stadtkirche

Spiel mit Glockenklängen und Stilen


Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Eine Klangreise durch die Kirchenmusik erlebten die zahlreichen Zuhörer beim Konzert des Philharmonia-Chors Stuttgart und des Kirchenmusikers Martin Stadtherr in der Stadtkirche. Unter dem Motto „Soli Deo gloria“ (Allein Gott die Ehre) präsentierten die von Johannes Knecht dirigierten Sänger A-cappella-Chorwerke von der Renaissance bis zur Gegenwart.

Ein wunderbares Hörerlebnis waren gesungene Glockenklänge in Kompositionen aus verschiedenen Epochen. Nachdem das Geläut der Stadtkirche verklungen war, stellten sich die Sänger im ganzen Kirchenraum auf. Mit herrlich klaren und weittragenden Stimmen erfüllte der Chor das Kirchenschiff bei „Das Glaut zu Speyer“ vom Schweizer Ludwig Senfl (um 1490 bis um 1543). Die im Philharmonia-Chor mitsingenden Studenten, Lehrer und ambitionierten Amateure stellten in diesem feierlich strahlenden Renaissancewerk das prächtige, vielstimmige Geläut so authentisch dar, dass man meinen könnte, die Klänge und Harmonien bringen die ganze Stadtkirche zum Schwingen.

Aus gregorianischer Melodik entwickelte sich der Kanon „Soli Deo Gloria“ von Rudolf Hartl (1927 bis 1996) nach der oft verwendeten Glockeninschrift mit reicher Harmonik. In hartem Kontrast dazu stand die rätselhafte „Zauberformel“ EnigmaII vom 1954 geborenen Schweizer Beat Furrer aus einer Serie zeitgenössischer Enigma-Tondichtungen. Zum Text „Von den Metallen“ aus den Prophezeiungen des Renaissance-Universalgenies Leonardo da Vinci (1452 bis 1519), den eine Chorsängerin rezitierte, erklangen geheimnisvolle bis unheimliche, wie Seufzer wirkende vielschichtige Klänge in chromatischen Rückungen.

Ein Hörgenuss waren die reich ausgestalteten spätromantischen Melodiebögen im ausdrucksstark präsentierten Lied „Von ferne klingen Glocken“ von Wilhelm Berger (1861 bis 1911) nach dem Text von Theodor Souchay (1833 bis 1903). Welche facettenreichen und voluminösen Stimmen die Chorsänger besitzen, zeigten sie in „Russische Glocken“ Nr. 4 aus dem Concertino in vier Sätzen, das der 1932 geborene Russe Rodion Schtschedrin 1982 schrieb. Mit modernen Stilmitteln imitierte der Chor klangmalerisch die vielen Glocken russischer Kirchen und Klöster. Dabei verkörperten die Bässe die großen tiefen Glocken, die Soprane die kleinsten und höchsten Glöckchen, woraus sich ein vielstimmiges Klanggebäude entwickelte, das in einem markanten ansteigenden Glissando wie ein Schrei endete. Die Glockenklänge geleiteten die Zuhörer zum Höhepunkt des Abends, der fantasievollen impressionistischen Messe für zwei vierstimmige Chöre a cappella, die der Schweizer Frank Martin (1890 bis 1974) zwischen 1922 und 1926 komponierte. Dabei vertonte er den lateinischen Text mit treffender Tonsprache und spielte virtuos mit traditionellen Stilelementen verschiedener Epochen und modernen Klängen. Kontrastreich gegenübergestellte Partien der hohen und tiefen Stimmen und weitschwingende Melodien über feinen Klangteppichen erzeugten eine zugleich schlichte und archaische, prächtige und strahlende Wirkung.

Gregorianik und Pentatonik riefen fremdartige Klangeindrücke im Kyrie hervor, das Gloria erstrahlte erst in barocker Pracht mit vielstimmig aufgefächerten Akkorden, dann erinnerte es an mittelalterliche Mönchsgesänge. Das klangfarbenreiche Credo mutete mit breiten Melodiebögen romantisch an und erreichte mit jubelnd aufsteigender Melodie zur Auferstehung seinen Höhepunkt. Gospelartige Rhythmik prägte das Sanctus, viele Modulationen und glockenartige Klänge das Agnus dei. Mit Bravour meisterten die Sänger die schwierigen Harmonie- und Taktwechsel.

Engagiert und mit innerer Anteilnahme präsentierte der Chor alle Werke und vermittelte überzeugend die der Messe innewohnende tiefe Gläubigkeit, sodass die vielschichtige Musik die Herzen der Zuhörer erreichte. Eine passende Bereicherung des Programms waren die Orgel-Interpretationen von Martin Stadtherr, Kirchenmusiker im Praktikum an der Stiftskirche Herrenberg. Tänzerisch beschwingt ließ er Louis Viernes (1870 bis 1937) klangprächtige, 1913 entstandene Glockenfantasie „Carillon“ erklingen, inspiriert vom Geläut der Schlosskapelle von Longpont an der Aisne. Zudem brachte der Organist Johann Sebastian Bachs (1685 bis 1750) majestätisches Praeludium in Es-Dur (Bach-Werke-Verzeichnis 552), ein virtuoses Tonkunstwerk mit einer Fülle von Motiven, klangschön zur Geltung.

Die Zuhörer waren sehr angetan von den stimmungsvollen Darbietungen und dankten allen Mitwirkenden mit lautstarkem, lang anhaltendem Beifall.