70 Jahre nach dem Grauen des Faschismus

Gedenkveranstaltung in Oberrot – Todesmarsch von KZ-Häftlingen führte auch durch den Rems-Murr-Kreis

Maria Fassbender, die Vorsitzende des Fördervereins Freier Adelssitz in Oberrot, lud in ihr Elternhaus, das heutige Äskulap-Informationszentrum, ein. Gemeinsam mit Zeitzeugen schilderte sie ihre Erinnerungen an einen grausamen Todesmarsch, der auch durch den Rems-Murr-Kreis führte.

Erinnerten an den Todesmarsch: Hubert Roßmann, Wilhelm Baudermann und Maria Fassbender (von links) vor deren Elternhaus. Foto: J. Fiedler

Von Carmen Warstat

OBERROT. Zunächst gab Maria Fassbender die Eindrücke des ebenfalls anwesenden Zeitzeugen Wilhelm Baudermann wieder. Im Frühjahr 1945 ein nicht ganz elfjähriger HJ-Junge, der für den Endsieg geschult werden sollte, sah er den aus dem KZ Kochendorf kommenden Marsch von 1500 Menschen in Mainhardt-Hütten mit eigenen Augen.

Er sah Maschinengewehre und Tote, brutale SS-Leute und Kapos. Letztere waren selbst Häftlinge, die die eigenen Leute mit Stöcken und Peitschen antrieben, der Junge empfand dies als besonders schlimm. Kinder brachten den ausgemergelten Männern Kartoffeln, was die Eltern verboten, weil sie Bestrafung befürchteten. Baudermann weiß noch, wie der lange Zug nachts weiterzog und die entkräfteten Menschen sich gegenseitig hielten und führten.

Maria Fassbender war damals fünf Jahre alt und sah den Todesmarsch von ihrem Oberroter Elternhaus aus – er führte direkt vorbei. Noch heute hört sie das Schlurfen der Holzpantinen und die Schreie der SS-Wachen: „Aufrücken! Aufrücken!“ Die Mutter konnte dem kleinen Kind diesen Todeszug kaum erklären. Jahre später las Fassbender das Buch „Der gelbe Stern“ von Gerhard Schoenberner unter Tränen, sah mit Entsetzen die Fotos und wusste, dass sie fortan gegen das Vergessen würde ankämpfen müssen.

70 Jahre nach ihren verstörenden Beobachtungen war es ihr ein Bedürfnis, der Menschen zu gedenken, die Unfassbares erleiden mussten und die Befreiung vom Faschismus oft nicht mehr, oft todkrank erfuhren.

Viele Überlebende des Kochendorfer Todesmarsches waren damals so geschwächt, dass sie sich kaum noch an Details erinnern konnten, als der Hauptreferent der Veranstaltung, Hubert Roßmann, sie vor 20 Jahren befragte. Damals arbeitete der Lehrer und Schulleiter den Weg vom KZ Kochendorf nach Dachau, der unter anderem durch Weinsberg, Löwenstein, Wüstenrot, Mainhardt, Oberrot, Fichtenberg, Unterrot, Bröckingen und Sulzbach führte, auf.

Aus seinen Recherchen in Warschau ergab sich der Kontakt zu einem der Überlebenden, dem polnischen Maler und Grafiker Mieczyslaw Wisniewski. Gemeinsam fuhren die beiden 1995 die Wegstrecke der KZ-Häftlinge ab und dokumentierten sie in Gemälden und Zeichnungen sowie Begleittexten. Das Anliegen Hubert Roßmanns war es, die schrecklichen Ereignisse in der Heimatregion dem Vergessen zu entreißen und anschauliches Material für die Arbeit mit seinen Schülern bereitzustellen. Wisniewskis Bilder zeigen Stationen des Todesmarsches und dokumentieren Massengräber bei Mainhardt-Hütten und in Untergröningen. Der Maler selbst musste das bei Hütten mit ausheben. Allein hier wurden 47 Opfer des bisherigen Marsches vergraben, und von nun an wurden entlang der Route immer wieder Gräber geschaufelt.

Hubert Roßmann vermutet, dass bis heute nicht alle Toten gefunden worden sind. Wer beim Marsch nicht mitkam, lief Gefahr erschossen zu werden. Die Gefangenen hörten immer wieder Schüsse, manche von ihnen mussten mehrfach ihre toten oder auch nur reglosen Gefährten am Straßenrand verscharren. All dies geschah meist nachts, denn am zweiten Tag, einige Kilometer nach Löwenstein, war die Kolonne angegriffen worden von Jagdfliegern, die sie nicht als KZ-Häftlinge erkannten.

Alle versuchten, sich in den angrenzenden Wald zu retten. Einer der Wagen mit SS-Gepäck wurde getroffen, und viele Häftlinge erhofften sich Rettung von den Flugzeugen. Einer kniete auf dem Boden und rief: „Jetzt kommt der Frieden!“ Er wurde kurz darauf von einem SS-Wachmann erschossen, und der Todesmarsch fand vom nächsten Rastplatz aus nur noch nachts statt.

Das letzte der Bilder Wisniewskis zeigt die Ankunft in offenen Eisenbahnwaggons am 8. April 1945 morgens im Konzentrationslager Dachau. In jedem Wagen lagen Tote. Sie wurden gleich verbrannt. Der Rauch des Krematoriums war für den jetzt schwerkranken Wisniewski der erste Eindruck von Dachau.

Er wog nur noch 37 Kilogramm, aber er überlebte das Grauen. Elf Jahre nach seiner Dokumentation verstarb der Künstler im Jahr 2006. Er hinterließ ein Vermächtnis in Bildern, weshalb seit 1995 Stelen in Oberrot und andernorts an den Kochendorfer Todesmarsch erinnern. Die Gedenkveranstaltung wurde durch die ergreifende Musik des Trios „musica est ovest“ bereichert.

Mehrere Redner würdigten die Arbeit Hubert Roßmanns und gemahnten an die gemeinsame Verantwortung für eine Gegenwart und Zukunft ohne Fremdenfeindlichkeit und Terror.