Nahost-Krieg

180 Tote wegen eines Versehens?

Bei einem Angriff auf eine iranische Schule kamen mehr als 180 Menschen ums Leben – zumeist Kinder. Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sie durch eine US-Rakete starben.

180 Tote wegen eines Versehens?

Iraner bereiten die Särge für Kinder vor, die bei dem Angriff auf die Schule in Minab starben.

Von Rainer Pörtner

Der Angriff erfolgte kurz vor elf Uhr am ersten Morgen des Krieges. Die Shajareh-Tayyiba-Grundschule in der iranischen Stadt Minab hatte die Eltern der Schule kurz vorher aufgefordert, ihre Kinder abzuholen, weil seit rund einer Stunde israelische und amerikanische Raketen und Bomben im Iran einschlugen. Der Appell, die Schule zu räumen, kam zu spät: Das Gebäude wurde von mindestens einer Rakete getroffen. Nach iranischen Angaben starben mehr als 180 Menschen – fast alle waren Kinder.

Für den Angriff verantwortlich waren die USA, so das vorläufige Ergebnis einer internen Untersuchung der amerikanischen Streitkräfte. Das berichten übereinstimmend mehrere US-Medien, darunter die „New York Times“, CNN und die „Washington Post“. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fordert eine Prüfung, ob ein Kriegsverbrechen vorliegt.

„Wir nehmen niemals Zivilisten ins Visier“

US-Präsident Donald Trump hatte zwischenzeitlich behauptet, der Iran selbst habe die Schule angegriffen. Beweise für diese These legte er nicht vor. Verteidigungsminister Pete Hegseth beteuerte, „dass wir – im Gegensatz zu unseren Gegnern, den Iranern – niemals Zivilisten ins Visier nehmen“.

Die Untersuchung des Pentagon geht jetzt davon aus, dass die Attacke ein Versehen der US-Streitkräfte war. Möglicherweise wurde für die Zielauswahl veraltetes Datenmaterial verwendet. Die US-Militärs hätten einen Stützpunkt der iranischen Revolutionsgarde im Visier gehabt, der in unmittelbarer Nähe der Schule liegt.

Schule neben Marine-Basis

Nach Darstellung der „Washington Post“ war die Schule einmal Teil einer Marine-Basis, die mit den Revolutionsgarden in Verbindung gebracht wird. Seit 2016 sei das Schulgelände aber durch Zäune und Mauern vom Militärbereich abgetrennt worden. Seit 2017 sei zudem auf Satellitenbildern ein Spielplatz an der Schule erkennbar gewesen.

Der „New York Times“ zufolge erstellten Beamte des US-Zentralkommandos die Zielkoordinaten für den Angriff und verwendeten veraltete Angaben von Geheimdiensten. Allerdings betonten die Quellen der Zeitung, dass es sich um vorläufige Ergebnisse der Untersuchung handele und wichtige Fragen ungeklärt seien. Dazu zähle auch, warum die veralteten Informationen nicht noch einmal überprüft worden seien.

Bomben und Raketen auf mehr als 8900 Ziele

Die USA und Israel haben seit Kriegsbeginn am 28. Februar mehr als 8900 Ziele in Iran mit Bomben und Raketen angegriffen. Die Auswahl und Überprüfung dieser extrem großen Zahl von Zielen ist eine gewaltige Aufgabe. Um mit den riesigen Datenmengen umgehen zu können, setzen die Streitkräfte beider Länder immer stärker Künstliche Intelligenz (KI) ein. In den USA wird deshalb jetzt auch die Frage gestellt, ob die Verwendung von KI ein Faktor bei dem irrtümlichen Angriff auf die Schule in Minab war.

Der Blutzoll, den der neue Nahost-Krieg fordert, ist schon jetzt gewaltig. Nach groben Schätzungen liegt die Zahl der Toten bereits zwischen 1500 und 2000. Die allermeisten von ihnen starben im Iran und im Libanon, aber es wurden auch Todesopfer in Israel, Oman, Irak, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait gemeldet. Die Amerikaner trauern um inzwischen sieben tote US-Soldaten.

War das versenkte iranische Schiff unbewaffnet?

Nur wenig Beachtung fand der Untergang eines Kriegsschiffes fernab des eigentlichen Kriegsschauplatzes. Am 4. März versenkte ein US-U-Boot vor der Küste von Sri Lanka eine iranische Fregatte. Die Marine von Sri Lanka rettete 32 Seeleute und barg 87 Leichen aus dem Wasser. Mindestens 101 Besatzungsmitglieder werden vermisst.

Das iranische Schiff hatte zuvor auf Einladung Indiens an einer internationalen Militärübung teilgenommen und war vermutlich auf dem Heimweg. War diese Attacke ein Kriegsverbrechen?

Der Iran sagt, das Schiff sei zum Zeitpunkt des Angriffs in einer nicht-kämpfenden Rolle und „vollständig unbewaffnet“ gewesen. Diese Darstellung deckt sich mit Erklärungen aus Indien, dass Voraussetzung der Manöver-Teilnahme für alle Nationen gewesen sei, dass ihre Schiffe keine scharfe Munition an Bord haben. Das zuständige US-Marine-Kommando wies die Behauptung Irans, das Kriegsschiff „IRIS Dena“ sei unbewaffnet gewesen, als „falsch“ zurück.