Der autobiografische Roman von Joachim Meyerhoff wurde 2015 ein Bestseller. Auch die Verfilmung ist vielversprechend. Es geht um die wilden Studienjahre des jungen Schauspielers.
Senta Berger brilliert als Oma von Joachim (Bruno Alexander), der nun mit ihr und Opa und Ex-Philosophieprofessor, Hermann (Michael Wittenborn) zusammenwohnt. Foto: Komplizen Film / Doll Filmproduktion
Von Martin Schwickert
Der Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller Joachim Meyerhoff hat aus der eigenen Lebensgeschichte maximal kreatives Kapital geschlagen. „Alle Toten fliegen hoch“ nennt sich die autobiografisch inspirierte Hexalogie, die zunächst auf der Bühne Gestalt annahm und später in Romanform veröffentlicht wurde.
Der zweite Teil „Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war“ wurde bereits vor drei Jahren von Sonja Heiss erfolgreich für das Kino adaptiert. In schillernden Farben erzählte der Film von der ungewöhnlichen Kindheit und Jugend des kleinen Joachim, dessen Vater eine Psychiatrie in Norddeutschland leitete, auf deren Gelände auch die ganze Familie ihr Quartier bezogen hatte. Mit Empathie und skurrilem Witz wurde hier durch die Augen des Jungen in eine Welt geblickt, in der Wahnsinn eine ganz alltägliche Normalität war.
Auf der Flucht vor familiären Problemen zieht Joachim zu Oma und Opa
Nun kommt unter der Regie von Simon Verhoeven („Willkommen bei den Hartmanns“) die dritte Romanfolge „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ auf die Leinwand, die von den wilden Studienjahren des angehenden Schauspielers in einer nicht weniger exzentrischen Umgebung berichtet. Auf der Probebühne der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München finden sich die Studierenden des ersten Semesters zu einem kollektiven Körpergebilde zusammen. Der Auftrag der Schauspiellehrerin Gretchen Kinski (Anne Ratte-Polle) lautet gemeinsam eine Maschine zu bilden. Ratlos steht Joachim (Bruno Alexander) um Rand. Erst nach Aufforderung der Lehrerin kriecht er am Boden zwischen seine Mitstudierenden und beginnt mit einem äußerst unglaubwürdigen, maschinellen Schnaufen. Teil eines großen Ganzen zu sein, gehört nicht zu den Kernkompetenzen des 20-jährigen, der bisher eher als schüchterner Einzelgänger durch das Leben gewandelt ist.
Hals über Kopf hat er sich auf der Flucht vor familiären Problemen an der Schauspielschule beworben und wurde zu seiner eigenen Überraschung aus einer Vielzahl von Bewerbenden ausgewählt. Den Unfalltod seines jüngeren, geliebten Bruders hat Joachim noch längst nicht verwunden, als er in der Münchner Villa seiner Großeltern die rosafarbene Dachkammer bezieht. Oma Inge (Senta Berger) war selbst einmal Schauspielerin. „Grausam“ und „demütigend“ sei dieser Beruf, den sie frühzeitig aufgegeben hat, um das eigene Leben zu ihrer Bühne zu machen. Fast jeden Satz spricht sie mit einer ausgesucht theatralischen Intonation und geht bei Gefühlsäußerungen gern in die dramatische Überhöhung. Großvater Hermann (Michael Wittenborn) war Philosophieprofessor und streut unermüdlich kluge Zitate in das Alltagsgeschehen ein.
Im Hause der Großeltern fließt der Alkohol in Strömen. Zum Frühstück Champagner, pünktlich um 18 Uhr wird der Whisky eingeschenkt. Und während aus den Telefunken-Lautsprechern „Peer Gynt“ ertönt, legt sich das angetrunkene Ehepaar auf den Wohnzimmerteppich und nimmt den Enkel liebevoll in die Mitte.
Nicht weniger illuster geht es in der Schauspielschule zu. Anforderungen, wie Fontane als Nilpferd zu rezitieren, überfordern Joachim deutlich. Auch den Auftritt als Statist an den Münchner Kammerspielen, wo er in einer „Faust“-Inszenierung sich mit einem Schaumstoffdildo an einem Baum reiben soll, hat er sich anders vorgestellt. Der Auftrag lautet, aus sich herauszugehen - und genau damit hat Joachim Schwierigkeiten. Die titelgebende „Lücke“ aus einem „Werther“-Zitat ist der allgegenwärtige, unverarbeitete Schmerz über den Verlust seines Bruders, den er in sich hinein gefressen hat. Aber dann, als er vor der Klasse ein Lied singen soll, beginnt Joachim zögernd „Tainted Love“ von Softcell zu intonieren und packt all seine Wut und Verzweiflung in die exzessive Darbietung des Songs.
Hinreißend ist Senta Berger als stilvoll verblühende Diva
Simon Verhoeven gelingt es bestens, den Geist von Meyerhoffs autobiografischen Roman einzufangen. Sein Film lebt von dem schillernden Kontrast zwischen Großeltern- und Enkelgeneration, die einander in Liebe zugeneigt gegenseitig viel zu geben haben. Während das betagte Paar sukzessive aus seinem exzentrischen Dasein zu verschwinden beginnt, tritt der 20-jährige an die Schwelle zu einem eigenständigen Erwachsenenleben. Dieses Nebeneinander von Abschied und Aufbruch inszeniert Verhoeven mit viel Feingefühl und einem Humor, der nicht nur nach der Pointe greift, sondern die Figuren herzlich umarmt. Dabei kann er auf ein hervorragendes Ensemble zurückgreifen. Bruno Alexander trifft genau den richtigen Ton eines tief verunsicherten jungen Mannes, der im kreativen Strom einer Schauspielschule nur langsam Selbstwertgefühle entwickelt.
Absolut hinreißend ist Verhoevens Mutter Senta Berger als stilvoll verblühende Diva, die in ihrer eigenen Sphäre zu leben scheint und dem Enkel dennoch immer wieder mit überraschendem Pragmatismus zur Seite steht. Die Rolle ist ein riesengroßes Geschenk an Senta Berger, die ihre Figur jenseits nahe liegender Typisierungen mit liebevollen Nuancen auskleidet.
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, Regie: Simon Verhoeven, mit Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, 137 Minuten, ab 6 Jahren.