Im Kurhaus Sand bei Bühl ist einst aristokratische Kundschaft abgestiegen. Jetzt lässt sich erkunden, wie die bessere Gesellschaft nächtigte.
Von Eberhard Wein
Sie liegen abseits der klassischen Touristenströme, verbreiten den Charme des Geheimnisvollen und erzählen authentisch von vergangenen Zeiten: Die Suche nach sogenannten Lost Places boomt. Doch der Hype zieht immer mehr Menschen an, die diese geheimnisvollen Orte zerstören. Nicht selten ist der Rundgang in einem leer stehenden Gebäude auch gefährlich und verboten.
Die baden-württembergische Tourismus Marketing GmbH hat jetzt eine Liste von Lost Places zusammengestellt, die ganz legal erkundet werden können. „Wir wollen die Menschen animieren, auch in der dunklen Jahreszeit nach draußen zu gehen“, sagt die Tourismus-Sprecherin Sannah Mattes.
Schwarzwaldhochstraße: Die Straße der verlassenen Herbergen
Die Schwarzwaldhochstraße zwischen Freudenstadt und Baden-Baden gilt längst als Boulevard der verfallenen Schönheiten. Auf der Panoramastrecke reihen sich verlassene Hotels und Gasthäuser, die vom Niedergang der Tourismusregion zeugen. Das Hotel Waldlust bei Freudenstadt hat es inzwischen zum wohl berühmtesten Lost Place in Deutschland gebracht. Eine Bürgerinitiative hat das Gelände gesichert und bietet Führungen durch die ehemals luxuriösen Zimmer, die den Charme des Morbiden verbreiten. In einer renovierten Suite kann man sogar übernachten.
Kurhaus Sand bei Bühl: Geisterhotel im Schweizerhaus-Stil
Doch es ist nicht der einzige ehemalige Beherbergungsbetrieb an der Schwarzwaldhochstraße, der mittlerweile wieder legal zugänglich ist. Auch das Kurhaus Sand bei Bühl, einst ein Grandhotel im Schweizerhaus-Stil mit eigenem Skilift und aristokratischer Kundschaft, ist dank eines Vereins an Wochenenden gegen Eintrittsgeld wieder zu besichtigen. Das Gebäude, Ende des 19. Jahrhunderts aus einer einfachen Schutzhütte unterhalb des Mehliskopfs entstanden, habe trotz des fortschreitenden Verfalls nichts von seinem alten Charme eingebüßt, sagt Mattes. In seinem Inneren sei es noch weitgehend originalgetreu erhalten.
Gruorn bei Münsingen: Das verlassene Dorf im Sperrbezirk
Jahrzehntelang war das Albgut Münsingen ein militärisches Sperrgebiet. Dort finden sich auch die Überreste des verlassenen Dorfes Gruorn. Die Kirche, der Friedhof und das Schulhaus erzählen die tragische Geschichte der Dorfbevölkerung, die 1939 für die Kriegsvorbereitungen weichen musste. In Gruorn ließ Adolf Hitler den Häuserkampf üben. Die Kaserne war gleich nebenan. Die einstige Generals- und Truppenunterkunft empfängt ihre Gäste heute als „Albgut“. In viele der historischen Gebäude haben die Inhaber Franz und Annegret Tress Hotels, Gastronomien, Manufakturen und Eventlocations einziehen lassen. In den entlegeneren Bereichen des weitläufigen Areals scheine die Zeit dagegen noch stillzustehen, sagt Mattes.
Marienwahl in Ludwigsburg: Die Pferde der Fürstin
Ludwigsburg ist gleich für mehrere Schlösser bekannt. Doch während im Blühenden Barock des Residenzschlosses sich zur Kürbiszeit die Besuchermassen drängen, liegen die Überreste des Schlosses Marienwahl still und verlassen abseits der belebten Straßen. Das klassizistische Anwesen wurde 1824 vom Architekten Ludwig Abel erbaut und diente zeitweise als Prinzenschloss. Zuletzt züchtete dort die ehemalige württembergische Prinzessin Pauline Fürstin zu Wied ihre Pferde und ließ sich unweit ihrer geliebten Tiere auch beerdigen. „Das Grab und die Ruinen der Stallungen kann man heute noch besuchen“, sagt Mattes.
