Aus der Frühzeit der Pharaonen

Ägyptische Prunk-Palette mit Kuhkopf und Sternen gibt Rätsel auf

In der ägyptischen Religion waren Sonne und Sterne zentrale, göttliche Kräfte, die den zyklischen Lauf von Leben, Tod und Wiedergeburt verkörperten. Doch woher stammt diese Vorstellungswelt? Archäologen sind der Enträtselung jetzt einen Schritt nähergekommen.

Ägyptische Prunk-Palette mit Kuhkopf und Sternen gibt Rätsel auf

Die Prunk-Palette könnte aus der Zeit des Altes Reiches – etwa der Regentschaft von Pharao Djoser – stammen, der ersten der drei klassischen Perioden des Alten Ägypten, die ungefähr von 2700 bis 2200 v. Chr. dauerte.

Von Markus Brauer

Vergessen Sie die berühmte Himmelsscheibe von Nebra. Jene kreisförmige Bronzeplatte mit Applikationen aus Gold, die als die älteste bisher bekannte konkrete Himmelsdarstellung gilt. Ihr Alter wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt. Das Artefakt der Aunjetitzer Kultur aus der frühen Bronzezeit Mitteleuropas zeigt astronomische Phänomene und religiöse Symbole.

Sternbild aus proto-ägyptptischer Zeit

Hier geht es um das – wirklich – älteste bekannte Sternbild aus der Menschheitsgeschichte. Es stammt aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. und ist damit bis zu 1000 Jahre älter als das Wunderwerk von Nebra. Seine Herkunft liegt in der proto-ägyptischen Religion im Niltal.

Die Prunk-Palette aus Gerzeh

Es handelt sich um eine Prunk-Palette aus Girza bzw. Gerzeh. Das Artefakt stellt einen Kuhkopf mit fünf Sternen dar. Und genau dieses Bildmotiv zeigen auch einige weitere frühe Bilder aus anderen Orten im Niltal.

Die Darstellungsweise auf der Prunk-Palette ist allerdings sehr viel konkreter als andere, weil sie sowohl den Umriss zeigt als auch ganz deutlich die relevanten Haupt-Sterne angibt.

Das Spezifikum bei dem Sternen-Kuhkopf ist, eine Gestalt in die Tausende Sterne am Nachthimmel hineinzusehen und auf diesem Weg Ordnung in die Vielfalt zu bringen. Über die Assoziation Sternen-Kuhkopf und Himmelsgöttin soll Sinn in die Welt der Erscheinungen gebracht werden. Parallel dazu kennen wir von anderen Bildern der Jungsteinzeit im Niltal das Bildmotiv Frauenkörper mit Sonne als Kopf.

Was das Götterbild bedeutet

Das jungsteinzeitliche Bild von der Himmelsgöttin hat zwei Seiten: den Taghimmel mit der Sonnenscheibe als Sonnenfrau und den Nachthimmel als „Sternenkuh”. Der Wechsel zwischen Tag und Nacht stellt die menschliche Vorstellungskraft vor Herausforderumngen.

Der regelhaft wiederkehrende Wandel der Tageszeiten wurde götter-bildlich gedeutet als periodische Ablösung von der Sonnenfrau und dem Kuhkopf, wie der Bonner Ägyptologe Ludwig D. Morenz erklärt. Für die Deutung des Kuhkopfes als weiblich komme die Bilderwelt aus der Pharaonenzeit zu Hilfe, denn die Himmelsgöttin Hathor hatte eine Kuhgestalt.

Was die Palette mit dem Sternbild Orion zu tun hat

Alle fünf Sterne zusammen bilden Morenz zufolge das Sternbild, das unter dem griechischen Namen Orion bekannt ist. Dafür spreche die auffällige Konfiguration der Symbole. Aber auch unter historischen Aspekten gehörte dieses Sternbild unter dem Namen „Zehe“ in der Astronomie und Astrologie der pharaonischen Zeit zu den wichtigsten Sternbildern.

Die Sterne am Himmel waren dieselben, nur wurden sie in einer Denk- und Darstellungsrevolution der Pharaonenzeit zu einem anderen Stern-Bild gestaltet. „Solcherart Veränderung von religiösen bildlichen Vorstellungen kennen wir zwischen dem 4. und dem 3. Jahrtausend mehrfach. Der Kuhkopf bietet eine für die Ägypter kulturell und sakral bedeutungsvolle Gestalt an, schafft also ein Ordnungsmuster am ‚Himmelszelt‘“.

Göttin mit Sternen-Kuhkopf und als Sonnenfrau

Die Himmelsgöttin in Gestalt des Sternen-Kuhkopfs und der Sonnenfrau) zwige in bemerkenswerter Konkretheit ein Fenster in religiöse Vorstellungen und deren bildliche Gestaltung vor 5500 Jahren. In eine Zeit, über deren religiöse Vorstellungen die Ägyptologie – im Vergleich zu zur pharaonenzeitliche Religion mit ihren vielen Quellen – bisher nur sehr allgemeine Aussagen machen könne, erläutert der Forscher.

„Tatsächlich bestätigt dies eine seinerzeit völlig spekulative Deutung des Kulturphilosophen Walter Benjamin“, resümiert Morenz. „Demnach begann das Lesen sehr früh, noch ohne Sprache, aus Zeichen wie Sternen oder Tänzen. Später halfen Runen und Bilder. So entstand Sprache als höchste Form des Nachahmens und als großes Gedächtnis für Menschen.“