Ärger um KI-Nutzung

Bald nur noch Untertitel? Synchronsprecher bestreiken Netflix

Die deutsche Synchronbranche ist im Aufruhr: Wegen umstrittener KI-Regeln fliehen bekannte Stimmen von Netflix. Was bedeutet das für Filmfans?

Bald nur noch Untertitel? Synchronsprecher bestreiken Netflix

Wer übersetzt ins Deutsche, wenn Hugh Grant künftig mal wieder die Worte fehlen?

Von Eberhard Wein

Der vermeintliche Reporter von „Horse & Hound“ hat da eine Frage: „Haben Sie je daran gedacht, mehr Pferde in den Film zu packen? Oder Hunde vielleicht?“ Klar, so tollpatschig stottern kann nur Hugh Grant. Oder Patrick Winczewski, seine deutsche Synchronstimme nicht nur in der Liebeskomödie „Notting Hill“. Wer nicht ohnehin dazu übergegangen ist, nur noch Originalfassungen zu schauen, muss bei solchen Szenen bald wohl ganz unromantisch in den Untertiteln mitlesen. Bei Netflix, Deutschlands beliebtesten Streamingdienst, zeichnet sich ein massiver Synchronisationsstau ab.

Winczewski war einer der ersten, der aus dem Studio floh. Weitere arrivierte Kollegen wie Ranja Bonalana und Matti Klemm taten es ihm gleich. Seit Jahresanfang sieht sich Netflix einem regelrechten Boykott seiner Synchronsprecher ausgesetzt. Und tatsächlich: schon bald werde man neue Filme und Serien aus den USA auf deutsch nur noch mit Untertiteln herausbringen können, heißt es in einem Schreiben, das Netflix an seine deutschen Synchronsprecher verschickt hat. Der Konflikt, der sich bisher vor allem intern abspielt, dürfte damit das Publikum erreichen.

Auch die Verbände streiten sich

Streitpunkt ist ein neuer Passus in den Arbeitsverträgen. Darin ist geregelt, dass die Sprecher auch Geld bekommen sollen, wenn eine Künstliche Intelligenz ihre Stimmen zur Vertonung von Filmsequenzen nutzt, sei es allein oder verquirlt mit anderen Stimmen. Ebenso geht es darum, dass Stimmen mittels KI älter oder jünger gemacht werden dürfen – all dies mit der jeweiligen Zustimmung und Honorierung des Künstlers. Fürs bloße Training der Systeme will Netflix die Stimmen aber kostenlos verwenden.

Inzwischen ist der Konflikt zu einem Streit der Verbände geworden. Man habe nicht zum Streik aufgerufen, unterstütze ihn aber, sagt Anna-Sophia Lumpe vom „Verband deutscher Sprecher:innen“ (VdS). Die Kollegen fürchteten, sich den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen. Selbst junge Sprecher, die sich erst noch etablieren müssten, beteiligten sich an dem Ausstand. „Die haben sehr viel zu verlieren“, sagt Lumpe.

„Wir können das Rad nicht anhalten“

Auf der anderen Seite steht die große Schauspielergewerkschaft BFFS. Der Berufsverband Schauspiel hat das Vertragswerk schon im vergangenen Jahr mit Netflix ausgehandelt. „Wir können das Rad nicht anhalten“, sagt das Vorstandsmitglied Till Völger. Aber man habe dafür gesorgt, dass die Sprecher weiterhin die volle Kontrolle behielten. Netflix habe auch zugesagt, weiterhin echte Synchronsprecher zu beschäftigen und eben nicht auf eine Komplettvertonung mittels Künstlicher Intelligenz zu setzen.

Solche KI-Modelle gebe es längst auf dem Markt. Zuletzt hatte Amazon Prime Video mehrere Titel mit KI-erstellten Stimmen veröffentlicht. Beim Publikum kam das allerdings nicht gut an. Die Fans rebellierten. Amazon zog das Feature wieder zurück. „Die Qualität der KI-Modelle ist noch schlecht, aber sie steigt“, sagt Völger. Irgendwann wird die Künstliche Intelligenz vielleicht so weit sein, dass sie auch einen stotternden Hugh Grant glaubwürdig ins Deutsche übersetzt.