Villa Moser in Stuttgart: Schokoladenvilla ohne Schokoladenseite
Vergessene Orte gibt es auch in der Landeshauptstadt. Einer ist die Villa von Eduard Otto Moser im Park des Leibfriedschen Gartens. Ein Luftangriff im Jahr 1944 zerstörte das imposante Landhaus des Schokoladenfabrikanten. Als Beitrag zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 wurden die Überreste des Baus und der verwilderte Park durch eine Kunststation des Architekten Hans Dieter Schaal wieder öffentlich zugänglich gemacht. „Bei einem Spaziergang kann man sich in der denkmalgeschützten Gartenanlage auf Spurensuche begeben“, sagt Mattes. Dabei verbreitet auch die Kunst nach 30 Jahren den Charme des Morbiden – quasi ein doppelter Lost Place.
Wasserschloss Menzingen: Die Strafe für den Steinmetz
Ein wenig ist es wie mit Graffitisprayern in heutiger Zeit, die selbst ihr Werk überpinseln müssen, wenn sie erwischt werden: Nachdem Kraichtaler Aufständische im Bauernkrieg das Wasserschloss Menzingen zerstört hatten, musste ein junger Steinmetz, der sich selbst daran beteiligt hatte, beim Wiederaufbau helfen. Sein Steinmetzzeichen ist überall verewigt. 1945 wurde das Schloss aber durch einen Bombenangriff wieder zur Ruine. Dadurch wurden auch Mauerteile der mittelalterlichen Burg wieder freigelegt. Die Anlage ist zwar im Privatbesitz, von einem nahen Ratsplatz kann sie aber gut eingesehen werden.
Schloss Dätzingen: Verwunschene Ruhestätte in Grafenau
Schloss Dätzingen im gleichnamigen Grafenauer Ortsteil im Kreis Böblingen ist schmuck saniert. Unscheinbarer ist dagegen der Schlossfriedhof. Verwitterung und Vandalismus haben ihm zugesetzt, inzwischen kümmert sich ein Verein um die Rettung der Anlage. Dort sind nicht nur die Angehörigen der örtlichen Adelsfamilien begraben, sondern auch Hans von Raumer, einst Reichswirtschaftsminister unter Gustav Stresemann. Die einst prunkvolle Parkanlage im englischen Stil, die den Adelsfriedhof umgibt, gleicht einem verwunschenen Ort.
Waldbad von Baienfurt: Gerade tot genug für einen Krimi
Im Waldbad von Baienfurt im Kreis Ravensburg ist es so unheimlich, dass sogar eine Folge der Fernsehserie „Die Toten vom Bodensee“ hier gedreht wurde. Einst roch es dort nach Sonnencreme, heute wuchert Moos und man hört nur noch das Zwitschern der Vögel. Bereits im 15. Jahrhundert soll es dort ein Heilbad gegeben haben. In den 1920er Jahren entwickelte sich das Waldbad dann zum beliebten Spaßbad und Veranstaltungsort. Mit der Stilllegung Mitte der 1970er Jahre blieben die Gebäude sich selbst überlassen. Der Haupttrakt brannte in den 1990er Jahren nieder. Das Betreten des Areals sei verboten, sagt Mattes. Aber das könnte sich ändern. Ein Investor möchte den geschichtsträchtigen Ort mit einem Hotel und einem Gastronomiebetrieb wiederbeleben.
Blick in den Festsaal des ehemaligen Grandhotels Waldlust. Es gilt mittlerweile als berühmtester Lost Place im Land.
Am Kurhaus Sand rüsten sich die illustren Gäste im Jahr 1906 zum Schlittschuhlaufen.
Die Kirche in Gruorn steht mitten auf dem ehemaligen Übungsgelände Münsingen.
Für die Pferde der württembergischen Prinzessin war es gut genug. Heute ist die Marienwahl ein Lostplace mitten in Ludwigsburg.
Typisch Stuttgart: Die Kunststation, die einst die Villa Moser als Lost Place wieder erschließen sollte, hat selbst die Patina eines Lost Place angenommen.
Auch diese Renaissance-Ruine in Kraichtal ist ein Lost Place.
Die Grabsteine auf dem Adelsfriedhof neben dem Dätzinger Schloss haben schon bessere Zeiten gesehen.