Planetarische Grenzen überschritten

Auf der Intensivstation: So krank ist die Erde durch den Menschen

Notfallpatient Erde: Übertriebe Panikmache? Nein! Sieben von neun Belastungsgrenzen des Planeten sind nach Angaben eines neuen Klimareports überschritten.

Auf der Intensivstation: So krank ist die Erde durch den Menschen

Der Mensch hat die Lunte gelegt. Noch kann die Explosion verhindert werden.

Von Markus Brauer

Die Gesundheit unseres Planeten ist zunehmend in Gefahr: Wie aus dem am Montag (21. September) vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) veröffentlichten Planetaren Gesundheitscheck für 2026 hervorgeht, nimmt bei allen sieben bereits überschrittenen planetaren Belastungsgrenzen die Belastung weiter zu. „Rekordtemperaturen in den Ozeanen, schwere Dürren, Überschwemmungen, Waldbrände und extreme Hitze zeigen, dass das Erdsystem zunehmend unter Druck steht“, warnen die Autoren.

Als planetare Grenzen werden miteinander verbundene Erdsystem-Prozesse definiert, die sich innerhalb sicherer Grenzen bewegen müssen, um die Stabilität und Widerstandsfähigkeit unseres Planeten zu erhalten. Sieben der neun planetaren Grenzen liegen den Angaben zufolge inzwischen außerhalb des sicheren Bereichs. Zuletzt war 2025 auch die planetare Grenze für Ozeanversauerung überschritten worden.

So stark überschritten wie nie zuvor

Alle sieben Grenzen – Klimawandel, Integrität der Biosphäre, Veränderung der Landnutzung, Veränderung des Süßwasserkreislaufs, Veränderung der biogeochemischen Kreisläufe, Eintrag menschengemachter Substanzen und Ozeanversauerung – sind dem aktuellen Planetaren Gesundheitscheck zufolge mittlerweile so stark überschritten wie nie zuvor.

Nur bei der Ozonschicht und der globalen Aerosolbelastung der Atmosphäre habe sich die Lage im vergangenen Jahrzehnt verbessert, erklärten die Autoren. Bei den Aerosolen liege die Belastung trotz globaler Fortschritte in einigen Regionen aber weiterhin außerhalb des sicheren Bereichs.

„Die Diagnose ist eindeutig: Der Druck auf alle planetaren Grenzen, die bereits außerhalb des sicheren Handlungsraums liegen, nimmt weiter zu“, erklärt PIK-Forscher Boris Sakschewski, der Leitautor des Berichts. Damit steige das Risiko „großräumiger, langfristiger und potenziell unumkehrbarer Veränderungen“. „Gleichzeitig wird unser Spielraum, diesen Problemen wirksam zu begegnen, immer kleiner“, warnt Sakschewski.

„Wir wissen, was zu tun ist“

„Wir wissen, was zu tun ist, und haben die Möglichkeiten und Lösungen, um gegenzusteuern“, fügt PIK-Direktor und Co-Autor Johan Rockström hinzu. Wichtig sei jetzt, schnell zu handeln, „um bei allen planetaren Grenzen in den sicheren Handlungsraum zurückzukehren“. „Nur so können wir unser Leben und unsere Lebensgrundlagen schützen und Wohlstand für alle auch in Zukunft sichern“, erläutert Rockström.

In diesem Jahr nahm der Bericht vor allem natürliche Kohlenstoffsenken in den Blick: Vegetation und Böden nehmen einen erheblichen Teil der vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen auf. Wiederholte Hitze, Dürren, Brände und die Schädigung von Ökosystemen können diese Aufnahme jedoch verringern und Ökosysteme können sich auf diese Weise in einigen Regionen von CO2-Speichern zu CO2-Quellen entwickeln.

Die Autoren gingen daher der Frage nach, ob Modelle, mit denen die Kohlendioxidaufnahme an Land berechnet wird, deren Widerstandsfähigkeit möglicherweise überschätzen. „Unser Weg zu Netto-Null-Emissionen ist auf funktionierende Kohlenstoffsenken angewiesen“, resümiert Sakschewski aus. „Aktuelle Beobachtungen sind ein Warnsignal dafür, dass unser Planet möglicherweise einen Teil seiner Fähigkeit verliert, die zunehmenden, von uns verursachten Belastungen abzupuffern.“ (mit AFP-Agenturmaterial)